Stand: 06.08.2018 13:46 Uhr

"Ermittler müssen einen Tatort lesen können"

Im September 2018 startet die neue Staffel von Morddeutschland im NDR Fernsehen. In dem True-Crime-Format zeichnet der Autor und Regisseur Björn Platz vier spektakuläre norddeutsche Fälle nach. NDR.de sprach mit ihm über die Idee für das Format und die Faszination, die das Thema für ihn ausmacht.

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Autor und Regisseur Björn Platz drehte für Morddeutschland in Niedersachsen, Bremen und Hamburg.

Herr Platz, was ist das Besondere an Morddeutschland?

Björn Platz: Bei Morddeutschland stehen Fälle im Vordergrund, die in ihrer Aufklärung einzigartig waren. Die Filme sollen zeigen, wie die Ermittler wirklich arbeiten. Ich finde es sehr beeindruckend, was die Beamten auf die Beine stellen. Und das nicht nur, weil sie ein gut ausgerüstetes Polizeilabor haben, sondern weil sie mit logischem Verstand und kriminalistischem Spürsinn an die Fälle herangehen, von winzigen Details etwas ableiten und andere Dinge ausschließen. Und damit verdichtet sich dann das Bild vom Tathergang.

Zur Person

Björn Platz, Jahrgang 1974, studierte Geschichte, Psychologie und Journalistik in Hamburg und begann seine journalistische Karriere bei NDR 90,3, wo er unter anderem als Polizeireporter arbeitete. Nach seinem Volontariat beim Norddeutschen Rundfunk war er zunächst Reporter beim Hamburg Journal. In den vergangenen Jahren realisierte er neben Magazinbeiträgen als Autor und Regisseur etliche Features und Langformate für den NDR und Arte.

Was macht denn einen guten Ermittler aus?

Platz: Ein Ermittler muss einen Tatort lesen können. Das kann man lernen, aber auch Erfahrung und Talent spielen dabei eine große Rolle. Es ist sehr faszinierend, was die Mordermittler wahrnehmen, wenn sie einen Tatort auf sich wirken lassen. Der "Taximord" ist dafür ein gutes Beispiel: Als die Ermittler am 15. Januar 2010 frühmorgens zum Tatort kamen, stand dort das Taxi mit laufendem Motor. Hinter dem Taxi war der Schnee geschmolzen. Die Ermittler wussten anhand der Dicke der Schneedecke ziemlich genau, wie lange das Taxi dort mit laufendem Motor gestanden haben musste, um den Schnee zum Schmelzen zu bringen - und dass der Täter damit einen Vorsprung von mehreren Stunden hatte.

Das heißt, dass das Lesen eines Tatorts für die eigentliche Mordermittlung eine zentrale Rolle spielt?

Platz: Ja, denn einen Tatort gibt es nur einmal. Sobald Leute dort herumlaufen, werden Spuren zerstört. Für die Polizisten heißt das, dass sie gleich zu Beginn einer Ermittlung möglichst viele Informationen aus dem Tatort ziehen und schauen müssen, was an diesen Ort gehört und was nicht. Das, was nicht dahin gehört, könnte mit dem Fall zu tun haben und Hinweise auf den Täter geben. Daher wird alles gesammelt und gesichert, von Müll bis hin zu kleinen Plastiksplittern. Auf diese Weise kommen Hunderte von Spuren zusammen, die bewertet und dann zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden müssen.

Wie sind Sie denn auf das Thema gekommen?

Platz: Bei der Recherche für ein Wissensformat zum Thema Verbrechen habe ich mich mit der Arbeit einer Expertin für Bodenanalysen, Monika Freckmann, beschäftigt, um die es in "Die Spurenleserin" geht. Ich fand es sehr faszinierend, dass sie aus ein paar Sandkörnchen, die an den Nähten einer gewaschenen Hose gefunden worden waren, sehr genau sagen konnte, von welcher Stelle im Wald diese Körnchen stammen müssen. Die Polizisten erzählten mir, dass es noch viele Fälle gibt, die ähnlich spannend und umfangreich sind - und so kam die Idee zu dem Projekt, an dem ich nun seit drei Jahren arbeite.

