Stand: 15.01.2018 16:53 Uhr Archiv

Norddeutschland rüstet sich für Schweinepest

von Nils Naber, Inga Mathwig und Mariam Noori

"Das sind die Horrorszenarien, von denen wir reden. Da gefriert einem das Blut in den Adern", sagt Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck. Er meint damit die möglichen Folgen der Afrikanischen Schweinepest für die deutsche Landwirtschaft, sollte diese Tierseuche bei uns festgestellt werden. Dann würden in Schleswig-Holstein Schutzzonen von insgesamt 30 Kilometern um den Fundort eingerichtet werden, um zu verhindern, dass der Virus sich weiter ausbreitet.

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Gravierende wirtschaftliche Folgen befürchtet

Dort würde es vor allem den Wildschweinen an den Kragen gehen. Doch auch konventionelle Landwirte, die mit ihren Betrieben in den Zonen liegen, wären betroffen. Das Keulen ganzer Bestände steht dann im Raum. Dabei geht es um eine sehr hohe Anzahl von Tieren. Alleine in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein stehen zusammen mehr als zehn Millionen Schweine in den Ställen. Darüber hinaus wäre die gesamte mit der Schweineproduktion in Verbindung stehende Wirtschaft hierzulande betroffen.

Landkarte Schweinepest-Vorfälle seit 2007 © NDR Foto: Screenshot
Vorfälle der Afrikanischen Schweinepest seit 2007. Quelle: ADNS und OIE WAHIS Urheber: FLI

"Wenn nur ein Wildschwein infiziert wäre, müsste man befürchten, dass zumindest der Handel mit Schweineprodukten und Schweinen mit Drittstaaten sofort zusammenbricht", meint Prof. Franz J. Conraths. Der Leiter des Instituts für Epidemiologie im Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit auf der Insel Riems bei Greifswald verweist darauf, dass die Afrikanische Schweinepest sehr ernst zu nehmen ist: "Für die Schweineproduktion ist sie aus meiner Sicht das größte Risiko unter den Tierseuchen überhaupt." Auch der Deutsche Bauernverband warnt und erwartet im schlimmsten Fall Verluste von mehreren Milliarden Euro.

Für die Schweine tödlich, für den Menschen ungefährlich

Landwirt Stefan Wille-Niebur © NDR Foto: Screenshot
Landwirt Stefan Wille-Niebur hat bereits zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Bisher grassiert die Afrikanische Schweinepest besonders im Baltikum und Polen. Dorthin war sie 2014 aus dem Osten eingewandert. Sie dort bei den Wildschweinen wieder einzudämmen, scheint unmöglich geworden zu sein. Sieben Jahre vorher war sie mit einem Schiff von Afrika nach Georgien gebracht worden und hatte sich von dort nach Russland ausgebreitet. Dabei spielen Menschen eine wesentliche Rolle. "Aus meiner Sicht ist der Mensch der wichtigste Vektor, der wichtigste Überträger für die Afrikanische Schweinepest", meint Prof. Conraths. Die Tierseuche, gegen die es keinen Impfstoff gibt, tötet in der Regel alle Schweine, die damit in Kontakt kommen. Sie verbreitet sich am effizientesten über das Blut der Tiere. Doch sie kann auch in den Kadavern oder im Fleisch von infizierten Tieren über Monate ansteckend bleiben. Reisende aus Ländern, in denen die Schweinepest grassiert, sollen besonders genau darauf achten, Abfälle ordentlich zu entsorgen. Für den Menschen ist die Seuche ungefährlich.

Bauern treffen Vorsichtsmaßnahmen

Deutsche Schweinehaltungsbetriebe sind bereits seit längerer Zeit alarmiert, wenn es um die Hygiene in den Ställen geht. "Es gab früher hohe Standards, die haben sich seit der Schweinepest verschärft", sagt Landwirt Stefan Wille-Niebur aus dem mecklenburgischen Dobin am See. "Wir achten viel mehr als vorher drauf, also wechseln mehrmals die Schuhe, wechseln Klamotten und duschen jedes Mal, bevor wir in den Stall gehen." Zudem lässt der Bauer scharfe Hunde entlang der Zäune laufen, damit trotz der Zäune wirklich kein infiziertes Wildschwein reinkommen kann. Doch alles zu überwachen wäre unmöglich. Es gehe um die Existenz, wenn die Schweinepest hier Deutschland erreiche, meint er.

Wildschweine zum Abschuss freigegeben

Steffen Ahnert vom Landesforst Schleswig-Holstein © NDR Foto: Screenshot
Um ein mögliches Übergreifen der Seuche zu verhindern, werden zahlreiche Wildscheine erschossen, wie Steffen Ahnert vom Landesforst Schleswig-Holstein erläutert.

Um ein Übergreifen der Afrikanischen Schweinepest auf Deutschland zu verhindern, sollen nun überall die Zahl der Wildschweine reduziert werden, deren Anzahl bei uns in der jüngsten Vergangenheit stark zugenommen hat. "Die Vermehrungsrate beim Schwarzwild beträgt circa 300 Prozent des weiblichen Wildes", erklärt Steffen Ahnert vom Landesforst Schleswig-Holstein. Indem sie in großer Zahl geschossen werden "wollen wir die Zahl der potenziellen Virenüberträger reduzieren". Der Bauernverband in Schleswig-Holstein fordert gar den Abschuss von 70 Prozent aller Wildschweine. Dieses Ziel lasse sich allerdings kurzfristig nicht so einfach umsetzen, meint Ahnert.

Dass die Seuche über die Bundesgrenze kommt, ist dabei keineswegs unwahrscheinlich. "Wir müssen uns erhebliche Sorgen machen", sagt Prof. Conraths. Das Risiko einer Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest nach Deutschland schätze das Friedrich-Loeffler-Institut als hoch ein. "Wir können nicht sagen, wann es passiert", sagt Conraths, "aber die Wahrscheinlichkeit, dass es eingeschleppt wird, ist hoch."

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Bigband | Panorama 3 | 16.01.2018 | 21:15 Uhr

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