Das "Maritim" in Travemünde

Stand: 06.10.2020 18:05 Uhr

Schleswig-Holsteins höchstes Gebäude steht am Strand. 119 Meter stapeln sich die 36 Etagen aus Beton und Glas in Travemünde in die Höhe.

von Stefan Mühlenhoff

Der Gigant wirkt von der Meerseite aus schlank und so brachial und mächtig von der Seite. Das "Maritim"-Hochhaus, 1974 fertiggestellt, beherbergt in den unteren Stockwerken ein Hotel, in den oberen Etagen befinden sich die sogenannten Residenzen, Eigentumswohnungen, die zum Teil an Feriengäste vermietet und zum Teil dauerhaft bewohnt werden.

"Ich habe Genickstarre gekriegt. Das war ganz seltsam, da hoch zu gucken und das zu fixieren." Mit diesen Worten erinnert sich Wolf Rüdiger Ohlhoff an den Moment, als er zum ersten Mal vor dem fertigen Gebäude stand. Damals war er Veranstaltungsleiter bei der Travemünder Kurverwaltung und konnte aus seinem Büro heraus beobachten, wie der Turm gebaut wurde: "Das waren Kräne, die mit dem Bau wuchsen. Wenn eine neue Etage fertig war, haben die sich selbst hochgezogen. Das war technisch schon eine wahnsinnige Sache."

Reisen wurden in dern 60er-Jahren erschwinglich

Dass das Haus überhaupt entstand, hängt mit der Entwicklung des Tourismus in den Sechzigern zusammen. Damals begann die Ära des Massentourismus, Reisen wurde für viele Menschen erschwinglich. Doch die vielen kleinen Pensionen an der Ostsee hatten gar nicht ausreichend Zimmer für so viele Menschen. Auch der Standard entsprach vielerorts noch dem der Vorkriegszeit: Es war nicht unüblich, dass sich Feriengäste auf halber Treppe eine Toilette teilten.

Druck auf Travemünde: "Irgendwas musste passieren"

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Blick von der Trave auf die Altstadtpromenade von Travemünde. © picture alliance Foto: Andreas Franke

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Der westdeutsche Ostseetourismus konzentrierte sich stark auf die Lübecker Bucht. Alle paar Küstenkilometer entstanden sogenannte Ferienzentren und andere gigantische, manchmal größenwahnsinnig anmutende Hotel- und Apartmentbauten. Der Druck auf Travemünde wuchs: "Man war ins Hintertreffen geraten. Irgendwas musste passieren", erinnert sich Zeitzeuge Ohlhoff. "Travemünde war ein bisschen in einen Dornröschenschlaf verfallen."

Nachdem in Timmendorfer Strand bereits ein riesiges "Maritim"-Hotel den Tourismus angekurbelt hatte, schielte auch Travemünde auf ein ähnliches Projekt. Ein Hotel- und Apartmentkomplex mit angeschlossenem Konferenzbereich sollte entstehen. In ersten Entwürfen allerdings noch im Querformat. Aus Angst vor einem zu breiten Schatten, der auf den Strand hätte fallen können, favorisierte die Lübecker Politik aber schließlich den Bau in die Höhe.

Bürgerinnen und Bürger protestieren gegen den Bau

Lübecker Bürgerinnen und Bürger protestierten und gründeten die "Aktion gestaltetes Lübeck". Innerhalb von zwei Tagen sammelten die "Maritim"-Gegner mehr als 8.000 Unterschriften gegen den Bau. Einer der damaligen Initiatoren war der Rechtsanwalt Klaus Brock: "Es gibt ja auch Hochhäuser, die architektonisch Akzente setzen, mächtige bauliche Akzente setzen. Und das ist hier überhaupt nicht der Fall, weil es einfach nur eine Schachtel ist." Das Lübecker Rathaus zeigte sich unbeeindruckt und so begannen im Februar 1972 die Arbeiten am Fundament.

"Maritim"-Hotel ist "Leuchtfeuer des Westens"

Seit 2019 steht das Hochhaus unter Denkmalschutz. Weil es mit seiner Größe das Stadtbild prägt und weil es auch als "Leuchtfeuer des Westens" verstanden werden kann: Schließlich baute man den Turm direkt an der damaligen deutsch-deutschen Grenze. Die Gäste des Panoramarestaurants konnten bei Kaffee und Kuchen der DDR in den Vorgarten schauen. Ein Leuchtfeuer im wörtlichen Sinne ist das "Maritim"-Hochhaus darüber hinaus auch: Seit seinem Bau beherbergt es eine Signalanlage für die Schifffahrt, denn der alte Travemünder Leuchtturm, heute noch Touristenattraktion, wurde von dem Neubau verdeckt.

Im 24. Stock mit Blick auf Trave, Priwall und Ostsee wohnt Karl Erhard Vögele. 2004 bezog der Pensionär die Zweizimmerwohnung. "Ich bin raus hier auf den Balkon und habe gesagt, genau das ist es. Wobei alles zusammen kam, was mir an der Küste gefiel, die Farben, die Luft." Vögele ist Hobbyfotograf und hat das Gebäude aus allen erdenklichen Winkeln abgelichtet. Und wenn das Haus ein Mensch wäre - wie wäre dieser Mensch wohl? "Es wäre bestimmt jemand, der sehr selbstbewusst sagt: Ich bin jetzt da. Ich kann mich und will mich auch nicht mehr ändern. Ich werde euch alle überleben und darüber müsst ihr euch im Klaren sein. Moin."

Dieses Thema im Programm:

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