Sendedatum: 19.05.2019 19:30 Uhr

Das Kleinod vor Flensburg - die Große Ochseninsel

von Lisa Knittel

Zwei Lehmklumpen sollen vom Stiefel eines Riesen in die Flensburger Förde geplumpst sein - bei seinem Sprungversuch vom dänischen Süderhaff herüber zum deutschen Glücksburg: So lautet jedenfalls die Sage zur Entstehung der Kleinen und der Großen Ochseninsel. Sie stehen unter Naturschutz, gehören inzwischen der Dänischen Umweltbehörde. Nach der Ära der Familie Isaack und einer deutschen Pächtergemeinschaft hat die Natur hier die Oberhand zurückgewonnen - über das große gelbe Reetdachhaus, den alten Krug mit der knorrigen Holzterrasse und die grüne Bootshalle. Zeugen einer Zeit, als täglich Hunderte Menschen die Große Ochseninsel besuchten.

Eine Luftbildaufnahme zeigt Ochseninseln in der Flensburger Förde. © NDR

Zeitreise: Die fast vergessene Ochseninsel

Schleswig-Holstein Magazin -

Die Ochseninseln zwischen Süderhaff auf der dänischen und Flensburg auf der deutschen Seite waren einst das Ausflugsziel der Region. 2015 eskalierte ein Streit zwischen den Pächtern.

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"Ich bin der König der Insel"

1845 kaufte Lorenz Isaack die 7,5 Hektar große Ochseninsel. Mit Bootsbau, selbst versorgender Landwirtschaft und Fischen lebten die Isaacks 150 Jahre lang abgeschieden vom Festland mitten in der Flensburger Förde. Als der dänische König Christian X. zu Besuch kam, soll Christian Isaack gesagt haben: "Du bist der König, aber ich bin der König der Insel." Alle Generationen der Isaacks wurden Bootsbauer. Sie fertigten Jollen, Drachenboote und Barkassen aus Holz auf der inseleigenen Werft für die ganze Welt - und für sich selbst. Auf seiner kleinen 1928 selbst gefertigten Holzfähre "Okseø" bringen Christian Isaack und seine Söhne bis 1991 Gäste vom dänischen Fähranleger auf die Insel.

Eine andere Welt

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Mit dem Badelaken seiner Schwester baute sich Günther Wulf (r.) als kleiner Junge sein erstes Segel, um schneller zu seiner geliebten Ochseninsel zu gelangen.

"Schon bei der Überfahrt hat es jedes Mal gekribbelt vor Freude. Ich habe mir als kleiner Junge ein Segel mit dem Badetuch meiner Schwester auf mein Ruderboot gebastelt, um schneller rüberzukommen. Es war eine andere Welt da drüben mit Fischen, Booten, Schafen, Kühen, einer großen Familie und tollen Festen - das war ganz anders als in der Stadt und das hat mich fasziniert", sagt Günther Wulf und steuert gekonnt um die Sandbänke vor dem verlassenen Anleger am Weststrand der Insel. Seine Eltern hatten in den 50er- und 60er-Jahren ein Sommerhaus auf dänischer Seite. Jeden Tag ist er dorthin gerudert - stundenlang Angeln mit den Isaack-Brüdern und Oma Inges Köstlichkeiten probieren.

Inseloma Inge war "skrap"

Einmal brachte Günther Wulf mit seinem Segelboot ein paar Gäste zum berühmten Aalessen in Inge Isaacks Stube. "Da haben sie es gewagt, ihre Jacken über die Stuhllehene zu hängen. Da hat Inge losgepoltert, es gäbe ja eine Garderobe und hat denen eins über die Rübe gegeben", lacht der Segler und schaut durchs Fenster des ehemaligen Wohnhauses. "Ja, meine Mutter war skrap", erinnert sich Birthe Larsen. Die Dänin ist mit zwei Brüdern und ihrer großen Familie hier in den 60er- und 70er-Jahren aufgewachsen. Ihre Mutter Inge Isaack war eben streng - und gleichzeitig die gute Seele des Restaurantbetriebes. Von April bis Oktober drehte sich bei den Isaacks alles um die Gäste.

Arbeit im Paradies

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Die Müllentsorgung und das Wetter waren mit die größte Herausforderung im Inselleben. Bei zugefrorener Förde musste Birthe Larsen im Kinderheim auf dem Festland wohnen, um zur Schule gehen zu können.

"Ich habe unser Leben geliebt, aber im Sommer hat es mich manchmal genervt. Jeden Tag kamen Besucher, immer musste ich mit anpacken. Das war meine Pflicht", sagt Birthe Larsen. Sie wäre oft gerne nach der Schule auf dem Festland geblieben, andere Freunde treffen als immer nur ihre Cousinen auf der Insel. "Aber mein Leben spielte sich nun mal im Inselbetrieb ab, das wurde auch so erwartet", erzählt sie und schaut hoch zur Linde. In ihrem Schatten lag das Familiencafé unter dichtem Blattwerk. Selbst bei Regen saßen die Gäste darunter trocken. Hier gab es Schnaps, dänische Boller oder den berühmten Aal ihrer Mutter Inge.

