Sendedatum: 29.01.2019 21:15 Uhr

Plastikmüll: Probleme mit dem gelben Sack

von Nils Naber

Die Deutschen sehen sich gerne als Vorreiter der Mülltrennung, obwohl hierzulande längst nicht mehr so sorgfältig getrennt wird, wie vor einigen Jahrzehnten. So gehören in ganz Deutschland 40 bis 60 Prozent des Verpackungsabfalls in der gelben Tonne und im gelben Sack gar nicht dort hinein. Das schätzt der Recyclingverband BVSE. Die Folgen davon lassen sich tagtäglich in den Sortieranlagen feststellen. In Norddeutschland steht die größte davon in Hamburg. 350 Tonnen oder umgerechnet rund 100 Mülltransporter voll mit Abfall aus dem gelben Sack kommen hier täglich an.

Müllanlage © NDR Foto: Screenshot

Plastikmüll: Probleme mit dem gelben Sack

Panorama 3 -

Deutschland gehört zu den Ländern mit dem höchsten Müllaufkommen, es muss mehr recycelt werden. Das Problem: Viel von dem, was im gelben Sack landet, gehört dort nicht hinein.

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Zunahme von Störstoffen

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Mattias von Harten kritisiert die mangelnde Aufklärung darüber, wie Müll in den Haushalten korrekt getrennt wird.

Mattias von Harten leitet die Anlage für den Veolia-Konzern. Mit Hilfe von 70 Maschinen versucht er, Ordnung in den Müll zu kriegen. Doch ohne die Hilfe der Bürger ist er machtlos. "Wir sind eben gezwungen, das Bestmögliche herauszuholen", dabei trennen die Bürger offenbar immer schlechter. "Wir beobachten eine Zunahme an Störstoffen, das heißt mehr Bioabfall, mehr Restabfall im gelben Sack. Das kann auch daran liegen, dass nicht mehr so gut aufgeklärt wird, wie wir uns das wünschen." Gleichzeitig werden nahezu jedes Jahr mehr Kunststoffverpackungen auf den deutschen Markt gebracht. Gemessen am Gewicht hat sich ihr Aufkommen zwischen 1996 und 2016 mehr als verdoppelt.

Seit in den Medien ständig vom Kunststoff in den Meeren und Mikroplastik in der Umwelt die Rede ist, steht plötzlich die Vermeidung und das Recycling von Kunststoff auch in der Politik wieder ganz oben auf der Tagesordnung. In Deutschland trat zum 1. Januar das neue Verpackungsgesetz in Kraft. Darin werden nun erstmals seit vielen Jahren neue, ambitionierte Quoten für das Recycling von Kunststoffverpackungen vorgegeben. Bisher mussten mindestens 36 Prozent der eingesammelten Verpackungen recycelt werden. Seit Januar müssen nach dem neuen Gesetz nun 58,5 Prozent der eingesammelten Verpackungen recycelt werden. Ab 2022 steigt die Quote sogar auf 63 Prozent an.

Bisher oft: Neues Plastik statt Rezyklate

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Herbert Snell ist Geschäftsführer der zum Veolia-Konzern gehörenden Recyclingunternehmen Multiport und MultiPet in Bernburg (Saale).

Herbert Snell gehört zu denen, die diese Quotenerhöhung umsetzen werden. Er ist Geschäftsführer der zum Veolia-Konzern gehörenden Recyclingunternehmen Multiport und MultiPet in Bernburg (Saale). Er glaubt, dass die Quote "herausfordernd", aber zu erfüllen sei. In seiner Anlage, einer der größten ihrer Art in Europa, kommen tagtäglich mehr als ein Dutzend LKWs mit Plastikmüll an. Aus dem Kunststoff HDPE, aus dem zum Beispiel viele Waschmittelverpackungen sind, wird hier ein Granulat für die Kunststoffindustrie gewonnen. Aus PET-Flaschen lässt Herbert Snell Schnipsel, sogenannte Flakes, produzieren, die dann beispielsweise in der Autoindustrie zum Einsatz kommen. Er wünscht sich, wie viele andere in der Branche, eine bessere Nachfrage nach Recyclingrohstoffen, sogenanntem Rezyklat, nicht nur durch Markenunternehmen, sondern auch durch die öffentliche Hand. "Es gibt in vielen Bereichen viel mehr Möglichkeiten Rezyklate einzusetzen, als heute wahrgenommen werden." Übersetzt heißt das: Heutzutage wird noch viel zu häufig darauf gesetzt zum Beispiel Verpackungen aus Neumaterial zu produzieren, anstatt wiederverwertetes Material zu nutzen.

