Hamburg Journal 18.00

Mittwoch, 24. April 2019, 18:00 bis 18:15 Uhr

Untersuchungshaft

„Station B 4, Middach ...“, verkündet Stationsbeamter Robert Wagner  durch die Lautsprecher über die Station im Untersuchungsgefängnis Holstenglacis. Es gibt Fisch mit Reis, dazu einen Nachtisch. Der Tagesablauf ist hier fest vorgeschrieben. 465 Menschen sitzen in der Haftanstalt mitten im Herzen von Hamburg, 345 von ihnen warten auf ihren Prozess. Das Gefängnis ist so stark belegt, dass weitere Untersuchungsgefangene in der JVA Billwerder am Rande der Stadt einquartiert sind. Nach Recherchen des NDR (NDR Info, NDR 90,3 und Hamburg Journal) nahm die Zahl der U-Häftlinge in Hamburg zwischen 2014 und 2018 um 87 Prozent zu – der bundesweite Durchschnitt lag laut Statistischem Bundesamt bei gerade mal 25 Prozent. Rundgang durch das Gefängnis mit Robert Wagner: Eine Zelle am Holstenglacis ist 10,33 Quadratmeter groß. Lennart sitzt hier seit November – wegen Betrugs. Die Verbindung nach draußen ist stark reglementiert: Zwei Stunden darf er pro Monat telefonieren. Die Anstalt kann mithören. Ein anderer früherer Untersuchungshäftling saß dreieinhalb Jahre in U-Haft. Seine Kinder sah er in der Zeit nur einmal: „Und danach hat es auch gereicht. Weil das für die Jungs eher traumatisch als helfend war.“ Laut Hamburger Justizsenator Till Steffen kümmert sich die Justiz verstärkt um Drogendealer und Einbrecher, also Tätergruppen, die oft keinen festen Wohnsitz in Deutschland haben. Hier liegen öfter Haftgründe vor als bei anderen Tatverdächtigen. Die Hamburger Anwältin Iris-Maria Killinger fordert, die „Fluchtgefahr“ als einen Haftgrund zurückhaltender anzuwenden und mehr auf elektronische Überwachung setzen. Denn: „Alles ist besser als Untersuchungshaft!“

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