Stand: 03.02.2014 15:44 Uhr

"Keine Chance auf eine unbeschwerte Kindheit"

Birgit Wärnke und Christian von Brockhausen.   © NDR
Birgit Wärnke und Christian von Brockhausen haben sechs Monate in einer Drogentherapie-Klinik gedreht.

Sie waren noch Kinder, als sie angefangen haben Drogen zu nehmen, elf, zwölf, 13 Jahre alt. Sie waren abhängig von Cannabis, Speed, Ecstasy, Koks oder Crystal Meth. Die Jugendlichen in der Suchtklinik "Come In!" in Hamburg haben Abstürze hinter sich, Waffenbesitz und Raubüberfälle. Jetzt wollen sie zurück ins Leben - und filmen sich dabei selbst. Ein halbes Jahr lang hat Panorama - die Reporter suchtkranke Jugendliche begleitet.

Ein Interview mit den Autoren Birgit Wärnke und Christian von Brockhausen.  

NDR: Wie kamen Sie auf die Idee, in einer Suchtklinik für Jugendliche zu drehen?  

Christian von Brockhausen: Wir wollten in eine Welt eintauchen, von der wir wenig Ahnung haben, die verschlossen scheint. Schnell sind wir auf die Idee gekommen, dass es die Welt von Jugendlichen, die der Gesellschaft abhanden gekommen sind sein soll. Jugendliche, die sich hinter Schlagzeilen wie "Gewalt" und "Drogensucht" verbergen.  

Birgit Wärnke: Viele denken, drogenabhängige Kinder und Jugendliche kommen aus bildungsfernen Schichten, aus Migrationsfamilien, die sich nicht integrieren wollen. Aber diese Annahmen waren uns viel zu undifferenziert. Deswegen haben wir beschlossen, an den Ort zu gehen, an dem die Jugendlichen versuchen, ihre letzte Chance zu nutzen, in eine Suchtklinik. Und wir lassen sie all das selbst erzählen, was sie in den letzten Jahren durchgemacht haben.  

VIDEO: Wir Drogenkinder: Das Video-Tagebuch (1 Min)

NDR: Warum haben Sie sich entschieden, den Jugendlichen selbst Kameras zu geben?  

von Brockhausen: Die Jugendlichen sollten den Film miterzählen, mitgestalten. Wir wollten nicht altklug ihr Schicksal von außen erzählen. Daher bekamen sie Kameras in die Hand, um ihren Alltag selbst zu dokumentieren.

Wärnke: Wenn wir drehen, selektieren wir, überlegen, was wir für einen Film brauchen und was nicht. Und durch unsere Anwesenheit verändern wir den normalen Alltag, das Authentische. Mit dem "Videotagebuch" wollten wir den Blick der Jugendlichen einfangen und erfahren, was in der Klinik passiert, wenn wir nicht vor Ort sind.

NDR: Wie haben die Jugendlichen das Projekt "Videotagebuch" angenommen?

Wärnke: Sie haben schnell verstanden, dass wir nicht kurz vorbeikommen, sie als Drogenkinder abstempeln und dann wieder gehen. Wir waren über Monate dort. Sie wollten uns zeigen, wie sie wirklich sind, was sie bewegt und umtreibt. Am Anfang hatte die Kamera natürlich für alle eine große Faszination, später wurde sie dann alltäglicher.  

von Brockhausen: Sie haben sich integriert gefühlt und haben den Mut aufgebracht, sich zu öffnen. Sie glauben, dass die Gesellschaft wenig über ihr Innenleben weiß. Wir haben so viel Material gefunden, dass auch unbeschwerte Momente zeigt, jugendliches Verliebtsein, Blicke in den Himmel, Kissenschlachten, Angeberei, Gealbere, aber auch sehr intensive Bekenntnisse und Zweifel. Wir lernten die Jugendlichen durch ihr persönliches Tagebuch nochmal ganz anders kennen.

NDR: Welche Szene, die die Jugendlichen selbst gedreht haben, hat Sie am meisten bewegt?  

von Brockhausen: Der morgendliche Spaziergang, auf dem ein Mädchen ganz direkt von Selbstmordgedanken spricht. Wir sprachen mit ihr noch am Abend zuvor. Da war noch alles okay. Was passierte mit ihr in der Nacht? Warum gab es auf einmal dieses Tief? Wir bekamen eine Vorstellung davon, wie hart eine einzige Nacht dort sein kann.

