Sendedatum: 06.10.2019 19:30 Uhr

Zeitreise: Der Bilderschmuggler von 1989

von Maik Vukan

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Siegbert Schefke trug mit seinen Filmaufnahmen von den Montagsdemos in Leipzig 1989 zum Sturz der DDR-Führung bei.

"Ich wollte die DDR-Führung nicht pieksen. Ich wollte die Regierung weg haben, die Mauer, den Stacheldraht", sagt Siegbert Schefke, auch heute noch ein überzeugter Gegner des SED-Regimes. Er ist zu Besuch in Kiel, blickt auf die Förde und genießt die Freiheit. "Wir haben doch jetzt alle Möglichkeiten. Könnten sofort eine dieser Fähren nehmen und nach Schweden oder Norwegen fahren. Echte Freiheit ist das." Der Bundesrat hat ihn eingeladen, hier in der Landeshauptstadt an den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit teilzunehmen und seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte von Widerstand, Stasi-Einschüchterungen und den heimlichen Filmaufnahmen der Leipziger Montagsdemonstrationen.

Siegbert Schefke

Wider die DDR-Propaganda: Der Bilderschmuggler

Schleswig-Holstein Magazin -

Zehntausende protestierten bei der Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig gegen das SED-Regime. Dass der Westen davon Filmaufnahmen bekam, ist Siegbert Schefke zu verdanken.

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30 Jahre eingesperrt, 30 Jahre in Freiheit

Aufgewachsen in der DDR, hat Schefke die Hälfte seine Lebens "eingesperrt" verbracht. "Die ersten 30 Jahre hinter Mauer und Stacheldraht - und jetzt seit 30 Jahren in Freiheit." Er bekommt schon früh Probleme mit dem System, ist nicht angepasst genug, darf nicht - wie gewünscht - Architektur studieren. Er absolviert erst eine Lehre als Baufacharbeiter, dann den Pflichtwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee. 1986 gründet Schefke mit Freunden im Keller einer Ost-Berliner Kirche die Umwelt-Bibliothek. Er engagiert sich in der Friedens- und Umweltbewegung, bringt ein monatliches Pamphlet heraus. Und gerät ins Visier der Staatssicherheit.

Ein telefonischer Kontakt zu Roland Jahn entsteht. Der Bürgerrechtler und heutige Leiter der Stasiunterlagenbehörde ist 1983 ausgebürgert worden, arbeitet dann beim Sender Freies Berlin für das ARD-Magazin Kontraste. Das bringt Schefke auf die Idee, gemeinsam mit seinem Freund Aram Radomski heimlich in der DDR zu filmen: Umweltsünden dokumentieren, den Verfall der Städte auf Video festhalten. Er schmuggelt die Kassetten in den Westen, damit sie dort im Fernsehen gezeigt werden - die Macht der Bilder als Waffe gegen die Regierung der DDR.

Heimliche Aufnahmen der Leipziger Montagsdemonstration

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Siegbert Schefke hält die erste richtig große Montagsdemo auf Video fest.

Schefke und Radomski haben große Mühe, am 9. Oktober 1989 unerkannt aus Ost-Berlin in Richtung Leipzig aufzubrechen. Es ist eine Herausforderung, die Spitzel der Stasi abzuschütteln. Auf der Autobahn überholen sie Militärkonvois - bewaffnete Soldaten auf Lastwagen, ebenfalls auf dem Weg nach Leipzig. Plant das Regime ein gewaltsames Vorgehen gehen die Demonstranten? Die beiden Aktivisten suchen nach einem erhöhten Punkt, um eine gute Sicht auf die Straßen rund um den Hauptbahnhof zu haben. Sie haben Glück: Der Pastor der reformierten Kirche lässt sie auf den Turm. Im Taubendreck entstehen in völliger Dunkelheit die legendären Aufnahmen der ersten richtig großen Montagsdemo: 70.000 Menschen ziehen durch die Straßen und rufen "Wir sind das Volk!"

Ein befreundeter Spiegel-Korrespondent schmuggelt die Videokassette nach West-Berlin. Am kommenden Tag laufen die Bilder in den ARD-Tagesthemen, werden als "Aufnahmen ausländischer Journalisten" angekündigt, um die wahren Urheber zu schützen. "Wir waren uns sicher, dass dieser Tag die Welt, oder zumindest Ost-Europa, verändern würde. Und genauso kam es dann ja auch", erinnert sich Siegbert Schefke an die Dreharbeiten auf dem Kirchturm.

Die Angst wechselt die Seiten

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So sieht es heute aus, wenn man von dem Kirchturm hinunter blickt, von wo Siegbert Schefke einst filmte.

Inzwischen hat er ein Buch geschrieben über die Ereignisse. "Meine Tochter meinte: Du bist jetzt 60, du wirst langsam vergesslich", schmunzelt Schefke. Der Titel beschreibt für ihn am besten, was an jenem 9. Oktober 1989 in Leipzig passierte: "Als die Angst die Seiten wechselte. Plötzlich sind so viele Menschen mutig gemeinsam auf die Straße gegangen, dass die Tage der Regierung in Ost-Berlin gezählt waren." Siegbert Schefke und Aram Radomski haben ihren Teil zum großen Ziel beigetragen: die DDR-Führung nicht nur zu pieksen, sondern sie ganz weg zu bekommen - inklusive Mauer und Stacheldraht.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.10.2019 | 19:30 Uhr