Stand: 12.06.2017 11:00 Uhr

"Mord ist eine Zäsur für die Hinterbliebenen"

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Kristina Erichsen-Kruse leitete den Hamburger Maßregelvollzug, ehe sie ehrenamtlich beim Weißen Ring begann.

Kristina Erichsen-Kruse ist stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings in Hamburg, der sich um Kriminalitätsopfer und deren Angehörige kümmert. Mit NDR.de sprach die ehemalige Leiterin des Maßregelvollzugs der Forensischen Psychiatrie Ochsenzoll über die Folgen einer tödlichen Gewalttat für die Hinterbliebenen und die Hilfe, die die vielen Ehrenamtlichen der Opfer-Organisation leisten.

Sie hatten als Leiterin des Maßregelvollzugs in Hamburg viele Jahre mit psychisch kranken Schwerverbrechern zu tun, ehe sie 2000 ehrenamtlich beim Weißen Ring begannen. Was hat Sie bewogen, quasi die Seiten zu wechseln und mit den Opfern statt den Tätern zu arbeiten?

Kristina Erichsen-Kruse: Ausschlaggebend war für mich der Ausbruch des "Heidemörders" Thomas Holst aus dem Maßregelvollzug unter Verantwortung unseres Hauses. Holst hatte drei Frauen ermordet, eine unserer Therapeutinnen hatte ihm 1996 zur Flucht verholfen. Das hatte die Hinterbliebenen der drei ermordeten Frauen enorm aufgewühlt. Sie standen vor mir und wollten wissen, wie das passieren konnte. Und ich sah die kaputten Familien und merkte, dass ich keine Antworten auf ihre Fragen hatte. In meinem beruflichen Alltag kamen nur die Täter vor.

Zur Person

Kristina Erichsen-Kruse arbeitet seit 2000 ehrenamtlich für den Weißen Ring in Hamburg und ist stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands. Als gelernte Krankenschwester absolvierte sie eine psychiatrische Fachausbildung und trat eine Stelle im Hamburger Maßregelvollzug an, wo sie zunächst als Fachkrankenschwester für Psychiatrie arbeitete. Sie wurde Leiterin des Hauses 18 der Forensischen Psychiatrie Ochsenzoll, in der psychisch kranke Schwerverbrecher einsitzen. Um besser verstehen zu können, warum Gewalt entsteht, absolvierte sie begleitend noch ein Kriminologie-Studium. 2002 ging sie nach 23-jähriger Leitungstätigkeit in den Ruhestand.

Was macht ein Mord mit den Angehörigen der Opfer?

Erichsen-Kruse:  Die Hinterbliebenen leiden durchaus unterschiedlich. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Die Tat verändert ihr Leben für immer. Sie ist eine Zäsur im Leben der Hinterbliebenen. Dabei ist es zunächst ziemlich egal, unter welchen Umständen das Opfer ums Leben gekommen ist, weil dessen Tod an sich im Vordergrund steht. Erst die Ermittlungsergebnisse und später die Gerichtsverhandlung machen die Umstände bewusst, die häufig starke Schuldgefühle wie "Warum habe ich nichts verhindern können?" - so irreal sie sein mögen - auslösen. Die Angehörigen gehen abends mit dem Gedanken an ihren getöteten Mann, Tochter, Sohn, Bruder, Schwester oder ihr Elternteil schlafen und wachen morgens damit auf. Mit Abstand am schlimmsten ist es für Eltern, deren Kind durch eine Gewalttat ums Leben kam - selbst, wenn dieses schon erwachsen war.

Wie können es die Hinterbliebenen schaffen, mit dieser Zäsur umzugehen?

Erichsen-Kruse: Es kommt auf die Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen an, ob und auf welche Weise er lernt, mit dem Verlust und der Trauer umzugehen. Es gibt einige, die verharren für viele Jahre in einer öden Wüste, und es gibt andere, die nehmen die Dinge in die Hand und schauen, ob das Leben noch etwas anderes als Trauer und Tod für sie bereit hält. Ich kenne Etliche, denen das mit Hilfe des Weißen Rings, und zum Teil auch mit meiner, gelungen ist.

Wie kann der Weiße Ring die Betroffenen denn unterstützen?

Erichsen-Kruse: Zunächst einmal helfen wir, durch therapeutische Begleitung und einen sehr guten Anwalt, die Zeit bis zu einem Prozess zu überstehen. Dabei geht es erst einmal um Stabilisierung und Rückkehr in den Alltag. Wir möchten den Hinterbliebenen das Gefühl vermitteln, dass wir für sie da sind und dass es ihnen erlaubt ist, alles zu tun, wonach ihnen ist. Zudem schauen wir, ob es in der Umgebung der Hinterbliebenen Familienmitglieder, Freunde und Bekannte gibt, die wir hinzuziehen können. Wichtig ist, dass den Betroffenen die Gelegenheit gegeben wird, ihre Trauer auszuleben. Wenn das geschieht, sind sie mit der Zeit meistens so weit, dass sie ihrem Leben wieder eine neue Richtung geben können.

Weitere Informationen

Hilfe für Opfer von Kriminalität

"Aktenzeichen XY"-Legende Eduard Zimmermann gründete den Weißen Ring, der seit 1976 Opfer von Kriminalität unterstützt. Die Hilfen reichen von Zuhören bis zu finanziellem Beistand. mehr

Welche Rolle spielt ein Prozess für die Trauerarbeit der Angehörigen?

Erichsen-Kruse: Jeder Hinterbliebene einer Gewalttat weiß, dass die Höhe der Strafe nicht das Allheilmittel ist. Er will in der Regel, dass Recht geschieht. Viele sprechen immer von Gerechtigkeit, aber die kann es gar nicht geben. Es gibt kein Zurück in ein altes Leben, es gibt nur ein anderes Leben. Wenn aber im Prozess zutage kommt, dass der Täter bereut und das Gericht mit seinem Urteil die Situation des Opfers würdigt, dann ist das in der Regel für die Angehörigen das A und O. Sie wollen gesehen und gehört werden, sie wollen öffentlich dargestellt wissen, dass ihnen ein unersetzlicher Verlust beschert wurde. Passiert das nicht, ist das für die Angehörigen so, als würde die ganze Tat noch mal passieren.

Macht es für die Trauerarbeit einen Unterschied, ob der Täter ein Bekannter und sogar ein Familienmitglied war, oder ob ein Mensch zufällig zum Opfer geworden ist?

Erichsen-Kruse: Ja das spielt schon eine Rolle. Ein Zufallsopfer zu sein, das zur falschen Zeit am falschen Ort war, ist noch sinnloser als jeder andere gewaltsame Tod. Jeder Mensch sucht immer nach Erklärungen, warum etwas passiert ist. Die Frage nach dem "Warum" ist ausgesprochen müßig, aber nach einem so sinnlosen Tod tauchen eben viele Fragen auf. Jeder versucht dann, eine Erklärung zu finden, auch wenn es keine gibt. Und wenn Menschen auf eine Frage, die sie bedrängt, keine Antworten finden oder kriegen können, dann kann es passieren, dass sich das wie ein Mühlrad im Kopf dreht. Wir vom Weißen Ring können die Antworten auch nicht geben, aber wir können versuchen, die Gedanken mit Hilfe professioneller Menschen umzulenken. Und das braucht Zeit.

Das Interview führte Stefanie Lambernd.

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