Was macht die vier Fälle aus, die Sie erzählen?

Platz: Jeder Fall hat etwas Besonderes, Anekdoten am Rande und kleine Irrungen und Wirrungen, die dazu führen, dass man ihn spannend erzählen kann. Der Fall "Tanz in den Tod" über den Mord an einer jungen Frau in Bremen hatte uns zum Beispiel interessiert, weil auch noch 40 Jahre nach dem Verbrechen ein unglaublicher Aufwand betrieben wurde, um den Täter zu finden. So hatte die Polizei unter anderem Kolleginnen mit Schuhen aus den 1970er-Jahren über einen Bahndamm laufen lassen, um zu schauen, welche Kratzer das an den Schuhen hinterlässt und ob das Opfer damals auf diesem Weg geflüchtet sein konnte.

Morddeutschland zeigt Arbeit der Ermittler

War es schwierig, Polizei und Staatsanwaltschaft zum Mitmachen zu bewegen?

Platz: Zum Teil ja, denn Polizisten sind es gewohnt, dass sie die Fragen stellen und Herr des Verfahrens sind. Zudem ging es ja um sensible Informationen. Mordermittler wühlen im Leben der Menschen herum und drehen alles auf links, sie wissen alles über die Betroffenen. Nun kommt ein Journalist und möchte wiederum, dass sich der Ermittler selbst öffnet - das ist erst mal gar nicht so einfach und geht nur, wenn man sich gut versteht und die richtige Tonlage findet. Wenn die Ermittler merken, dass man ein gewisses Interesse für ihre Arbeit hat, öffnen sie sich auch. Und  wenn ein erfahrener Kriminalist erst einmal ins Reden kommt, dann ist das besser als jeder Krimi.

Wie sind Sie bei den Dreharbeiten vorgegangen?

Platz: Uns ging es darum, die Polizeiarbeit möglichst unverfälscht darzustellen. Dazu haben wir auf Archivmaterial zurückgegriffen und viele Interviews geführt, aber vor allem sind wir mit den Beamten zu den Orten gegangen, die für ihre Arbeit wichtig waren. Dabei haben wir Teile der Ermittlungen neu gedreht, die der Polizei bei der Aufklärung der Fälle geholfen haben, wie zum Beispiel eine Suchaktion im Wald bei Kettenkamp in Niedersachsen, bei der die Freiwillige Feuerwehr geholfen hatte. Feuerwehr und Polizei zeigten uns, wie sie damals vorgegangen sind und wo sie nach den vermuteten Leichen gegraben hatten. Auf diese Weise war man mit den Neudrehs quasi mitten im Damals.

Sind Sie auch mit den Familien der Opfer in Kontakt gekommen?

Platz: Ja, aber das war sehr schwierig und zum Teil auch sehr berührend, denn die Angehörigen leiden noch heute unter dem Verlust. So fährt zum Beispiel der Sohn des ermordeten Taxifahrers regelmäßig nachts an den Tatort, um seinem Vater zu gedenken. Immer zu dem Zeitpunkt, an dem die Schüsse fielen. Das hat mich sehr bewegt. Auch mit den Kindern des Pastorenpaars aus Beienrode ("Der Pastor und die Ameise") hatte ich Kontakt - sie hatten ja damals quasi beide Elternteile verloren. Ihre Mutter wurde umgebracht, der Vater festgenommen und später verurteilt. Die Mutter der ermordeten Bremerin Carmen Kampa hat hingegen jeden Kontakt zu uns abgelehnt, sie wollte nicht erneut an die Tat erinnert werden. Auch die Angehörigen sind Opfer, was oft vergessen wird. Ein Mord reißt Familien auseinander. Viele können nicht mehr normal durchs Leben gehen, auch wenn der Täter gefunden wurde.

Das Interview führte Stefanie Lambernd.

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Dieses Thema im Programm:

Morddeutschland | 21.09.2018 | 21:15 Uhr