Bringt die neue Verordnung einen Wandel?

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Bettina Hoffmann von den Grünen geht die neue Gesetzgebung nicht weit genug.

Zwar wollen große Handelskonzerne wie Procter & Gamble, Unilever und Henkel künftig 25 Prozent und mehr an Rezyklat für ihre Produktverpackungen einsetzen. Dennoch reicht das den Grünen im Bundestag nicht aus. So fordert die Abgeordnete Bettina Hoffmann bis 2030, dass "50 Prozent aller neuen Kunststoffprodukte aus recyceltem Material bestehen müssen." Im zuständigen Bundesumweltministerium hält man diese Forderungen für unrealistisch. Staatssekretär Florian Pronold (SPD) verweist auf die im neuen Verpackungsgesetz festgelegten Vorgaben. Nach denen sollen die Dualen Systeme künftig für Plastikverpackungen, die nicht oder schlecht recycelbar sind, von den Handelsunternehmen mehr Geld verlangen. Gut recycelbare Verpackungen sollen dagegen billiger werden.

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Florian Pronold (SPD) möchte abwarten, wie die neue Verordnung umgesetzt wird.

Die dualen Systeme sind in Deutschland für die Einsammlung des Mülls aus dem gelben Sack/gelbe Tonne zuständig. Wie dieser Mechanismus genau funktionieren soll, steht allerdings noch nicht fest. Ziel ist es, künftig deutlich mehr Kunststoff zu recyceln als bisher. Im Jahr 2017 beispielsweise landeten noch 60 Prozent der eingesammelten Kunststoffabfälle aus dem gelben Sack (sogenannte Post-Consumer Abfälle) in Verbrennungsanlagen. Florian Pronold möchte dennoch von eindeutigen staatlichen Vorgaben absehen und setzt für die Zukunft auf die veränderten Lizenzentgelte. "Wenn das nicht funktionieren sollte, dann sind wir auch bereit, dort weitere Verschärfungen zu machen."

Marketing vor Umwelt

Im Moment gewinnt bei der Abwägung zwischen Aussehen und Umwelt heutzutage meist noch das Aussehen. Offenbar wiegen häufig die Marketinginteressen bei den Handelsunternehmen schwerer als die Frage, ob eine Verpackung wiederverwertet werden kann, meint Dirk Textor. Er ist Leiter des Fachverbands Kunststoffrecycling beim BVSE. Auch Norbert Völl, Pressesprecher des Dualen Systems DSD, bestätigt, dass mit einem Großteil der Verpackungen wenig anzufangen ist: "Etwa ein Drittel lässt sich kaum oder gar nicht recyceln." Viele würden erst jetzt damit anfangen sich mit der "Gestaltung der Verpackungen zu beschäftigen", sagt Textor. Derzeit problematisch sind Verpackungen, bei denen mehrere Kunstoffe gleichzeitig zur Anwendung kommen. Nachher könnten diese unterschiedlichen Plastiksorten in der Sortieranlage nicht mehr getrennt werden. Damit könnten diese Verpackung nicht korrekt aussortiert werden und wären "für das Recycling verloren", meint Textor. Er nennt viele weitere Beispiele, bei denen er sich ein Umdenken der Handelsunternehmen wünscht. Denn für den Kunden im Supermarkt sei "nicht zu durchschauen", wann eine Verpackung gut oder weniger gut recycelbar ist.

 

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.01.2019 | 21:15 Uhr