Zeitreise: Jüdische Kriegsgefangene im Lager im Himmelmoor

Stand: 27.08.2021 19:17 Uhr

Das Henri-Goldstein-Haus erzählt die Geschichte 53 jüdischer Kriegsgefangener, die in Himmelmoor gelebt, geschuftet und gelitten haben.

von Philip Schröder

Noch ist es nur ein altes Haus. Kaum zu entdecken von der Quickborner Himmelmoorstraße aus. Fast unverändert seit mehr als 75 Jahren und wer es betritt, ist mitten drin in der Zeit, als hier Kriegsgefangene untergebracht waren, damals zwischen 1942 und 1945. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Kriegsgefangene, untergebracht in Lagern, eingesetzt für bestimmte Arbeiten - hier war es der Torfabbau, der archaische Brennstoff wurde zu Kriegszeiten wieder wichtig. "Aber bei diesen 53 Kriegsgefangenen handelte es sich um Soldaten jüdischen Glaubens, vor allem Belgier und Franzosen", sagt Jens-Olaf Nuckel vom Träger- und Förderverein Henri-Goldstein-Haus Quickborn e.V. dazu.

Verein setzt sich für Aufarbeitung ein

Henri Goldstein war einer der Gefangenen, die hier schuften mussten. Seine Anfragen an die Stadt Quickborn für die Anerkennung als Zwangsarbeiter haben später die Erforschung des besonderen kleinen Lagers erst in Gang gebracht. Seitdem arbeiten Jens-Olaf Nuckel und die Ehrenamtler vom Verein Henri-Goldstein-Haus daran, aus dem kleinen Backsteingebäude beim ehemaligen Torfwerk Himmelmoor eine Gedenkstätte zu machen. „Anfangs war das nicht so einfach“, sagt Jens-Olaf Nuckel: "Anfangs wollten viele nicht an die Geschichte erinnert werden, dass hier jüdische Kriegsgefangene gelitten haben."

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Wehrmachtssoldaten ergeben sich 1945 und halten weiße Tücher hoch. © picture alliance/akg-images Foto: akg-images

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Zusammengepfercht auf engstem Raum

Das gerade mal 100 Quadratmeter große Backsteinhaus war ein streng abgegrenztes Lager im Lager - Reste des Zaunes stehen heute noch. "Das war kein KZ, das ist wichtig. Für Kriegsgefangene war die Wehrmacht zuständig", sagt Nuckel. Aber die 53 Juden des Arbeitskommandos 1416 wurden viel schlechter behandelt als es für Kriegsgefangene eigentlich Vorschrift war.

Knochenarbeit im Akkord und Prügel

Ein Wohnraum der jüdischen Kriegsgefangenen in einer Baracke auf dem Torfwerksgelände am Rande des Himmelmoores.bei Quickborn. © NDR
Wenig Platz für viele Menschen: Die jüdischen Kriegsgefangenen wurden hier seinerzeit regelrecht eingepfercht.

"Überlegen Sie mal: 100 Quadratmeter, 53 Männer und dann noch Bänke, Betten, Spinde - da bleibt pro Mann nicht mal ein Quadratmeter Platz", sagt Bauhistoriker Dr. Peter Kallen. Das, was auf alten Plänen als "Besenkammer" auftaucht - der Experte hält es eher für eine Art Karzer, also einen Arrest-Raum. "Für renitente Gefangene. Sie konnten darin nur hocken oder stehen, aber nicht liegen. Und durch die Öffnung in der Wand kam der Latrinengestank. Henri Goldstein berichtet in seinen Erinnerungen ja davon, wie unerträglich der Gestank in dem großen Wohnraum war", sagt Dr. Kallen. Dazu kamen Knochenarbeit beim Torfstechen - jeder Gefangene musste 15 Kubikmeter pro Tag schaffen - Prügel von Aufsehern, bewusst schlechte Verpflegung, drangvolle Enge.

Alles noch im Originalzustand

Das alte Gebäude lässt die Situation der jüdischen Kriegsgefangenen heute noch nachfühlen, so gut ist es erhalten. "Die Wandfarbe stammt offenbar aus den 1950er-Jahren", sagt Bauhistoriker Dr. Kallen. "Aber ansonsten haben wir einen erstaunlich gut erhaltenen Originalzustand. Die Latrinen sind noch da, auch die Gucklöcher in den Wänden, durch die die Wachen jederzeit einen Blick auf die Gefangenen hatten." Henri Goldstein ist vor sieben Jahren gestorben. Nach ihm ist das Gebäude jetzt benannt. Noch sieht fast alles aus wie damals. Der Trägerverein der künftigen Gedenkstätte hat noch viel zu tun. Die Mitglieder haben aber auch viel Elan. "Mein Vater ist fast 100 geworden und war bis zum Schluss ein unbelehrbarer Nazi", sagt Gisela Maier vom Verein: "Auch deshalb ist mir das hier ein echtes Anliegen."

Eine Infotafel steht am Gebäude einer Baracke auf dem Torfwerksgelände am Rande des Himmelmoores bei Quickborn wo jüdische Kriegsgefangene untergebracht waren. © NDR
Die Ehrenamtler vom Verein Henri-Goldstein-Haus setzen alles daran, aus dem kleinen Backsteingebäude beim ehemaligen Torfwerk Himmelmoor eine Gedenkstätte zu machen.
Das alte Haus soll Gedenk- und Forschungsstätte werden

Jüngster Erfolg des Vereins: Die Stadt Quickborn hat dem Verein das Gebäude vor wenigen Wochen zur Nutzung überlassen, das Land hat 200.000 Euro Förderung zugesagt - für die Konservierung des Gebäudes. Und für einen Vertrag mit einem professionellen Historiker, der in Archiven weiter forschen soll, um zu den Namen in den mittlerweile gefundenen Gefangenenlisten irgendwann auch die Lebensgeschichten erzählen zu können. Die Geschichte von 53 jüdischen Kriegsgefangenen, die in Himmelmoor gelebt, geschuftet und gelitten haben.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Schleswig-Holstein Magazin | 29.08.2021 | 19:30 Uhr