Zeitreise: Die Geschichte um das "Tor der Hoffnung"

Sendedatum: 21.03.2021 19:30 Uhr

Mäzen und Kaufmann in den 1930er Jahren: Rudolf Groth investierte Millionen in die Lübecker Hansestadt. Mit dem Bau eines Wohnkomplexes mit dem Namen "Tor der Hoffnung" machte sich Groth unvergessen.

von Julia Lindenau

Wer mit dem Fahrrad an der Wakenitz im Lübecker Bezirk Marli entlang radelt, sieht ihn schon von Weitem: diesen imposanten, dreigeschossigen Wohnkomplex. Wie ein riesiges "U" öffnet sich der unter Denkmalschutz stehende Bau zum Wakenitzufer hin. Viele Touristen kommen hierher, um einmal durch das große Portal zu gehen und von dort auf die sieben Türme der Hansestadt zu blicken: das "Tor der Hoffnung".

Heikedine Körting bekannteste Bewohnerin

"Schlägt dir eine Hoffnung fehl, nie fehle dir das Hoffen. Ist ein Tor zugetan, sind tausend andere offen." Dieser Spruch prangt über dem steinernen Torbogen. Heikedine Körting kennt ihn immer noch auswendig. "Das ist etwas, was mich in meinem Leben auch begleitet hat. Nie aufgeben, immer denken, es geht vorwärts, es wird besser", erzählt sie. Heikedine Körting ist eine der bekanntesten, ehemaligen Bewohner*innen des Wohnkomplexes. Viele kennen sie als Hörspielproduzentin der "Drei ???".  In den 1950ern hat die gelernte Rechtsanwältin hier gewohnt. Mit ihren großen Brüdern Klaus und Uwe ist Heikedine Körting im "Tor der Hoffnung" aufgewachsen. "Am schönsten war es natürlich, dass da jede Menge Kinder lebten. Ich war ungefähr fünf Jahre alt, als wir von der Marlistraße aus in ein ganz kleinen Dachgeschoss ins "Tor der Hoffnung" wechseln durften und dann auch eine schöne Terrasse hatten. Nach vorn hin war der Schevenberg, auf dem wir rodeln konnten und unseren Spaß hatten und am Wasser waren Schrebergärten. Herrlich!" Eine heile Welt sei es damals gewesen, schwärmt sie noch heute.

Mexiko wurde zur zweiten Heimat

Gebaut hat das "Tor der Hoffnung" in den 1930ern der Lübecker Mäzen Rudolf Groth. Bis ins hohe Alter hat sich der Lübecker Kaufmann für seine Heimatstadt sozial engagiert und Millionen investiert. Der imposante Rundbau war für ihn eine Herzensangelegenheit. Vor 85 Jahren fiel der erste Spatenstich. 1936 herrschte in der Hansestadt Wohnungsmangel. Rudolf Groth wollte seiner Heimatstadt helfen, ihr etwas zurückgeben. Als 19-Jähriger verließ er im Sommer 1900 mit 300 geliehenen Goldmark sein geliebtes Lübeck, um in Mexiko sein Glück zu versuchen - das dann zu seiner zweiten Heimat wurde. Angeblich schwor er zuvor, erst dann zurückzukommen, wenn er es zu etwas gebracht hatte. Den Bau des Wohnkomplexes organisierte der Kaufmann zum Teil aus dem Ausland. Im Februar 1937 feierte das dreigeschossige Gebäude mit 46 Wohnungen Richtfest. Unterlagen zum Bau gibt es kaum noch. Dr. Jan Lokers, Direktor des Lübecker Stadtarchivs, vermutet, dass die meisten Unterlagen und Pläne 1942 in der Palmarum-Nacht beim Luftangriff der Engländer verbrannt sind.

Nationaler Sozialist der Tat

Rudolf Groth wollte damals Wohnungen für Bedürftige bauen. Er sei ein zutiefst sozialer Mensch gewesen, sagt Stadtarchivar Dr. Jan Lokers: "Er war geprägt durch seinen Vater, der Volksschullehrer in Lübeck war, den er früh verloren hatte, der ihn aber in diesen wenigen Jahren durch das, was er gemacht hat, tief geprägt hat." Dieses Motto würde sich durch das ganze Leben von Rudolph Groth ziehen. Wie seine Haltung zum Nationalsozialismus war, darüber kann Dr. Jan Lokers nur mutmaßen. In einem Brief an das Lübecker Tiefbauamt, eines der wenigen noch existierenden Dokumente, unterschreibt Rudolf Groth mit "Ihr nationaler Sozialist der Tat".

"Er war Privatmann. Er musste sicherlich Kontakte haben, hier zum Lübecker NS-Senat, um diesen Bau umsetzen zu können", erklärt Dr. Jan Lokers. "Er bezeichnet sich nicht als Nationalsozialist der Tat, sondern als nationaler Sozialist. Sicher war er ein national denkender Mann und er war ein sozialer Mann, das hat er ja schon vorher bewiesen und bewies er auch in der nachfolgenden Zeit. Er hat sich meiner Wahrnehmung nach mit dieser Schlussformulierung auch etwas distanziert."

Bundesverdienstkreuz und Lübecker Ehrenbürgerschaft

Er hätte viel für Lübeck getan und sei sehr beliebt gewesen, erinnert sich Lisa Lore Schulze. Die 97-Jährige kennt zahlreiche Geschichten über Rudolf Groth. Denn der Bauherr war nicht nur in Lübeck stadtbekannt, er wohnte auch lange Zeit direkt unter ihr. In der Nummer 16, die mit den großen Eckfenstern und dem exklusiven Blick über die Wakenitz auf die sieben Türme. "Mein Mann hat ja eine Zeit lang das Haus verwaltet für ihn. Er wollte immer, dass alles so blieb, wie es war. Er legte auch immer Wert darauf, wer hier einzog", erinnert sich die Lübeckerin.

Bewerbungsgespräche hätte es zahlreiche gegeben. Damals wohnte man noch zur Miete. Anfang 2000 wurde der Wohnkomplex verkauft und spülte so Millionen in die Lübecker Stadtkasse. Mittlerweile sind es Eigentumswohnungen. Für sein soziales Engagement wurde Rudolf Groth 1982 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, die Stadt Lübeck verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft. Seine letzten Jahre verbrachte er im "Tor der Hoffnung". Mit 104 Jahren verstarb der Lübecker in seiner geliebten Heimatstadt. "Was es auch Gewaltiges gibt zu erleben - den Mitmenschen Freude zu machen, ist doch das Beste." In großen Buchstaben ist das Lebensmotto des Kaufmanns über dem steinernen Portal zu lesen. Mit seinem "Tor der Hoffnung" sind viele Familien der Hansestadt bis heute eng verbunden.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Schleswig-Holstein Magazin | 21.03.2021 | 19:30 Uhr

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