Zeitreise: 75 Jahre Freie Presse in Schleswig-Holstein

Sendedatum: 11.04.2021 19:30 Uhr

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine vielfältige und unabhängige Zeitungslandschaft: Die "Freie Presse" sollte auch in Schleswig-Holstein die Demokratie unterstützen.

von Karl Dahmen

Sie gehört zu einer Demokratie ganz wesentlich dazu: eine freie Presse. Als vor 75 Jahren die "Kieler Nachrichten", das "Flensburger Tageblatt" und die "Lübecker Nachrichten" von den Alliierten eine neue Lizenz bekamen, wollten die Briten in Schleswig-Holstein einen Gegenpol zur braunen Einheitspresse schaffen, die zwölf Jahre durch die Nazis Deutschland prägte. Sie wollten eine vielfältige und unabhängige Zeitungslandschaft, die die Demokratie unterstützt. 

13 eigenständige Zeitungsredaktionen

Michael Legband  blickt seriös vor sich hin. © NDR
Michael Legband hat sein ganzes Leben lang mit Journalismus zu tun gehabt.

Michael Legband schrieb schon als Schüler in seiner Geburtsstadt Itzehoe (Kreis Steinburg) für die "Norddeutsche Rundschau", machte später ein Volontariat und ist seit 50 Jahren ein journalistischer Beobachter Schleswig-Holsteins. Er arbeitete für Zeitungen und Fernsehen, war Landeshaus-Korrespondent und schließlich Pressesprecher. Er erlebte hautnah die Veränderungen in der schleswig-holsteinischen Zeitungslandschaft mit. Als er noch ein Junge war, erzählt er, gab es viel mehr eigenständige Zeitungen als heute. Er schnappte sich immer als erstes seine Heimatzeitung und las den Comicstrip darin, denn Heimatzeitungen wurden oft erst am frühen Nachmittag ausgeliefert. 1969 gab es in Schleswig-Holstein noch 13 eigenständige Zeitungsredaktionen. Viele hatten eigene Korrespondenten in der damaligen Hauptstadt Bonn, nutzten die Agenturen und hatten auch Verbindungen zu Journalisten im Ausland, die sie mit Nachrichten aus aller Welt versorgten. 

Die Medienkonzentration nimmt Fahrt auf

Doch bereits Anfang der 1970er-Jahre nahm die Medienkonzentration Fahrt auf. So lieferte zum Beispiel die "Kieler Nachrichten" die überregionalen Meldungen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport an das "Fehmarnsche Tageblatt". Was am Morgen bereits in der "Kieler Zeitung" stand, erschien einen halben Tag später auf der Ostseeinsel. Übrigens wurden die Vorlagen dafür mit einem ganz normalen Linienbus transportiert. Nun wurde der Zeitungsinhalt noch angereichert mit den lokalen Nachrichten aus Burg und Umgebung. Anders hätte das "Fehmarnsche Tageblatt" wahrscheinlich nicht überleben können, denn der Kostendruck wurde für die Zeitungen immer höher. Löhne stiegen, Papier wurde teurer: Viele Zeitungen "flüchteten" sich in die Arme großer Blätter, um so relativ günstig an den Zeitungsteil außerhalb der lokalen Berichterstattung zu kommen. 

Die erste farbige Tageszeitung

Außerdem war der Druck, technische Neuerungen einzuführen, enorm. 1986 zum Beispiel brachten die "Lübecker Nachrichten" die erste farbig gedruckte Tageszeitung in Schleswig-Holstein heraus und bauten dafür eine eigene Druckerei. Bald mussten sich die großen Blätter in Schleswig-Holstein zahlungskräftige Mitgesellschafter suchen. Große Medienkonzerne kauften sich ein. Und die Verleger schauten natürlich nach neuen Einnahmen und wie man Ausgaben kürzen konnte. Man fing an, Redaktionen zusammenzulegen. Journalisten wurden entlassen, Druckereien geschlossen. Heute gibt es zwei Medienkonzerne, die die Presselandschaft Schleswig-Holstein beherrschen. Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag gehört heute zur Mediengruppe der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Kieler Nachrichten" und "Lübecker Nachrichten" werden gehören zur Madsack Mediengruppe. 

Rauher Medienmarkt

Als er ein junger Redakteur war, erzählt Michael Legband, gab es im strukturschwachen Dithmarschen die "Marner Zeitung" und die "Dithmarscher Landeszeitung". Es gab in Marne zwei verschiedene Ausgaben und auch in Heide. Er habe sich damals, sagt Legband, immer etwas mehr Mühe gegeben, um den Konkurrenten der anderen Zeitung auszustechen. Seitdem die Lage auf dem Medienmarkt rauher geworden sei, meint er, nehme die Meinungsvielfalt ab und das, so Legband, sei sicher nicht im Sinne der Alliierten gewesen, als sie vor 75 Jahren den Zeitungsmachern die Neugründung ihrer Blätter erlaubten.

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Schleswig-Holstein Magazin | 11.04.2021 | 19:30 Uhr

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