Das schwarz-weiß Foto zeigt eine Gruppe von Männern, die Kühe begutachtet.

Zeitreise: Der Husumer Viehmarkt

Stand: 05.03.2021 17:00 Uhr

Im 19. Jahrhundert entstand in der "grauen Stadt am Meer" einer der größten Viehmärkte Europas.

Das schwarz-weiß Foto zeigt mehrere Männer, die vor einem Zaun stehen, hinter dem viele Kühe stehen.
Zu Hochzeiten wechselten auf dem Viehmarkt in Husum über 100.000 Nutztiere den Besitzer.

Seit dem Mittelalter schon war Husum DER Umschlagplatz für Vieh, lag der Ort doch am Ochsenweg. Im 19. Jahrhundert importierte England dann für die Ernährung seiner arbeitenden Bevölkerung tausende Rinder und Schafe aus Tönning. Der Handel lief über Husum. Dort wurden mit dem Ausbau von Straßen und einer Eisenbahnroute nach Norden und Süden beste Absatzvoraussetzungen geschaffen: 1888 öffnete der Husumer Viehmarkt zum ersten Mal seine Tore mit Platz für bis zu 5.000 Rinder und 2.000 Schafe. Umsatzhöhepunkt mit 45 Millionen Goldmark erlangte der Viehhandel 1910. In dem Rekordjahr wechselten 118.000 Tiere den Besitzer dort, wo heute das Kreishaus Husums steht. 

Es galt der dreifache Handschlag

Das schwarz-weiß Foto zeigt drei Männer, die eine Kuh begutachten.
Alle Tiere wurden genauestens begutachtet und dann verkauft. Besonders beliebte Exemplare blieben direkt bei den Schlachtern vor Ort.

Viehhändler, Schlachter, Gastwirte, Landwirte, Marktverwalter, Bänker, Bahnbeamte: Eine ganze Region lebte vom Handel mit dem Vieh in der grauen Stadt am Meer. Per Bahn, Schiff oder in Driften kamen die Rinder von Sonnabend bis Montag aus dem Umland in den Monaten des Weideabtriebs in die Stallungen hinter den unzähligen Gasthöfen der Husumer Neustadt. Ab 18 Uhr Dienstagabend galt: Fütterungsverbot. In der Nacht zum Mittwoch begann der Marktauftrieb: Zu tausenden brachten Treiber die Rinder auf den Viehmarkt. Der Handel um die besten Rinder war reine Männersache. Es galt der dreifache Handschlag, bezahlt wurde in bar. Für 14.000 D-Mark gab es in den 1950er Jahren zehn Rinder. Von Mittwochmittag bis Donnerstagfrüh mussten rund 4.000 Rinder am Husumer Güterbahnhof in den richtigen Waggon Richtung Paris, Basel, Köln oder Berlin verladen werden.

Wirtschaftszweig Viehhandel: Schlachtereien und Gastwirtschaften

Das schwarz-weiß Foto zeigt Kühe auf einer Koppel vor einem großen Gebäude.
Während Husum damals noch ein wichtiger Umschlagplatz für Vieh war, ist der Nutztierhandel in der Stadt heute seit rund 50 Jahren kaum noch vorhanden.

Ortsansässige Schlachter sicherten sich natürlich die besten Rinder für ihre eigenen Schlachtereien. 32 Schlachter zählte Husum in den 1950er Jahren. Gute Geschäftsabschlüsse wurden bei viel Teepunsch, Kümmel und "Lütt und Lütt" in den Gasthöfen gefeiert. An den Markttagen gab es auch warme Küche: meist Roastbeef oder Rinderbraten - natürlich. Manchmal verirrte sich auch - so Erzählungen - das in den Stallungen hinter den Wirtschaften untergebrachte Vieh in die Gasträume. Bis 1963 lebte eine ganze Region vom Marktgeschehen. Dann kamen die Kühltransporte und der Husumer Schlachthof wurde 1963 abgebaut. Die Marktbeschickung und der Bahnversand mit lebendem Vieh: rückläufig. Gastwirte und Schlachter mussten sich auf andere Kundschaft einstellen. Im November 1970 erklang sie zum letzten Mal: die Glocke des Husumer Viehmarkts und besiegelte das Ende eines der größten Viehmärkte Europas.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 07.03.2021 | 19:30 Uhr