Wärnke: Und kurz vor Ende unserer Dreharbeiten hatte einer der Jugendlichen seine letzte Prüfung für seinen Hauptschulabschluss. Wir wollten ihn dabei nicht begleiten und ablenken. Also nahm er die kleine Kamera mit und drehte sich nach der Verkündung seiner Prüfungsergebnisse selbst. Er freute sich so sehr, dass er es geschafft und seine Chance genutzt hatte. Diesen unmittelbaren Glücksmoment hätten wir später mit "unseren" Kameras nicht mehr einfangen können.

NDR: Über ein halbes Jahr lang haben Sie in der Klinik gedreht. Was ist da für ein Vertrauensverhältnis entstanden?

von Brockhausen: Natürlich waren wir für die Jugendlichen erst einmal eine wunderbare Ablenkung vom harten Therapie-Alltag. Dann aber wurden wir auch den Launen im normalen Klinikalltag ausgesetzt. Im Endeffekt ist dort ein Vertrauensverhältnis entstanden, das uns tiefes Verständnis gebracht hat für Kinder, die nie Kinder sein durften.

Wärnke: Ich war erstaunt, dass die Jugendlichen uns sehr private Sachen erzählt haben. Vor allem auch dann, wenn die Kamera aus war. Es ging gar nicht so viel um Drogen, sondern eher darum, wie sie groß geworden sind, was in ihren Familien los war. Einige der jungen Patienten hatten nie die Chance auf eine unbeschwerte Kindheit. Ich habe mich während der Drehzeit oft gefragt, was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich das erlebt hätte, was viele der Jugendlichen durchgemacht haben.  

NDR: Wie schafft man es, dass die Jugendlichen dem Journalisten vertrauen?  

von Brockhausen: Wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen. Auch ohne Kamera. Und sich immer ins Bewusstsein zu rufen: hier geht jemand großes Risiko ein, dir all diese Dinge zu erzählen. Es ist ein großer Vertrauensbeweis, mit dem du als Journalist sehr sorgsam umgehen musst.

Wärnke: Es gab Ängste vor dem Film, es gab ständig Unsicherheiten, ob man dir, dem Journalisten trauen kann. Und deshalb haben wir uns immer wieder die Zeit genommen, die gleichen Fragen neu zu beantworten.  

NDR: Was war das Besondere, in einer Suchtklinik zu drehen?

von Brockhausen: Zu spüren, wie hart der Kampf gegen sich selbst ist. Ob das Drogensucht ist oder Krankheiten anderer Art. Wenn man es mit sich selbst aufnehmen muss, dann hast du den härtesten Gegner vor dir. Daher haben die Jugendlichen meinen größten Respekt, die diesen Kampf schon als Kind alleine führten.  

Wärnke: Sie haben alle mit elf, zwölf, 13 Jahren angefangen Drogen zu nehmen. Fast alle haben gekifft und viel Alkohol getrunken, dann Chemie konsumiert wie Amphetamine, Speed, Ecstasy, Koks und Crystal Meth. Sie haben über die paar Jahre schon so viel in ihre Körper gepumpt, dass sie darunter körperlich und seelisch fast zerbrochen sind. Jetzt müssen sie die Herausforderung annehmen, aus dieser Abhängigkeit herauszukommen. Jeden Tag. Immer wieder aufs Neue.

NDR: Wie stehen die Chancen, durch die Therapie wieder zurück ins "normale" Leben zu finden?

Wärnke: Es gibt leider überhaupt keine Garantie. Während unserer Drehzeit haben wir immer wieder mitbekommen, dass Jugendliche rückfällig geworden sind. Entweder hatte jemand Drogen in die Klinik geschmuggelt oder sie sind abgehauen und haben sich den Stoff anderswo besorgt. Die Therapie ist knallhart, nicht nur weil es einen straffen Tagesplan gibt, sondern weil man sich täglich mit sich selbst und seinen Problemen auseinandersetzen muss. Man wird ständig mit seinen eigenen Schwächen konfrontiert, muss versuchen diese in den Griff zu bekommen. Die Hälfte der Jugendlichen steht die Therapie nicht durch. Die andere Hälfte schafft es.

von Brockhausen: Allerdings endet die Sucht nicht mit der Ausgangstür der Klinik. Draußen kommt es darauf an: wie stark ist die Persönlichkeit, wie widersteht man den Verlockungen der Droge, wieder alles aufs Spiel zu setzen. Und vor allem: sind dort draußen Verbündete, die helfen, dass der Jugendliche die Krankheit im Griff hat. Wenn einer dieser Parameter wegbricht, rutschen viele zurück in die Sucht.  

 

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Panorama - die Reporter | 04.02.2014 | 21:15 Uhr

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