"Unser Wohnzimmer hatten wir nur im Winter"

"In der Saison mussten wir unser Wohnzimmer räumen, da saßen dann auch die Gäste. Unser Wohnzimmer hatten wir nur im Winter", sie zuckt mit den Schultern. Bei Schnee und Eis ist ihre Mutter mit der Nähmaschine auf dem Schlitten statt mit dem Boot rüber ans Festland zum Nähkurs. "Wenn die Förde zufror, musste ich ins Kinderwohnheim am Festland, um jeden Tag zur Schule gehen zu können. Für uns war das ganz normal. Du wusstest nie, ob du sicher irgendwo hin kommst."

Ochseninseln: Idyll in der Flensburger Förde

Von Logistikplanung, Wind und Wetter

Jeder Zuckerwürfel wurde mindestens fünf Mal in die Hand genommen, bevor er auf Oma Inges Kaffeetafel landen konnte. Waren die Isaacks einmal an Festland und mit dem Auto zum Supermarkt gekommen, lief es wie folgt ab: Den Würfel aus dem Regal genommen, ins Auto gepackt, vom Auto auf die Fähre, von der Fähre ins Küchenregal und von dort auf den Teller. In die andere Richtung musste dann jedes Müllstück die Insel wieder per Fähre verlassen. Und das war bei Wind und Wetter manchmal unmöglich. "Am Tag meiner Konfirmation war Hochwasser. Meine Mutter hatte zig Gänse gebraten - aber weder kam ich zur Kirche ans Festland, noch konnte irgendein Gast zu uns kommen. Es war zu stürmisch, der Anleger geflutet. Ich wurde dann Wochen später alleine konfirmiert", erinnert sich Birthe Larsen.

Der größte Abenteuerspielplatz...

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Hans und Jens Köster ließen ihr Boot "Hans Uhl" von Birthes Vater Christian Isaack bauen.

Mit der Familie Isaack verband Jens und seinen Sohn Hans Köster eine echte Freundschaft. Ihre "Hans Uhl", ein Holzboot, haben sie von Birthes Vater in der Bootshalle bauen lassen. "Über den Winter lag das Boot in der Halle. Jeden Frühling musste es dann über die alte, wackelige Slipbahn zu Wasser gelassen werden. Das konnten Hans und ich nicht mit ansehen, dann sind wir lieber zu Inge ein Eis essen gegangen", erinnert sich Jens Köster. "Aber es ging 20 Jahre gut", wirft Hans Köster lachend ein. "Ich habe hier segeln und schwimmen gelernt. Das war ganz kalt." Den Sommer über waren sie jedes Wochenende hier. Mit anderen Kindern Boot fahren, Lagerfeuer machen, campen. "Hier war immer was los. Das war für mich der größte Abenteuerspielplatz meiner Kindheit, einen Steinwurf von Flensburg entfernt", sagt Hans Köster und blickt sehnsüchtig vom alten Anleger Richtung Süden zur Stadt. "Schade, dass es dann so zu Ende ging."

Betreiberwechsel: vom Familiencafé zum Kulturort

2002 musste Birthes Bruder Hans-Christian Isaack den Familienbetrieb wegen schwerer Krankheit endgültig aufgeben. Eine deutsche Pächtergemeinschaft übernahm mit eigenem Konzept: Grillpartys, Kulinarik und Konzerte. Mit Liederabenden und Auftritten im Rahmen der Folk Baltica machte sich die Große Ochseninsel einen Ruf als ganz besonderer Kulturort. "Ich habe immer auf 18 Uhr gewartet. Dann mussten alle Fährgäste zurück mit der letzten Fahrt und nur die Segler mit ihren eignen Booten durften bleiben. Dann hatten wir die Insel für uns. Der glutrote Sonnenuntergang über Dänemark im Westen - das war ein Schauspiel. So schön, da bin ich oft erst am nächsten Morgen nach Flensburg zurück", erinnert sich Günther Wulf. Er war Vorsitzender des damaligen Fördervereins auf der Insel.

Das Ende einer Ära

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Über den Holztresen der Ochseninsel ist so mancher Schnaps gewandert. Im Sommer mit zahlreichen Gästen, im Winter waren die Inselpächter auf sich allein gestellt.

Doch die langen Partys mit viel Alkohol im Sommer und die Einsamkeit im kalten Winter verkrafteten nicht alle. Die vier Pächterpärchen zerstritten sich - das Ende vom Ausflugsziel Nummer eins in der Flensburger Förde kam vor vier Jahren. Etliche Bemühungen von deutschen Seglern und einer Flensburger Schule, sich dem alten Krug anzunehmen, stießen seitdem bei der dänischen Umweltbehörde auf taube Ohren. Niemand weiß, wie es weitergeht mit dem kleinen Paradies. Langsam verfallen die Gebäude. Zukunftspläne? Ungewiss. Nur die Erinnerungen an das Leben, Arbeiten und Feiern auf der Großen Ochseninsel - die bleiben für immer.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.05.2019 | 19:30 Uhr