Sendedatum: 03.03.2019 19:30 Uhr

1981: Streit um den Erfinder der Kinder-Euthanasie

von Karl Dahmen

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Werner Catel war Initiator der NS-Morde an mehr als 5.000 behinderten Kindern.

Wer in den 1970er-Jahren über den Campus der Kieler Universität ging, konnte einem älteren Herrn begegnen auf dem Weg zu einer Vorlesung. Nach seiner Emeritierung hatte Werner Catel beschlossen, noch einmal zu studieren und machte schließlich sogar den Doktor in Mineralogie. Catel schrieb außerdem Gedichtbände, die auch veröffentlicht wurden. Was viele aber nicht wussten: Catel war der Initiator der NS-Morde an behinderten Kindern, der Erfinder der Kinder-Euthanasie.

Nie zur Rechenschaft gezogen

Für ihn waren die behinderten Kinder keine Menschen, sondern lediglich Wesen, für die das fünfte Gebot, "Du sollst nicht töten", nicht galt. Mit einem Kreuz hinter dem Namen der Kinder entschied er über Leben und Tod. Das Ungeheuerliche: Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nie zur Rechenschaft gezogen. Ihm wurde von einem Gericht bescheinigt, für seine Taten kein Unrechtsbewusstsein zu besitzen. Studenten waren aufgebracht und meinten: Mörder, die glauben im Recht zu sein, bleiben trotzdem Mörder. Werner Catel schadete das alles nicht. Er wurde 1954 zum Professor für Kinderheilkunde in Kiel berufen.

Protest gegen geplante Catel-Stiftung

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Die Traueranzeige der Universität Kiel sorgte dafür, dass Kieler Studenten Proteste starteten und Flugblätter verteilten.

1981 starb der Mann, der die Mitschuld an der Ermordung von etwa 5.000 Kindern trug. In der Traueranzeige der Universität Kiel stand trotzdem, dass er "in vielfältiger Weise zum Wohle kranker Kinder beigetragen" hatte. Da platzte den Studenten der Kragen. Der AStA-Vorsitzende Uwe Danker war fassungslos. Einen "Kindermörder" ehrt man mit diesen Worten? Die Studenten protestierten, verteilten Flugblätter. Aber es kam noch schlimmer: Die Universität wollte das Erbe von Catel annehmen und mit dem Geld eine Stiftung mit seinem Namen einrichten.

Kieler Universität musste nachgeben

Inzwischen war die 23 Jahre alte Annette Wiese AStA-Vorsitzende. Für sie war das Erbe "Blutgeld", mit dem man an einen "Mörder" über seinen Tod hinaus erinnern wollte. Die Studenten waren empört. Ein Mann, der meinte, schwerbehinderte Kinder stünden noch unter dem beseelten Tier, sollte in Kiel geehrt werden? Das machten sie nicht mit. Sie mobilisierten die Presse und waren fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass es niemals eine Catel-Stiftung geben würde. Schließlich mussten die Verantwortlichen der Universität nachgeben. Sie lehnten die Stiftung ab und begründeten die Entscheidung mit moralischen Bedenken. Die Studenten von damals, sagen Annette Wiese-Krukowska und Uwe Danker heute, waren stolz, dass sie die Ehrung von Werner Catel verhindert hatten. Aber sie sind auch bis heute traurig, dass sie überhaupt soweit gehen mussten. In unserer Zeitreise erinnern wir an den Widerstand der Studenten in Kiel.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.03.2019 | 19:30 Uhr