Das Neue Kurzentrum auf Sylt

Stand: 07.10.2020 16:26 Uhr

Seit den 60er-Jahren steht das Neue Kurzentrum trotz aller Stürme und Gezeiten auf der Urlaubsinsel Sylt und ist zum Wahrzeichen Westerlands geworden. Wie kam es dorthin?

von Katharina Ricard

Der Zug rappelt und rumpelt über den Hindenburgdamm. Das Salzwasser beginnt, am Bahndamm zu lecken. Die Windräder vom Festland rotieren noch im Rückspiegel. Nur ein paar Kilometer Schiene noch, dann tut sich am Horizont ein langgezogener, sandweißer Streifen auf. Die Augen blinzeln - wie lang ist es noch? - ein letzter Schluck Reisekaffee aus dem Thermosflaschendeckelbecher, bis im gischtigen Gegenlicht drei Häuser auftauchen. Die Dünen überragend; wie überdimensionale Bauklötze.

Um das Neue Kurzentrum in Westerland kommt kein Sylt-Besucher herum; selbst, wenn er Dünenidylle und Wattseite gebucht hat. Hoch ragt er auf, der Gebäudekomplex aus den 60er-Jahren, und erinnert, wie ein Leuchtturm, an die Zeit, als der Tourismus an Nord- und Ostseeküste aus den Kinderschuhen herauswuchs, mit Macht hinein in die Betonpantoffeln.

Ende der 50er-Jahre macht Spanien Konkurrenz

Bevor das Neue Kurzentrum seinen Platz an der Strandpromenade fand, standen dort backsteinerne Pensionen in den Dünen. Privathäuser mit Zimmervermietung, die Toilette auf halber Treppe, und wenn im Sommer reichlich Gäste kamen, räumten die Besitzer ihre Kammern und zogen um in die Keller und Dachverschläge. Fünf Monate Saison, danach war wieder Ruhe im Karton. Und die Herbststürme kamen und brachten ihre Hochwasser mit. Ohne, dass ein Touristenfuß drohte, nass zu werden.

Die Touristen beschritten Ende der 50er-Jahre aber ganz neue Wege: Der Süden wurde als Urlaubsziel attraktiv. Spanien klotzte einen Apartmentkomplex nach dem nächsten an den südeuropäischen Strand und warb mit Sonnengarantie und Zimmern mit moderner Ausstattung. Hier war das Klo plötzlich mit drin und der halb verschlafene, halb verschämte Gang des Nachts über den Hotelflur hatte sich erübrigt.

Hans Bense will Fortschritt und Profit nach Sylt bringen

Ob sich der Stuttgarter Bauunternehmer Hans Bense damals ebenfalls unter der neu entdeckten, andalusischen Pauschalsonne bräunte, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass er der Stadt Westerland und allen Sylter Pensionsbesitzern und -besitzerinnen, die ob der steigenden Tourismuszahlen neidisch gen Süden blickten, 1963 Hoffnung gab: Mit seinem Entwurf und seinem ziemlich ausgebufften Sinn fürs Geschäft überzeugt der Mittdreißiger die Stadtverwaltung, die den Bau von neuen Appartmenthäusern ausgeschrieben hatte. Man wollte mithalten an der Nordsee, Fortschritt und vor allem: Profit. Um jeden Preis. Und so müssen die in der Westerländer Dünenlandschaft verstreuten Pensionsbetriebe weichen.

Das Neue Kurzentrum entsteht. Direkt am Nordseestrandzugang zieht der Unternehmer Bense drei Häuser in die Höhe. Allesamt aus Beton. In acht, elf und fünfzehn Stockwerken können die Bürger der Bundesrepublik nun Appartements erwerben. Keine großen Wohnungen, eher praktisch gehalten; gerne mit Schrankbett ausgestattet. Hauptsache Blick.

Hochhaus "Atlantis" soll Benses Meisterstück werden

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Westerland: Strandpromenade Richtung Norden. © NDR/Studio Sylt/Georg Heimberger

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Als Köder für die Entscheider der Stadt entsteht auch ein neuer Kursaal. Außerdem: Eine Ladenpassage mit Modeboutiquen. Und Hotels - ehemalige Pensionsbetriebe, die bereits zuvor auf dem jetzt eng bebauten Areal Gäste beherbergten. Bereits vor Fertigstellung sind viele der Apartments verkauft. Der Plan geht auf. So sehr, dass Bense 1971 beginnt, etwas Neues auszuhecken: Etwas noch Moderneres soll entstehen, etwas Bahnbrechendes, etwas "Besonderes", wofür die Firma in ihrem Leitspruch wirbt: "Bense baut das Besondere" - und besonders ist es auch, das Vorhaben: 25 Stockwerke hoch, 1400 Parkplätze, 750 Appartements. Kurzum: Das Hochhaus "Atlantis" soll Benses Meisterstück werden, nur einen Betonsteinwurf entfernt vom Neuen Kurzentrum.

Sylter protestieren gegen Bau des Hochhauses "Atlantis"

Der Stuttgarter rechnet mit vielen Touristen und noch mehr Gewinn - jedoch nicht mit den Syltern selbst. Die lehnen sich auf, tun sich zusammen und protestieren gegen diesen geplanten Giganten. Tragen Särge durch die Stadt und so sinnbildlich das Heilbad Westerland zu Grabe. David gegen Goliath. Im Kampf der Sylter Bürger gegen den gewieften Unternehmer kommt ihnen schließlich das schleswig-holsteinische Innenministerium zu Hilfe und verbietet den Bau. "Atlantis" geht unter, ehe es aufgetaucht. Das Neue Kurzentrum hingegen trotzt bis heute allen Stürmen und Gezeiten. Und ist, so aus der Zeit gefallen es auch sein mag, zum Sylter Wahrzeichen geworden. Das fehlen würde im Blickfeld auf dem Weg über den Hindenburgdamm. Oder?

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 05.10.2020 | 22:45 Uhr

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