Sendedatum: 05.08.2018 19:30 Uhr

Zeitreise: 70 Jahre SSW

von Karl Dahmen

Ekke Tessin erinnert sich noch gut daran, wie er als Schüler in Schleswig mit Steinen beworfen oder verprügelt wurde. Und das nur, weil er ein kleines Zeichen mit dem Danebrog getragen hat. Aber die Stimmung in Schleswig war noch Anfang der 1950er-Jahre aufgeheizt: Viele Deutsche gingen gegen die dänische Minderheit vor, Schulen wurden mit Parolen beschmiert. "Schleswig bleibt deutsch" oder "Speck-Dänen-Schweine" war an den Wänden zu lesen. Auch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alte Vorurteile gepflegt.

Ein Ausschnitt aus einem alten schwarz-weißen Plakat der SSW. © NDR

Zeitreise: 70. Jahrestag des SSW

Schleswig-Holstein Magazin -

Der Südschleswigsche Wählerverband wird 70. Am 5. August 1948 von der britischen Militärregierung als Partei zugelassen, ist der SSW heute ein fester Bestandteil der politischen Vielfalt in Schleswig-Holstein.

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Grenzverlauf galt als beschlossen

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"Gebt den Grenzkampf auf, wir bleiben deutsch" - solche Schmierereien waren an vielen Wänden zu lesen.

Direkt nach dem Krieg hatten viele in der dänischen Minderheit davon geträumt, dass das Gebiet Schleswig-Holsteins nördlich der Eider wieder zu Dänemark kommt. Eigentlich ist dieser der südliche Teil des alten Herzogtums Schleswig. Und viele, die sich als Dänen verstanden, wollten nun ins Königreich im Norden. Doch die britische Besatzungsmacht erklärte die Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark als festgelegt und wollte nicht darüber verhandeln. Und auch die dänische Regierung wollte die Grenze nicht mehr ändern. Denn inzwischen waren Hunderttausende deutsche Flüchtlinge in Schleswig-Holstein angekommen und die Dänen wollten nicht einen so großen Anteil an Deutschen in ihrem Staatsgebiet.

Gründung des SSW 1948

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"Wählt deutsch - esst dänischen Speck" - ein weiterer Spruch, mit dem die Minderheit im Norden angegriffen wurde.

Im August 1948 wurde der Südschleswigsche Wählerverband als politische Interessenvertretung der dänischen Minderheit und der Friesen gegründet. Der Traum, Teil Dänemarks zu werden, war zuende. So engagierten sich die dänischsprechenden Politiker in der deutschen Mehrheits-Gesellschaft, um Verantwortung zu tragen und zugleich auf diesem Weg ihre kulturelle Eigenständigkeit zu bewahren. Am Anfang hatte der SSW sechs Abgeordnete, mischte im Schleswig-Holsteinischen Landtag mit.

Keine Fünf-Prozent-Klausel für Minderheiten

Dann aber 1954 der Schock: Bei der Wahl flog die dänische Minderheit aus dem Parlament. Sie bekam nur 3,5 Prozent der Stimmen und scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Folge: Mit der Bonn-Kopenhagener Erklärung, unterzeichnet vom deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem dänischen Staatsminister H.C. Hansen, wurden die Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze von der Fünf-Prozent-Klausel befreit. Trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten und Reibereien - vor allem mit der CDU, weil ihr der SSW und seine Stimme im Parlament ein Dorn im Auge war.

SSW als Zünglein an der Waage

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Seit 1948 werden die Interessen der dänischen Minderheit und der Friesen vom Südschleswigschen Wählerverband vertreten.

Knifflig wurde es besonders 1987: Uwe Barschel war zurückgetreten. Um einen neuen Ministerpräsidenten aufzustellen, brauchte die CDU die Stimme vom SSW-Abgeordneten Karl Otto Meyer. Der aber weigerte sich. Die CDU bot ihm daraufhin sogar einen Ministerposten an, aber Meyer blieb standhaft. Die CDU verlor die Wahl, der neue Ministerpräsident in Schleswig-Holstein wurde der SPD-Mann Björn Engholm.

Ein bisher letzter Versuch, die Fünf-Prozent-Hürde für den SSW aufzurichten, scheiterte vor dem Schleswig-Holsteinischen Verfassungsgericht 2013. Inzwischen war der SSW sogar Teil der Landesregierung. Aber immer noch sehen die politischen Vertreter des SSW ihre Hauptaufgabe darin, Sprache und Identität der dänischen Minderheit und der nationalen Friesen in Schleswig-Holstein zu leben.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.08.2018 | 19:30 Uhr