Ein ungelebtes Leben, ein Soldatengrab und das Erinnern

Sendedatum: 14.11.2021 19:30 Uhr

Es ist der Sonntag, an dem der Opfer der Kriege gedacht wird: Volkstrauertag. In der Zeitreise erzählen wir die Geschichte von Ingelene Rodewald, die gegen das Vergessen der Hinterbliebenen kämpft.

von Karl Dahmen

Ingelene Rodewald wird bald 100 Jahre alt. Sie hat viel erlebt und tut es immer noch, sagt sie, trifft Freunde und schreibt Bücher. Eine Sache aber lastet ihr auf der Seele: Hat sie genug für die Erinnerung an Mutz gemacht? Mutz war der Spitzname von Hans-Reimer Rodewald. Dieser ist der jüngere Bruder ihres Mannes und ein guter Freund, wie sie sich erinnert. Warmherzig, einfühlsam und voller Zukunftspläne, als sie ihn im Haus ihres Bräutigams kennen und schätzen lernte. Architekt wollte Mutz werden, sagt sie. Häuser und Städte bauen. Doch direkt nach dem Abitur meldete er sich freiwillig an die Front. Ingelene Rodewald meint, vor allem ein Pastor hätte ihm geradezu "Gift" in die Ohren geträufelt, mit seinem Gerede über "den Tod als Heldentat für das Vaterland".

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Kriegsgräber auf einem Friedhof © Pixabay Foto: Candid Shots

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Tod an der Front

Nach einer Ausbildung zum Artilleristen in Hamburg wird Mutz im Februar 1943 an die russische Front geschickt. Hier schreibt er begeistert nach Hause, sehe es genauso aus wie in Schleswig-Holstein. Am 20. August 1943 trifft eine russische Granate seine Stellung. Mutz stirbt. Er wurde nur 19 Jahre alt. Einer von Millionen deutscher Soldaten, die aus einem verblendeten Idealismus sterben mussten. Ingelene Rodewald sagt, Mutz und viele der anderen deutschen Soldaten seien auch Opfer gewesen. Opfer von Hitlers wahnsinniger Politik und dem verheerenden Angriffskrieg der Nazis. Auch ihr Tod ist für sie ein Ergebnis der Verbrechen der Nationalsozialisten.

Problematischer Gedenktag

Für Christian Meyer-Heidemann ist das Gedenken an die deutschen Soldaten, zum Beispiel während des Volkstrauertages, problematisch. Der Landesbeauftragte für politische Bildung in Schleswig-Holstein sieht zum einen das große Leid in den Familien, denn es gibt ja kaum eine Familie, in der nicht ein Vater, ein Sohn, ein Bruder im Krieg gestorben ist. Zum anderen sieht er aber auch, das viele Taten deutscher Soldaten, vor allem in den 1950er und 60er-Jahren, verdrängt und sogar verleugnet wurden. Man wollte nichts über den systematischen Massenmord in den Konzentrationslagern wissen. Die deutsche Gesellschaft gab sich dem Mythos hin, dass nur eine nationalsozialistische Elite an den Verbrechen Schuld sei. Erst später sind die Verbrechen aufgearbeitet worden, ist in Deutschland eine andere Art der Erinnerungskultur entstanden. Militärische Traditionen und das Gedenken am Volkstrauertag werden heute viel kritischer gesehen als noch vor 60 Jahren.

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Ein ungelebtes Leben

Ingelene Rodewald sieht vor allem den jungen Mann, sieht Mutz mit all seinen Träumen. Für sie hat er sein Leben nicht leben können, seine Träume nicht verwirklichen können und sie fühlt sich verantwortlich dafür, dass er nicht ganz vergessen wird. Denn das sei eine große Angst von Mutz gewesen, erzählt sie. In einem früheren Brief schrieb er, er möchte nicht in der "Rubrik Vergessen" enden. Früh ahnte er, dass er nicht alt werden würde. Ingelene Rodewald hebt all seine Briefe, seine vielen Fotos, seine Zeichnungen auf, um ihm vor dem Vergessen zu schützen. Sein Tod im Krieg ist für sie eine Art "Betrug", genauso wie der Tod all der anderen jungen Männer, die kaum 18 Jahre alt in den Tod, in das Morden und Sterben geschickt wurden. Sie sind, so Rodewald, um ihre Zukunft betrogen worden.

Kampf gegen das Vergessen

5,3 Millionen deutsche Soldaten starben im Zweiten Weltkrieg: Täter und Opfer, Väter und Söhne, Begeisterte, Verführte und Gezwungene. Lange wurde über ihren Tod in den Familien nicht gesprochen, lebten Traumata in den Familien fort. Die Menschen hatten andere Sorgen: Flucht, Vertreibung, Überleben. Mit dem Erinnern an die Verbrechen der Nationalsozialisten, an den Holocaust, an den Angriffskrieg ist die Bedeutung des Volkstrauertages zurückgegangen. Heute sind der 9. November, als Beginn der Vernichtung der europäischen Juden oder der 8. Mai, als Tag der Befreiung, wichtiger geworden.

Ingelene Rodewald hat ein Buch über ihren Schwager geschrieben, um ihr Versprechen zu halten. Auf ihm sieht man ein Bild von Mutz. Er liest verträumt in einem Buch, den Kopf in die Hand gestützt. Ein Sonnenstrahl fällt genau auf sein konzentriertes Gesicht. Der Betrachter fragt sich unwillkürlich, was aus ihm wohl werden mag. Sein Grab liegt im Bezirk Smolensk, circa 400 Kilometer westlich von Moskau.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.11.2021 | 19:30 Uhr