24 Stunden Bereitschaft für den einzigen Arzt auf Pellworm

Stand: 20.11.2021 05:00 Uhr

Als Gast kam er, als Arzt blieb er: Dr. Rolf Gehre ist seit drei Jahren auf der Insel Pellworm und seit vier Monaten der einzige Arzt. Nun sucht er jemanden zur Unterstützung - gern auch eine Frau.

von Simone Steinhardt

Richtig hell ist es noch nicht um 8 Uhr auf Pellworm. Der Himmel präsentiert sich fein marmoriert in unterschiedlichen Graunuancen, der Wind frischt auf. Dr. Rolf Gehre betritt die Praxis, in der Hand eine Tüte mit Brötchen für sich und seine drei Mitarbeiterinnen. Sie werden erst gegen Mittag dazu kommen, sie zu essen. Dr. Rolf Gehre ist angestellter Landarzt im kommunalen Medizinischen Versorgungszentrum MVZ auf Pellworm. Bis vor vier Monaten war noch eine zweite Ärztin in der Praxis, mit der sich Gehre die Stelle geteilt hat. "Das heißt, ich habe vier Wochen durchgearbeitet, dann hatte ich frei und meine Kollegin war dran. Doch die musste leider aus familiären Gründen zurück aufs Festland. Seitdem bin ich hier der einzige Arzt", erzählt Dr. Gehre. Weil er auch den Notdienst abdecken muss, ist er seitdem rund um die Uhr in Bereitschaft: sieben Tage die Woche, 24 Stunden. 

Die ständige Bereitschaft belastet 

Ständig in Bereitschaft sein – das geht nur, weil die Kinder inzwischen erwachsen sind und seine Frau sehr geduldig ist, erzählt der Arzt. Dennoch ist es belastend, immer verfügbar sein zu müssen. "Ich muss zum Glück nachts nur sehr selten raus. Aber abends kommt das natürlich vor. Ich kriege also nicht immer mit, welchen Täter der Tatort-Kommissar am Ende ermittelt", erzählt der 65-Jährige schmunzelnd. Auch längere Joggingrunden oder Fahrradtouren auf der Insel sind nicht drin. "Innerhalb von acht Minuten muss ich in den Rettungswagen springen können." Trotz der Dauerbelastung wirkt der Arzt gelassen, nimmt sich Zeit für seine Patienten, spricht mit ruhiger Stimme, ist mit allen per Du. "Ich bin hier tatsächlich ruhiger als zu der Zeit, als ich noch in der Großstadt gearbeitet habe."

Dringend gesucht: Landärztin oder Arzt 

Jetzt sucht das MVZ einen zweiten Arzt oder noch lieber - eine Ärztin. "Frauen sind gelassener und pragmatischer. Außerdem gibt es dann einen Konterpart zu mir", findet der 65-Jährige. Neben den klassischen Stellenanzeigen in einschlägigen Printmedien hat das Team ein Video zu ihrer Stellenanzeige produziert, es in den sozialen Netzen geteilt. Das hat zwar Aufmerksamkeit erregt, es gab auch drei Bewerbungsgespräche. Doch noch ist nach Angaben der Geschäftsführerin des MVZ alles offen. Gehre hätte auch nichts gegen ein Ärzte-Ehepaar. "Dann könnte ich mich ganz zurückziehen." 

Viel Humor und ein bisschen Abenteuerlust

Landarzt Rolf Gehre steht auf einem Deich auf Pellworm und blickt in die Ferne. © NDR
"Wer Vorstadtidylle mit geregelter Arbeitszeit sucht, der ist hier falsch", sagt Rolf Gehre über seine Arbeit auf Pellworm.

