Stand: 04.11.2019 12:12 Uhr

Zeitreise: Der erste und letzte DDR-Plattenbau in Schleswig-Holstein

von Karl Dahmen

Arnold Golin schaut auf den Wohnkomplex mit 48 Eigentumswohnungen in Bad Segeberg und meint zufrieden, das Gebäude sähe immer noch gut aus. Dabei wird es bereits seit 1985 bewohnt und kaum einer weiß in der Stadt am Kalkberg heute noch von der erstaunlichen Entstehungsgeschichte des Hauses an der Trave. Gebaut wurde es nämlich als eine Art Pilotprojekt vom Wohnungsbaukombinat Halle. Die DDR plante damals offensichtlich, auf dem westdeutschen Wohnungsmarkt Fuß zu fassen.

Ein DDR Plattenbau in Bad Segeberg.

Zeitreise: DDR-Plattenbau in Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein Magazin -

In der ehemaligen DDR findet man den Plattenbau WBS 70 fast überall. In Schleswig-Holstein nur in Bad Segeberg. Ursprünglich waren im Westen Tausende Wohnungen mehr geplant.

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Eine erfolgsversprechende Kombination

Golin und seine Geschäftspartner aus Wahlstedt hatten Anfang der 1980er-Jahre Kontakte in die DDR geknüpft. Sie hatten die Idee, mit Hilfe von preiswerten Bauarbeitern aus der DDR ein erfolgreiches Geschäftsmodell aufzuziehen. Als sie mit Verantwortlichen in Halle ins Gespräch kamen, versprachen sie, bis zu 5.000 Wohnungen in ganz Deutschland zu bauen. Und das Wohnungsbaukombinat Halle "biss an". Sie wollten sich mit ihrem Plattenbau-Erfolgsmodell - der Wohnungsbauserie 70 Typ Halle - in Westdeutschland einen Namen machen. Bad Segeberg sollte nur der Anfang sein. Für das Wohnungsbaukombinat eine gewaltige Aufgabe. Sie mussten für die westdeutschen Ansprüche neue Formen bauen, damit die Platten produziert werden konnten. Denn alles Baumaterial sollte aus der DDR kommen und in Segeberg nur wieder zusammengesetzt werden.

Die Stasi schaut zu

Im Frühjahr 1984 fingen die Bauarbeiten an. Arnold Golin erinnert sich noch, was für ein Riesencamp mitten in Bad Segeberg entstand. Drei Riesenlaster kamen mindestens am Tag und brachten Baumaterial. Dazu Kräne, Bagger, Raupen - alles, sagt er, wurde aus der DDR herübergebracht. Dazu kamen bis zu hundert Bauarbeiter aus Halle und Umgebung. Kontakt hatte er nicht zu ihnen, sagt er, denn über alles legte sich der "lange Arm der Stasi". Die Staatssicherheit der DDR verhinderte jeden Kontakt der Arbeiter mit den westdeutschen Nachbarn. Zum Einkaufen in die Stadt ging es nur gemeinsam. Arnold Golin taten die Männer leid. Außerdem hatte er noch anderen Ärger mit der Stasi, denn jeder Änderungswunsch musste zunächst durch die Kontrolle des Geheimdienstes. Das verzögerte das Bauen. Zudem war WSB 70 ursprünglich mit russischen Normen gebaut worden, nun mussten diese an deutsche DIN angepasst werden.

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Der Wohnkomplex in Bad Segeberg war als Pilotprojekt gedacht.
Das gescheiterte Projekt

Der Bau wurde für die Wahlstedter Baufirma immer teurer, Segeberger Firmen feindeten das Projekt zusätzlich an, warfen den Wahlstedtern Lohndumping vor. Schließlich, sagt Golin, wurde der Ärger so groß, dass sie nicht weitermachen wollten. Und das Wohnungsbaukombinat Halle hat sich nach der Fertigstellung des einen Gebäudes nie wieder gemeldet. Bis heute steht der WBS 70 in Bad Segeberg. Der gescheiterte Versuch der DDR, sich auf dem Wohnungsmarkt in Westdeutschland zu etablieren. In unserer Zeitreise erzählen wir von einem "Stück DDR" an der Trave.

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Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir versehentlich die Wohnungsbauserie 70 mit "WSB 70" abgekürzt, richtig ist "WBS 70". Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.11.2019 | 19:30 Uhr