Sendedatum: 18.11.2017 19:30 Uhr

Die vergessenen Juden von Flensburg

von Lisa Knittel

Da, wo heute Rinder grasen im Stiftungsland Schäferhaus im Stadtteil Flensburg Weiche, stand einst ein Kibbuz. Ein Ausbildungslehrgut, auf dem junge Juden im Kollektiv lernten und arbeiteten, in der Hoffnung auf ein landwirtschaftliches Zeugnis. Denn nur als Bauer oder Hauswirtschaftlerin konnte Palästina sie gebrauchen. Beamte, Richter, Studenten und Schüler - sie verloren als Juden nach und nach ihre Lebensgrundlagen im Nazi durchtränkten Deutschland.

Bild einer Familie, die am Zaun steht.

Die vergessenen Juden vom Flensburger Kibbuz

Schleswig-Holstein Magazin -

80 Jahre nach der Reichspogromnacht erinnern Daniel Abraham und Bernd Philipsen gemeinsam an das jüdische Kollektiv, das die Familie Wolff auf dem Gutshof Jägerlust bei Flensburg gründete.

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Vom Wohlstand zum gesellschaftlichen Ausschluss - Gutsfamilie Wolff

Was ist ein Kibbuz?

Ein Kibbuz ist eine ländliche Siedlung in Isreal. Die Bewohner eines Kibbuz pflegen eine kollektive Lebensweise. Die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. Eigenen Besitz gibt es in der Regel nicht. Der Begriff kommt aus dem Hebräischen und kann mit "Versammlung" oder "Gemeinschaft" übersetzt werden. Die ersten Kibbuze wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet. Auch außerhalb von Isreal gibt es noch diese Siedlungsform.

Die Wolffs waren reiche Kaufleute. Die Familie kam Anfang des 20. Jahrhunderts von Berlin auf den Gutshof Jägerslust: Alexander Wolff übernahm Pferdezucht und Jagd, seine Schwester Susanne Wolff arbeitete als Lehrerin, seine Mutter Käthe Wolff war im Hausfrauenverein. Gut integrierte Flensburger Bürger - bis die jüdische Familie ab 1933 immer mehr ausgegrenzt wurde. Berufsverbot für Susanne Wolff, Rausschmiss aus dem Schachverein für Alexander Wolff.

Perspektiven schaffen - Die Kibbuz-Gründung

Die Familie besann sich ihrer jüdischen Wurzeln und gründete das Kibbuz. Sie lehrte den Jungen und Mädchen Hof-, Haus- und Feldarbeit. Es wurden Feste gefeiert, Freundschaften und Ehen fürs Leben geschlossen. Darunter auch: Toni Katz, die mit 18 Jahren aus Gera nach Flensburg kam. In der Reichspogromnacht erlebt sie mit 14 anderen Siedlern das jähe Ende der jüdischen Gemeinschaft auf dem Gutshof.

Karte: Stiftungsland Schäferhaus

Hinterlistiger Angriff um 4 Uhr früh am 10. November 1938

"An diesem Tag war uns nicht nach Lachen zu Mute", so hat es Toni Katz später ihrem Sohn Daniel Abraham erzählt. Zusammen mit dem Flensburger Journalisten Bernd Philipsen hat Daniel Abraham die Schreckensnacht rekonstruiert. In zivil getarnt kamen Gestapo, SS, SA und die Flensburger Polizei. Sie plünderten den Gutshof und verhafteten alle. Die Männer kamen später in Konzentrationslager. Die Frauen wurden freigelassen. Nur Alexander Wolff gelang verwundet die Flucht über die dänische Grenze bis in die USA. Seine Familie sah der Gutsherr nie wieder.

Erinnern gegen das Vergessen

Nach 80 Jahren erinnern sich Daniel Abraham und Bernd Philipsen gemeinsam. Der Journalist hat ein ganzes Buch geschrieben über den Gutshof, der Sohn den Lebensweg seiner Mutter durch Nazideutschland bis zur Flucht nach Palästina rekonstruiert. Auch wenn Toni Katz eigentlich nie darüber reden mochte: Ihr Sohn Daniel Abraham überliefert die Familiengeschichte seinen eigenen Kindern in New York. Denn es ist die wahre, fast vergessene Geschichte der Juden von Flensburg.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.11.2017 | 19:30 Uhr