Bei dem offenen Posten geht es um mehr als die medizinischen Anforderungen, die ein Kandidat oder eine Kandidatin erfüllen müssen. Gesucht wird ein Facharzt für Allgemeinmedizin oder ein Internist, gerne mit der Zusatzqualifikation Notfallmedizin. "Das kann man aber zur Not auch nachholen", sagt Dr. Gehre. Wer Landärztin oder Arzt auf Pellworm sein will, sollte aber noch weitere Fähigkeiten im Gepäck haben. "Humor ist wichtig. Mit einem Witz oder Lachen kann man den sturen Nordfriesen besser vermitteln, wenn sie etwas ändern sollen", schmunzelt der Landarzt. Hinzu kommt: Wer auf Pellworm arbeitet, ist erst mal auf sich allein gestellt. "Ich kann ja einen Patienten nicht mal eben zum Facharzt um die Ecke oder in die Klinik schicken. Also muss ich erst mal alles allein machen, was hier anfällt. Das erinnert mich ein bisschen an meine Arbeitseinsätze in Westafrika: Da habe ich auch Menschen mit schwer verständlichen Dialekten und skurrilen Sitten behandelt. Und ich musste alles allein machen." Humor und ein bisschen Abenteuerlust braucht der oder die Neue an seiner Seite, findet Dr. Gehre. Und er macht deutlich: "Wer Vorstadtidylle mit geregelter Arbeitszeit sucht, der ist hier falsch. Wer sich sein Drittauto auf Pellworm verdienen will, ebenfalls" , fügt Gehre schmunzelnd hinzu. 

Abwechslung garantiert 

Eigentlich ist es jetzt außerhalb der Saison ruhiger in der Praxis. Weil am Dienstagmorgen aber erst mal PCR-Abstriche gemacht werden müssen, wird es hektisch: Die Proben müssen mit der Fähre auf das Festland. Die legt um 9:45 Uhr ab. Kaum sind die Abstriche auf dem Weg zum Schiff, kommt ein Notfall rein. Der Puls einer älteren Patientin ist viel zu hoch, ihr Herz schlägt unregelmäßig. "Wir versuchen das jetzt erstmal hier in den Griff zu kriegen. Wenn das nicht gelingt, muss sie mit dem Hubschrauber aufs Festland". Der Mediziner legt einen Zugang in den Arm der Patientin, nimmt Blut ab und injiziert langsam ein Kreislaufmittel. Ihren Puls überwacht er über einen Monitor. Nach einigen Minuten: Entwarnung. Die Patientin darf erst mal wieder nach Hause.

Flache Hierarchien - abwechslungsreiche Arbeit

Zeit zum Durchatmen bleibt nicht: Der Rettungswagen steht vor der Tür, an Bord eine Bewohnerin des Altenheims. Allein schafft sie es nicht zur Praxis, ihr Fuß muss versorgt werden. Dann sind die Patienten dran, die im Wartezimmer sitzen. Gegen Mittag zieht sich Rolf Gehre kurz in die Küche zurück, schmiert sich ein Brötchen. Währenddessen huscht die Leiterin des Sozialdienstes rein, bespricht zwei Fälle mit dem Arzt. Die Wege sind hier kurz, die Hierarchie flach, die Arbeit ist abwechslungsreich: "Das macht schon viel Freude." Eine medizinische Grenze zieht der Doc dann aber doch: "Ich ziehe keine Zähne und mache keine Geburtshilfe! Naja, bisher zumindest nicht."

Aus drei Wochen wurden drei Jahre 

Bevor Dr. Rolf Gehre nach Pellworm kam, hatte er eine Praxis in Hannover, arbeitete zusätzlich mehrere Monate im Jahr in Westafrika. Dass er auf der nordfriesischen Insel gelandet ist, verdankt er seinem Hund. "Meine Frau und ich suchten 2018 eine ruhige Insel über den Jahreswechsel - der Hund mag kein Geböller. Ich musste dann wegen einer Impfung in die hiesige Praxis. Dort sprach mich der Arzt an, ob ich nicht mal eine Vertretung auf Pellworm machen will." Drei Wochen sollte er ursprünglich bleiben. Drei Jahre sind bislang daraus geworden. Er hofft jetzt, dass er bald wieder Verstärkung bekommt, dass sich jemand findet, der langfristig auf Pellworm bleibt: Die Abgeschiedenheit, dass die Uhren langsamer ticken, die Tristesse und Dunkelheit im Herbst und Winter muss man aushalten können. Rolf Gehre hat damit kein Problem, er liest leidenschaftlich gerne und ist sich selbst genug. Sollte sich kein zweiter Arzt finden, will er Ende nächsten Jahres aufhören auf Pellworm. "Ansonsten mache ich die Arbeit hier auch gerne noch ein paar Jahre länger."

 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 20.11.2021 | 19:30 Uhr

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