Stand: 26.06.2020 15:00 Uhr

Landvolkbewegung - für die Bauern gegen die Regierung

von Karl Dahmen

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Als viele Bauern in Schleswig-Holstein kaum noch ihre Steuern bezahlen können, trifft dies auch Landwirt Wilhelm Hamkens und seine Familie.

Er war Ende der 1920er Jahre so etwas wie der Star der schleswig-holsteinischen Bauern: Der Eiderstedter Landwirt Wilhelm Hamkens war das Gesicht der Landvolkbewegung. Die hatte der Mann mit dem Hof in Tetenbüll gemeinsam mit dem Dithmarscher Claus Heim 1928 gegründet. Sie waren es leid, bei der Suche nach finanzieller Hilfe von der Regierung der Weimarer Republik hingehalten zu werden. Ein Hof nach dem anderen kam in Schwierigkeiten. Die Steuern waren zu hoch, die ausländische Konkurrenz zu billig. Höfe mussten zwangsversteigert werden, den schleswig-holsteinischen Landwirten reichte es. 

Kampf gegen den Staat

Im Januar 1928 demonstrierten in der nördlichsten Provinz 140.000 Bauern gegen die Politik von Kiel und Berlin. Allein in Heide versammelten sich 20.000 Landwirte. Und immer noch nahmen die Regierungen in Kiel und Berlin die Bauern nicht ernst. Das war der Beginn gezielter Aktionen unter Führung von Heim und Hamkens. Es wurde ein Steuerboykott verkündet, allein in Itzehoe verbrannten 1.200 Bauern ihre Steuerbescheide. Und die Bauern riefen zum Widerstand gegen Zwangsversteigerungen und Pfändungen auf. In Beidenfleth nahmen Gemeindediener Reißaus vor 200 mit Stöcken bewaffneten Bauern.

Eine Fahne wird zum Streitobjekt

Wilhelm Hamkens wurde mehrmals verhaftet und verurteilt. Als er in Neumünster entlassen werden sollte, versammelten sich mehr als 1.000 Bauern, um ihn nach der Gefängnisstrafe zu empfangen. Die Bauern brachten ihre neue Fahne mit, sie war schwarz mit silbernem Pflug und rotem Schwert. Als Fahnenstange diente eine Sense. Diese sahen die zum Schutz des Gefängnisses aktivierten Polizisten als eine Waffe an und entrissen den Bauern die Fahne. Daraufhin wurde die Stadt Neumünster ein halbes Jahr lang von den Landwirten boykottiert. Es gab keinen Markt, Nahrungsmittel wurden nicht geliefert. Erst als Stadtvertreter die Fahne an Wilhelm Hamkens und andere Bauern übergaben, wurde der Boykott gegen die holsteinische Stadt beendet.

Radikalisierung und Niedergang

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Wilhelm Hamkens (r.), hier mit seiner Frau zu sehen, gilt damals als das Gesicht der Landvolkbewegung, die sich gegen die Regierung auflehnt.

Inzwischen war es zu einem Zerwürfnis zwischen Heim und Hamkens gekommen. Während der Eiderstedter auf passiven Widerstand setzte, wollte der Dithmarscher mehr Aufmerksamkeit. Er verkaufte eigenes Land von seinem Hof und beschaffte mit dem Geld Bomben, die er und seine Helfer gegen Landrats- und Finanzämter und selbst gegen den Berliner Reichstag einsetzten. Auch wenn kein Mensch bei den Anschlägen starb, gab es großen Sachschaden. Heim und seine Helfer wurden verhaftet und viele Bauern entfremdeten sich der Bewegung, die ihnen zu radikal geworden war.

Die Nazis als Nutznießer

Die Nationalsozialisten ernteten nun das, was die Landvolkbewegung gesät hatte. Die Bewegung war nationalistisch und  antisemitisch, ersann Verschwörungstheorien. Mit ihrem Kampf gegen die "Judenrepublik", wie viele Bauern die Weimarer Republik hetzerisch nannten, mit ihrer Ablehnung der Demokratie, spielten sie den Nazis in die Hände. Mit dem Niedergang der Landvolkbewegung stieg die Mitgliederzahl der NSDAP. Während die Partei bei Beginn der Bauernproteste lediglich vier Prozent bei Wahlen in Schleswig-Holstein errang, waren es 1930 schon 27 Prozent. Claus Heim und Wilhelm Hamkens grenzten sich stark von den Nationalsozialisten ab, vor allem, weil deren Herrschaftssystem den eigensinnigen Männern nicht passte. Eine Zentralgewalt, wie sie die Nazis umsetzten, lehnten sie ab. Aber die Geister, die sie riefen, wurden sie nun nicht wieder los. Schleswig-Holstein hatte als erste Provinz Preußens eine nationalsozialistischen Mehrheit im Parlament. 

In unserer Zeitreise erzählen wir von Wilhelm Hamkens und seinem Streit für die Bauern und gegen die Regierung. Ein Kampf, der von Eigensinn und Freiheitsidealen geprägt war, aber auch von völkischen und nationalistischen Gedanken und antidemokratischen Ideen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.06.2020 | 19:30 Uhr

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