Stand: 29.12.2019 11:03 Uhr

Ernst Barlach - vor 150 Jahren geboren und noch immer aktuell

von Maik Vukan

Der "Lesende Klosterschüler" - für viele war diese Holzskulptur wohl der erste Berührungspunkt mit dem Künstler Ernst Barlach (1870-1938). Damals, zu Schulzeiten, im Deutschunterricht. Die Lektüre von Alfred Anderschs Roman "Sansibar oder der letzte Grund" gehörte zum Standardwerk auf vielen Lehrplänen, nicht nur in Norddeutschland. Die fiktive Rettungsaktion für diese Holzskulptur durch fünf Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen das Kunstwerk vor dem Zugriff durch die Nationalsozialisten schützen wollten. Schauplatz: Rerik an der mecklenburgischen Ostseeküste.

Diese Skulptur prägte sich schon beim Lesen ein, bevor man sie jemals zu Gesicht bekam: Eine Figur, wie sie so typisch ist für Ernst Barlach. Der junge Mönch wirkt nach innen gekehrt, zugleich höchst konzentriert. Die Darstellung beeindruckt durch Reduzierung. Gesicht, Hände, die nackten Füße und die mächtige Präsenz, die uns in ihren Bann zieht und zum Nachdenken anregt.

Zeitreise: Ernst Barlach

Schleswig-Holstein Magazin -

Ernst Barlach, geboren vor 150 Jahren in Wedel, wurde bekannt durch die Skulpturen von Menschen aus einfachen Verhältnissen. Eine Zeitreise über das Schleswig-Holsteiner Multitalent.

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Zwischen Bildhauerei, Schreiben und Zeichnen

Vor 150 Jahren, am 2. Januar 1870, wurde Ernst Barlach in Wedel bei Hamburg als ältester von vier Söhnen geboren. Sein Vater war Arzt, zog des Berufes wegen mit der Familie zunächst 1872 ins mecklenburgische Schönberg, 1876 dann nach Ratzeburg, um dort weiter zu praktizieren. "Da, wo das schöne Wasser war", wie Ernst Barlach die Domstadt als Kind titulierte. Schon früh entwickelte Barlach eine Leidenschaft für Sprache und bildnerische Gestaltung. Und schon im Studium wollte er sich nie für eine der Künste entscheiden. Nach bildhauerischem Studium in Hamburg und Dresden, zog es ihn 1895 für zwei Jahre nach Paris, wo er sich hauptsächlich schriftstellerisch auslebte.

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Die vierbändige Ausgabe sämtlicher Barlach-Briefe enthält mehr als 2.000 private und geschäftliche Schreiben von Ernst Barlach.

Es war wohl die nur zweimonatige Reise nach Russland im Jahr 1906, die sein künstlerisches Schaffen zwischen Realismus und Expressionismus maßgeblich bestimmen sollte. Die Menschen, die er dort sah, in seinem Skizzenbuch festhielt und zurück in der Heimat in seinen Skulpturen wiedergab. Bauern, einfache, schnörkellose Menschen, in bescheidenen Verhältnissen zu Hause. Die Figur des Bettlers, des von allen materiellen Dingen losgelösten Menschen, inspirierte Ernst Barlach zutiefst und wurde für ihn zum Symbol der menschlichen Existenz schlechthin.

Aufstieg zum beachteten Künstler

Der Künstler hatte Glück und wurde früh vom Berliner Galeristen Paul Cassirer entdeckt. Die beiden schlossen einen Exklusiv-Vertrag, der Ernst Barlach wirtschaftlich so gut absicherte, dass er sich voll auf sein künstlerisches Schaffen konzentrieren konnte. Barlach ließ sich in Güstrow am Inselsee nieder. Sein lichtdurchflutetes Atelier am Ufer steht noch heute. Viele seiner bildhauerischen Werke können dort besichtigt werden. Neben Skulpturen aus Holz und Bronze umfasst Barlachs Werk aber auch mehr als 11.000 Druckgrafiken, Zeichnungen und Skizzen, sowie zahlreiche Theaterstücke und Romane.

Ein Dorn im Auge der Nationalsozialisten

Anfang der 1930er-Jahre führen Barlachs Werke zu immer schärferen Konflikten mit den  Nationalsozialisten. Viele seiner Skulpturen wurden zur "entarteten Kunst" deklariert und beschlagnahmt, teilweise sogar zerstört. Ernst Barlach sollte sich davon nicht mehr erholen und starb am 24. Oktober 1938 in einer Rostocker Klinik an einem Herzinfarkt. Begraben aber wurde er am Ort seiner Kindheit - in Ratzeburg: "Da, wo das schöne Wasser war."

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Neben der Bildhauerei, schrieb Ernst Barlach auch viele Texte, wie Theaterstücke oder Romane.

Seine Hoffnung auf das Gestalten einer besseren Welt lebt noch heute fort, 150 Jahre nach seiner Geburt. Das Ratzeburger Barlach-Museum, vom Künstler selbst als "Altes Vaterhaus" bezeichnet, widmet sich ab diesem Frühjahr einer multimedialen Denkwerkstatt. Unter dem Titel "Barlach 2020" soll das Bild des weltberühmten Künstlers entstaubt werden und ein virtueller Thementransfer vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart stattfinden. Gemeinsam mit Film- und Medienkünstlern will die Ernst Barlach Gesellschaft seine Ideen zu neuem Leben erwecken und die Relevanz seiner Werke für die heutige Zeit unter Beweis stellen. Pünktlich zum Jubiläum ist außerdem eine vierbändige Ausgabe sämtlicher Barlach-Briefe erschienen. Mehr als 2.000 private und geschäftliche Schreiben aus seiner Feder, die einmal mehr beweisen, dass Barlach sich bis zum Schluss nie festlegen wollte - zwischen Sprache, Bildhauerei und Zeichnen als künstlerischem Ausdrucksmittel.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 12.01.2020 | 19:30 Uhr