Stand: 06.01.2020 17:39 Uhr

Smart City: Daten sollen Stadt lebenswerter machen

von Lennart Herberhold

Auf der Suche nach einem Arzt, einem Restaurant oder einer Behörde zücken wir unser Smartphone und lassen uns von Google Maps durch die Stadt lotsen. Dabei erzeugen wir Daten. Und je länger wir uns in einer Stadt bewegen oder in ihr leben, desto mehr Daten werden es. Auf den Servern von privaten Unternehmen und städtischen Behörden sind die digitalen Spuren gespeichert, die unser Leben in der Stadt hinterlässt. Ein Schatz, der darauf wartet, gehoben zu werden, findet die Wissenschaftlerin Gesa Ziemer von der Hafencity Universität. Die Professorin leitet das City Science Lab der Hamburger Hochschule für Stadtplanung. Die Stadt der Zukunft ist für Ziemer eine Stadt, die ihre Daten optimal nutzt, und das heißt: verknüpft und sichtbar macht.

Stadtentwicklung: Bürger sollen Stadt digital mitgestalten

Kulturjournal -

Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Die HafenCity Universität Hamburg und städtische Behörden arbeiten an einem digitalen Stadtmodell, an dem Bürger mitwirken sollen.

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Gesa Ziemer steht an einem Tisch, der aussieht wie das Display eines riesigen Smartphones. Zu sehen ist eine Luftaufnahme von Hamburg. Mit einer einfachen Handbewegung zieht Ziemer das Bild auf, bis sie einen einzelnen Hamburger Stadtteil im Blick hat. Eine leichte Berührung, und das Display zeigt ihr, wie viele Kindertagesstätten es in diesem Stadtteil gibt. Sie tippt noch einmal auf den Bildschirm, und eine neue Karte zeigt die Verkehrs- und Lärmbelastung. Karte um Karte klickt sich Ziemer durch das bauliche, politische und soziale Gesicht des Stadtteils. Den Datentisch entwickelt das Science City Lab der Hafencity Universität für das Projekt DIPAS (Digitales Partizipationssystem) zusammen mit der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen und dem Hamburger Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung. Für Gesa Ziemer ist der Datentisch so etwas wie die Kristallkugel moderner Stadtplanung. "Wir bauen hier interaktive, datenbasierte Stadtmodelle, an denen man Zukunftsszenarien von Stadt modellieren kann", sagt sie. "Man kann sich überlegen, wie würde die Stadt aussehen, wenn wir jetzt alle privaten Autos rausnehmen?"

"Smart City" - das neue Zauberwort der Stadtplanung

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Gesa Ziemer leitet das City Science Lab der HafenCity Universität.

"Smart City" heißt das Zauberwort. Es ist die Idee, Städte effektiver, energiesparender, lebenswerter und sauberer zu machen, indem man bei jedem neuen Stadtentwicklungsprojekt die gigantischen Datenmengen heranzieht, die die Menschen in der Stadt produzieren. Für Kritiker ist Smart City deshalb ein Reizwort. Sie warnen davor, dass Digitalkonzerne demnächst auch noch bei der Stadtplanung mitmischen könnten. Die Möglichkeit von Unternehmen, noch mehr Daten zu sammeln und zu Geld zu machen, würden dadurch endgültig unbegrenzt.

Gesa Ziemer sieht das ganz anders. Die Daten, auf denen ihre Stadtmodelle beruhen, stammen - bisher zumindest - ausschließlich von städtischen Behörden. In Hamburg, so betont die Professorin, hat jeder dank des Hamburger Transparenzgesetzes die Möglichkeit, auf wichtige Daten der Stadt zuzugreifen. Gesa Ziemer ist sich sicher: Wenn alle für ein Bauprojekt relevanten Informationen buchstäblich auf dem Tisch liegen und für alle sichtbar sind, dann werden die oft erbittert geführten Debatten über Stadtentwicklung sachlicher und transparenter.

Diskutieren am Datentisch

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Am Datentisch des Cityscience Lab können zum Beispiel Verkehrsbewegungen und Lärmbelästigungen erfasst und sichtbar gemacht werden.

An einem Samstagvormittag hat die Stadtentwicklungsbehörde zu einer "Stadtwerkstatt" ins Auswanderermuseum auf der Veddel eingeladen. Es geht um die Weiterentwicklung der Hafencity Richtung Veddel und Rothenburgsort. Das Gelände um die futuristische U- und S-Bahnstation Elbbrücken herum soll neu bebaut werden. Drei Architekturbüros haben es in die engere Auswahl geschafft. Jetzt sollen die Bürgerinnen und Bürger ihre Meinung sagen. Sie stehen an drei Datentischen und diskutieren mit Planern und Datenspezialisten der Stadtwerkstatt.

Die Entwürfe der Architekturbüros erscheinen als 3-D-Animationen auf der Tischoberfläche. Immer wieder wird das Modell aufgerufen, das den geplanten Elbtower, das höchste Hochhaus Hamburgs, zeigt. Der Elbtower wird von einigen jetzt schon als neues Wahrzeichen der wachsenden Metropole gefeiert. Beim Workshop aber interessiert die Menschen von der Veddel und aus Rothenburgsort vor allem, ob sie künftig den halben Tag im Schatten eines Fast-Wolkenkratzers verbringen werden. Am Datentisch lässt sich der Schattenwurf für jeden Tag eines Jahres simulieren. Alles wirkt eingängig und schön anzuschauen, und wenn man über die digitalen Stadtansichten wischt, kann man als Bürger schon einen Hauch von Allmachtsgefühl erleben. Ist das also nun die Zukunft der Stadtplanung und Mitbestimmung?

