Gegen die Angst: Stadtplanung für Frauen

Stand: 28.10.2020 12:07 Uhr

Viele Frauen fühlen sich unsicher, wenn sie in Städten unterwegs ist. Dabei braucht es gar nicht viel, um das Sicherheitsempfinden zu verbessern. Wie es besser gehen kann, zeigt die Stadt Wien.

von Katharina Ricard

"Jede Frau hat Angst, wenn sie Dinge nicht übersehen kann. Wenn es dunkel ist. Wenn sie Gruppen sieht, die man nicht einschätzen kann. Gruppen von Menschen, die Alkohol trinken, an denen man vorbei muss. Und man weiß nicht genau, was dann passiert", sagt Maike Röttger von Plan International. In vier deutschen Großstädten, online und anonym, haben Röttger und ihre Kolleginnen und Kollegen Mädchen und Frauen gefragt, was sie fühlen, wenn sie sich durch ihre Stadt bewegen. Sie erhielten erschütternde Aussagen und Schilderungen schlimmer Erlebnisse. Sie alle sind vermerkt auf einer Karte. Für jeden einsehbar.

Hamburg: "Die empfundene Unsicherheit ist massiv"

Maike Röttger. © NDR
Maike Röttger und ihre Kolleg*innen haben Mädchen und Frauen gefragt, was sie fühlen, wenn sie sich durch ihre Stadt gehen.

Beispiel Hamburg: "Diese Karte flüstert einem ganz viele Geschichten von Furcht und wie Frauen vor allen Dingen diese Stadt empfinden", so Röttger. Erfahrungen am eigenen Leib und die Angst davor. Selbst, wenn nicht jede Nacht an jeder dunklen Ecke ein Verbrechen passiert: Die empfundene Unsicherheit ist massiv. "Gerade dieses Gefühl: Da hört mich jemand nicht. Wenn ich Hilfe rufe, da hört mich jemand nicht. Das ist sofort in dem Denken, wenn ich eine Gruppe junger Männer sehe oder einen dunklen Park, dann habe ich sofort das Gefühl: Okay, wie kann ich dem ausweichen? Und wenn ich dem nicht ausweichen kann, hilft mir dann jemand?"

Stadtplanung als Männerdomäne

Eva Kail. © NDR
Die Stadtplanerin Eva Kail plant in Wien "Viertel für alle".

"Stadtplanung im Allgemeinen und Verkehrsplanung im Besonderen war einfach ein Männerjob", sagt Stadtplanerin Eva Kail. Sie ist der Beweis, dass es anders geht. Kail plant für die Stadt Wien "Viertel für alle" - ohne dunkle Ecken und unsichere Plätze. "Was man hier sehr schön sieht, ist auch eines der Gestaltungsprinzipien: Dass Wegerelationen, sogenannte Wunschgehlinien direkt in der Parkplanung aufgenommen werden. Wenn ich einen Park durchqueren muss, dass ich dann auch wirklich den direkten, geraden, gut ausgeleuchteten Weg anbiete. Dass ich für die Hauptwege Übersichtlichkeit habe."

Wie muss eine Stadt sein, damit niemand Angst hat und sich niemand in die Quere kommt? Der Reumannplatz im 10. Wiener Bezirk war einst ein problematisches Nadelöhr. "Vor der Umgestaltung war es so, dass diese beschränkten Platzangebote, wo ganz viele Wege oder Wegbeziehungen drübergingen, sehr ungünstig gestaltet waren. Das hat sich sehr unangenehm gemischt, mit Menschen, die queren und die, die sich hier aufhalten. Da gab es auch verwinkelte Zugänge, unübersichtliche Wege und hohe Gebüsche."

Video
Moderator Yared Dibaba im Gespräch mit einem Gast.
8 Min

Viele Frauen fühlen sich in Städten unsicher

Jede vierte Frau hat in ihrer Stadt schon sexuelle Belästigungen - verbal oder physisch - erlebt. Das zeigt eine Studie der Organisation Plan International in deutschen Großstädten. 8 Min

Stadtplanung: Berücksichtung aller

Wer einen Platz für die Bedürfnisse aller plant, muss alle mitnehmen. Das ist hier gelungen: Fußgänger, ansässige Geschäftsleute, Obdachlose - alle konnten ihre Ängste und Vorschläge äußern - und mit Punkten abstimmen. Dass sich Frauen und Mädchen hier heute sicher fühlen, brauchte besondere Anstrengung. "Hier konnte man während des Beteiligungsprozesses schnell sehen, wer sich beteiligt hat. Ich persönlich bin selber Mädchen vor die Füße gesprungen, die über diesen Platz gegangen sind, weil ich gesehen habe, dass sie viel weniger Punkte kleben als Jungen und dann hab' ich sie gezielt hereinholen können."

Wien ist Vorbild beim Gender Planning

Wien ist Vorreiter des sogenannten Gender Planning. Für eine Stadt, in der gut miteinander gelebt wird, weil die Bedürfnisse vieler berücksichtigt werden. "Es geht darum, sich gezielt in verschiedene Schuhe zu stellen und den Blickwinkel von unterschiedlichen Nutzerinnengruppen in den Blick zu nehmen", sagt Kail. Ein Blick auf dunkle Ecken tue Not: Wo sind die Schwachstellen in einer Stadt? Und wie kann man das Bestehende offener gestalten, damit die Angst dauerhaft verschwindet? "Ich glaube, es gibt niemals nur einen, der ein Problem lösen kann und schon gar nicht so eines. Das können wir nur zusammen lösen. Das hat etwas damit zu tun, dass wir die Angst der Mädchen und jungen Frauen ernst nehmen müssen", fordert Maike Röttger. "Wenn ich einen Satz an die Wand werfen sollte, der alles verändern könnte, dann wäre das: Hört den Mädchen zu!"

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 26.10.2020 | 22:45 Uhr