Zeitreise: Botanische Schätze an einem geheimen Ort

Stand: 08.08.2021 12:49 Uhr

Im Herbarium im Botanischen Garten in Kiel lagern Pflanzenschätze von internationaler Bedeutung und Zeugnisse großer Expeditionen.

von Kati Bochow

Es ist ein unscheinbarer Raum, doch in ihm liegt ein Schatz von internationaler Bedeutung: Zeugnisse der ganz großen Expeditionen, die einst auf den Weltmeeren unterwegs waren, lagern jetzt an einem geheimen Ort. 100.000 Bögen mit Pflanzen und Pflanzenteilen aus der ganzen Welt, teilweise mehrere Jahrhunderte alt. 

Der Wert der Pflanzen: unschätzbar

Professor Dietrich Ober, Direktor des Botanischen Gartens Kiel, gibt ein Interview. © NDR
Nicht einmal Professor Dietrich Ober, der Direktor des Botanischen Gartens Kiel, kennt den genauen Wert der kostbaren Pflanzensammlung.

Wie wertvoll dieses historische Herbarium genau ist, weiß der Direktor des Botanischen Gartens, Professor Dietrich Ober, gar nicht. "Ich habe es bisher einfach noch nicht geschafft, alle Bögen durchzusehen", sagt der Wissenschaftler. Aber Entdeckungen hat er schon gemacht: Bögen mit Pflanzen, gesammelt auf den großen Forschungsexpeditionen im 18. und 19. Jahrhundert. Mit dabei: Stücke von Alexander von Humboldt. Der war 1799 in Venezuela unterwegs und sammelte zum Beispiel winzige Moose, die nun in Kiel liegen. Und Pflanzen aus der Südsee, archiviert vom Naturforscher Georg Forster. Von 1772 bis 1775 hat er - gerade einmal 17 Jahre alt - an einer Weltumsegelung teilgenommen. Unter dem Kommando eines der berühmtesten Entdeckers aller Zeiten: James Cook. Viele wertvolle Erstfunde hat Forster von dieser Fahrt mitgebracht. 

Forscher arbeiteten schon damals in internationalen Netzwerken

Dieses Herbarium zeigt neben den wertvollen getrockneten Pflanzen auch, dass die Kieler Forscher schon im 18. Jahrhundert global vernetzt arbeiteten und gegenseitig ihre Funde austauschten - über Ländergrenzen hinweg. Und das, obwohl die europäischen Großmächte damals ständig Krieg gegeneinander führten. "Wissenschaftlich war Kiel damals eben keine Provinz", sagt Professor Ober, "sondern mittendrin im Forscher-Netzwerk".

Nahaufnahme einer konservierten Pflanze. © NDR
Die Sammlung ist in Gefahr: Säure und Schimmel greifen die archivierten Pflanzen an.
Das Problem: Säure zerfrisst Papier und Sammlung

Nach der teilweise über 200-jährigen Lagerung in Aktenschränken befindet sich der Schatz inzwischen in einem schlechten Zustand: "Das säurehaltige Papier zeigt deutliche Alterungsspuren, die Blattränder brechen ab, teilweise fallen Pflanzenteile aus den Pappen heraus, wenn man sie für die Forschung verwenden will", erklärt Ober. Zudem sorgen Staub, Lichteinfall und früherer Schimmelbefall für schnell voranschreitende Alterungsprozesse. Der Schatz braucht also dringend eine Sanierung. Und dafür gab es jetzt eine Förderung vom Land: 42.000 Euro. Die ermöglichen es Professor Dietrich Ober und seinem Team, die wertvollen Bögen zu konservieren und sie in fest schließenden Boxen zu lagern. 

200 Jahre alt, aber noch immer eine genetische Datenbank

Nahaufnahme einer konservierten Pflanze. © NDR
Die zum Teil mehrere Jahrhunderte alten Pflanzenteile sind bis heute für Forschungsarbeiten aus aller Welt von Nutzen.

Schon jetzt fragen Fachleute aus aller Welt für ihre Forschungsarbeiten regelmäßig beim Kieler Herbarium nach alten Pflanzenfunden. Aber faszinierend ist nicht allein die historisch-botanische Bedeutung der Sammlung. Die Bögen sind wie eine genetische Datenbank, denn bis heute lässt sich aus den Teilen vielleicht längst ausgestorbener Pflanzen deren DNA komplett bestimmen und untersuchen. 

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.08.2021 | 19:30 Uhr