Stadtplanung: Mitbestimmung per Smartphone

Was die Bürgerinnen und Bürger beim Workshop an Kritik und Ideen sammeln, ist für die Stadt und die Investoren nicht verpflichtend, es ist eine Empfehlung. Aber die werde gehört, versichert Gesa Ziemer. Und das Projekt DIPAS ermögliche immer mehr Menschen, bei Stadtplanung mitzureden - zum Beispiel, indem sie per Smartphone von überall her mitdiskutieren. Je mehr es werden, umso größer die Herausforderung: "Wenn wir diese Beteiligungsverfahren groß aufziehen, kommt die Frage: Wie werten wir die aus? Früher hatte man Post-its und Notizen, da war es ziemlich einfach, die wichtigsten Themen und Meinungen herauszufiltern. Wenn wir jetzt bis zu 5.000 Leute haben, die sagen: 'Wir wollen an der Elbchaussee einen Radweg!' - dann müssen wir anders sammeln", sagt Ziemer.

Videos
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Hamburg Journal

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Hamburg Journal

Beim City Science Summit in Hamburg diskutieren Fachleute darüber, wie digitale Technologien die Stadt verändern. Hamburg hat an Zukunftsvisionen bereits einiges zu bieten. Video (02:27 min)

Künstliche Intelligenz soll Mehrheitsmeinung ermitteln

Ihre Studierenden arbeiten im DIPAS-Projekt an einer Künstlichen Intelligenz. Die soll irgendwann Tausende von Meinungen zu einem Bauprojekt analysieren und herausfinden, was der Mehrheit am wichtigsten ist. Wird die Stadt der Zukunft also nach dem Google-Prinzip geplant? Die größte Trefferanzahl setzt sich durch, Minderheitenmeinungen werden ignoriert? "Das ist eine Kritik, aber Algorithmen werden sehr viel besser, und die Maschinen lernen sehr viel besser, je mehr Daten wir haben", sagt Gesa Ziemer.

Teilen kommerzielle Firmen künftig ihre Daten?

Die Stadt der Zukunft, versichert die Wissenschaftlerin, werde nicht von Algorithmen im Alleingang geplant, sondern von einer Künstlichen Intelligenz, die den Bürgerinnen und Bürgern zuhört. Geht es nach Ziemer, dann wird die Stadtplanung der Zukunft also beides zugleich: effizienter und demokratischer. Dazu müssten, so Ziemer, aber auch kommerzielle Unternehmen ihre Daten für die Stadtplanung zugänglich machen. Sind die dazu bereit? Ziemer formuliert es vorsichtig: Da sei noch "Luft nach oben".

Was ist echte Datenhoheit?

Die Euphorie zur Smart City teilen nicht alle. Sybille Bauriedl, Professorin an der Europa-Universität Flensburg, hat ein Buch herausgebracht, das sich kritisch mit der Digitalisierung unserer Städte auseinandersetzt. Für sie ist die Smart City vor allem ein Marketing-Begriff. Und dadurch, dass Städterinnen und Städter künftig an digitalen Stadtmodellen diskutieren dürfen, wird Stadtpolitik nicht automatisch demokratischer, sagt Bauriedl. Ja, es gebe das Hamburger Transparenzgesetz, das Bürgerinnen und Bürgern das Recht gibt, Einblick in Verträge der Stadtregierung zu fordern. Doch damit sei noch keine echte Datenhoheit erreicht. Von der könne erst die Rede sein, wenn die Stadt mit offenen Quellcodes und offener Software arbeitet - also einer Software, die von allen weiterentwickelt werden kann. "Das ist in Hamburg offensichtlich nicht vorgesehen, solange die Stadtregierung weiterhin Verträge mit internationalen IT-Konzernen abschließt, die bisher alle mit dem Argument 'Geschäftsgeheimnis' nicht einsehbar sind", sagt Sybille Bauriedl. Gesa Ziemer dagegen versichert, dass die DIPAS-Software, die für die Bürgerbeteilung mit interaktiven Stadtmodellen eingesetzt wird, einer Open-Source-Software ist, die von anderen Städten und Forschungseinrichtungen nachgenutzt und weiterentwickelt werden kann.

Die Digitalisierung unserer Städte eröffnet also zugleich neue Möglichkeiten und Konfliktfelder. Dass sie ein enormes wirtschaftliches Potenzial darstellt, haben IT-Unternehmen längst begriffen. Der Großteil der Daten, die wir täglich produzieren, gehört uns schon lange nicht mehr. Wenn auf der Grundlage dieser Daten zukünftig Stadtplanung betrieben wird, stellt sich die Frage nach der Datenhoheit mit einer neuen Dringlichkeit. Andererseits kann mit den Daten tatsächlich der Planungsprozess ein bisschen demokratischer werden, mehr Mitbestimmung ermöglichen - aber nur, wenn wir unser Recht darauf einfordern und uns beteiligen.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 06.01.2020 | 22:45 Uhr