Länder - Menschen - Abenteuer

Mit dem Postboot auf dem Jenissej (2) - 2000 Kilometer durch Sibirien

Dienstag, 23. Juli 2019, 15:15 bis 16:00 Uhr

Der Jenissej ist einer der mächtigsten Ströme der Erde. Er fließt von der mongolischen Grenze nordwärts durch ganz Sibirien bis zum Polarmeer. Hier gibt es keine Straßen und keine Schienen. Das Postschiff ist die einzige Verbindung zu den Menschen. Es fährt Tag und Nacht an endlosen Wäldern entlang, an winzigen Dörfern und kleinen Städten vorbei.

Startpunkt Krasnojarsk

Die Reise beginnt in Krasnojarsk. Von dort aus werden die Dörfer bis hinauf zum Nordpolarmeer mit Kohle, Lebensmitteln, Medikamenten und Post versorgt - alles sehnsüchtig erwartet. Nur vier Monate im Jahr ist Zeit, Notwendiges in die Siedlungen zu schaffen. Dann friert der Fluss zu bei Temperaturen von minus 40/50 Grad.

Bild vergrößern
Das Postschiff "Lermontov" auf seiner Reise durch Sibirien.

Kapitän Pachomov kennt den Jenissej, ein stürmischer, gefährlicher Fluss mit reißender Strömung. Man sieht es vom Schiff aus: Manche Ufer wirken wie abrasiert. An Bord sind Nenzen, die zu den Ureinwohnern Sibiriens gehören. Vor der russischen Eroberung lebten sie nicht in festen Häusern, sondern als Nomaden. Ihr Dorf ist so winzig, dass es keine Anlegestelle hat. Die Menschen klettern mitsamt ihren Habseligkeiten wie Kühlschränken, Fernsehapparaten und Sofas die Bordwand herunter und steigen in Transportboote um. An einigen Anlegestellen warten Babuschkas mit Kartoschki , mit Kartoffeln, Gemüse und Obst aus ihrem Garten auf die Reisenden, um sich zur kargen Rente etwas dazuzuverdienen.

Kälte und Einsamkeit

Die Menschen am Jenissej haben schon einiges durchgestanden. Viele kapitulieren vor der großen Kälte, der Einsamkeit und Weite des sibirischen Nordens, wollen zurückkehren ins "materik" , nach Zentralrussland. Aber es gibt auch Naturfreunde im Hohen Norden, die auf dem Schiff die Zeit nutzen, ihre Netze zu flicken, die vom Fischfang leben, von der Jagd auf Bären, Zobel, wilde Rehe und von den kargen Ernten ihrer winzigen Gärten.

Ein Ort der Verbannung

Bild vergrößern
Ein fröhlicher Bewohner am Ufer des Jenissej. Ihm scheinen die Einsamkeit und die Kälte der Region nichts auszumachen.

Schon die russischen Zaren verbannten Unbotmäßige in diese unwegsame Gegend. Später kamen im Auftrag des Zaren Kosaken, die auf der Jagd nach dem Zobel zu märchenhaftem Reichtum kamen und Vorposten des russischen Imperiums in Sibirien errichteten. Heute pflegen die Kosaken wieder ihre Traditionen, rekrutieren junge Leute und lehren sie, nach Kosakenart für Gott und Russland zu kämpfen. Die reichste Stadt am Strom, die unter dem Schutz der Kosaken stand, war einst Jenissejsk. Von hier aus gingen die Zobelfelle nach Nischni-Novgorod und dann auf die Rauchwarenmesse nach Leipzig.

Nachfahren ehemaliger Häftlinge

Auch während der Sowjetzeit wurden Menschen an den Jenissej verbannt: Die Nachfahren entlassener Lagerhäftlinge der Stalinzeit leben hier und Russlanddeutsche, die von ihren Siedlungen an der Wolga zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges 1941 nach Sibirien verschleppt wurden und heute noch in altmodischem Deutsch dem Fremden antworten. Einige treffen wir an Bord und besuchen sie in ihren Siedlungen.

Russischer Geheimdienst und ein halbes Jahr Dunkelheit

Bild vergrößern
Wenn das Postschiff die Bewohner dieses Dorfes nicht versorgen würde, könnten sie hier nicht leben - so abgeschieden liegt die Region.

Das Gebiet, wo sich der Jenissej ins Nordmeer ergießt, ist für Ausländer gesperrt. Man braucht eine Ausnahmegenehmigung vom russischen Geheimdienst FSB. Der Hohe Norden ist eine der rohstoffreichsten Regionen Russlands. Unweit des Jenissej liegt Norilsk mit dem größten Nickelwerk der Welt. Ein halbes Jahr ist es hier, jenseits des Polarkreises, dunkel und eisig kalt. Das Werk zahlt hohe Löhne, um die Arbeitskräfte für das gigantische Werk, etwa 60.000 Menschen, bei der Stange zu halten.

Auch Stalin war im Jenissej

Nach Norilsk wurde man in den 30er-Jahren deportiert oder abkommandiert. Die Stadt ist eine Schöpfung der Stalinzeit. Die ersten Industriebetriebe wurden von Gefangenen gebaut: Das Lager Norilag war einer der größten Komplexe des sowjetischen GULAG, dem Zwangsarbeitersystem. Zehntausende politische Gefangene sind dort an Kälte, Schwäche und Hunger gestorben. Stalin wusste, was er tat, als er die Menschen in den Hohen Norden schickte, denn er selbst wurde an den Jenissej verbannt. Ein gigantisches Stalin-Denkmal stand einst am Fluss. Die Alten wissen heute noch zu berichten, dass nach dem Tod Stalins und den Enthüllungen über seine Verbrechen aufgebrachte Bauern das Denkmal auf einen Traktor luden und im Fluss versenkten. Nur der Sockel blieb stehen und ist vom Ufer aus zu besichtigen.

Autor/in
Rita Knobel - Ulrich
Redaktion
Ralf Quibeldey
Larissa Klinker
Produktionsleiter/in
Eva-Maria Wittke