Länder - Menschen - Abenteuer

Vom Schnee bis zu den Palmen - Mit dem Zug durch Graubünden

Donnerstag, 08. März 2018, 21:00 bis 21:45 Uhr

Eine Bahn wie die Schweiz: Rot und Weiß, pünktlich wie ein Uhrwerk, unterwegs in einer spektakulären Landschaft. Die Rhätische Bahn verbindet auf ihrem Weg durch Graubünden Alpenpässe und Schluchten, Orte und Ingenieursleistungen, Schnee und Palmen. Vor allem aber: Menschen und ihre Geschichten.

Bahnstrecke gehört zum Welterbekulturerbe

Bild vergrößern
Das Postkarten-Motiv der Albula-Linie. In 65 Metern Höhe überquert das Viadukt eine Schlucht und endet an einem Tunneleingang in luftiger Höhe.

Ihr Ziel jenseits der schroffen Gipfel: Italien. Von Chur durch die Bergwelt des mondänen St. Moritz, vorbei an pittoresken Bahnstationen und zuletzt über das Berninamassiv bis ins italienische Tirano. Die Bahnstrecke dieser Alpenüberquerung windet sich durch die Gebirgswelt von Albula- und Berninamassiv, führt durch 55 Tunnel und über 196 Brücken. Eine Strecke, so berühmt und schön, dass die UNESCO sie zum Weltkulturerbe erklärt hat.

Im Zug und entlang der Strecke begegnet man Menschen, die so vielfältig und eigen sind, wie die Landschaften Graubündens. Menschen wie Arnold Weber. Arnold ist Steward. Sein Arbeitsplatz ist der Zug. Er weiß, was Passagiere wollen, wenn sie am frühen Morgen staunend aus dem Fenster in die schöne Bergwelt schauen: Einen Kaffee und "Kipfeli" zum Beispiel. Arnolds rollende Minibar hält für fast jeden Fahrgast das Richtige parat. Alle anderen gewinnt er mit seiner guten Laune. Die ist ebenso unbeirrbar wie ansteckend.

Die Heimat verlassen? Kommt nicht infrage

Von all dem bekommt Semira Bontognali kaum etwas mit. Sie wohnt in einem Haus am Hang. So einsam, dass es im Winter oft nur mit dem Schlitten oder Schneeschuhen erreichbar ist. Im Tal unter ihr liegt der traditionsreiche Edel-Skiort St. Moritz. Semira ist dort aufgewachsen und wurde eine Spitzen-Triathletin. Profisportler wollte sie aber nicht werden, dann hätte sie ihr geliebtes Engadiner Tal ja verlassen müssen. Und das kann sie sich nicht vorstellen. Sie will hier wohnen bleiben und ihre Kinder hier aufwachsen sehen - in der Bergwelt rund um St. Moritz.

Bild vergrößern
Am Ende der Reise erreicht die Bernina-Linie Tirano in Italien. Auf dem letzten Abschnitt geht es mitten durch die Stadt und über den Marktplatz.

Ein Stückchen weiter passiert der Zug den Hof von Werner Wohlend, Spitzname "Wohli", Berufung "Pferdeflüsterer". Auf seinem Hof lebt eine Pferdeherde von 50 Tieren. Mit seinen zwei erfahrensten Pferden beherrscht Wohli eine jahrhundertealte Tradition: das Holzrücken. Nur mit Pferdekraft werden in den steilen Berghängen gefällte Bäume bis zur nächsten Straße gezogen. Jede Maschine würde hier zerstörerische Erosionen hervorrufen. Wohli und seine Pferde erhalten die Natur und ermöglichen Forstwirtschaft an schwer zugänglichen Hängen - so wie es hier seit Jahrhunderten gemacht wird.

Nicht per Straße erreichbar: die Alp Grüm

Wenn der höchste Punkt des Schweizer Streckennetzes, der Bernina-Pass überwunden ist, geht es langsam wieder bergab, Richtung Italien. Nicht ohne Stopp bei Primo Semadeni. Sein "Buffet", das Streckenrestaurant an der Alp Grüm, ist nur zu Fuß oder mit dem Zug zu erreichen. Eine logistische Herausforderung, weil jedes Stück Gemüse, Fleisch oder Brot mit der Bahn hinaufgebracht werden muss - gute Planung ist da entscheidend. Erst recht, wenn das Wetter plötzlich besser wird und alle die Sonnenterrasse stürmen.

Lokführer Stefan Lüthi kommt hier fast täglich vorbei. Er liebt den einsamen Job vorn im Fahrstand. Und die Fahrt aus dem Hochgebirge hinab ins sonnige Italien wird ihm nie langweilig. Kurz vor der Ankunft passiert die Bahn die Kastanienhaine des Valposchiavo, des letzten Zipfels Schweiz vor der italienischen Grenze. Nicolo Paganini und seine Freunde sammeln hier eine Kastaniensorte, die nur in diesem Tal wächst - um sie zu rösten. So wie es schon seit Jahrhunderten gemacht wird. Für sie ist es einfach das beste Leben, das sie sich vorstellen können - hier am Ende der vielleicht schönsten Bahnstrecke der Welt.

Autor/in
Torben Schmidt
Kamera
Felix Korfmann
Schnitt
Imke Koseck
Sprecher/in
Meik Spallek
Produktionsleiter/in
Jost Nolting
Redaktion
Christian Kossin