Stand: 09.02.2019 08:32 Uhr

Essstörungen: Darüber spricht Mann nicht

von Lisa Hentschel
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Maximilian Schöler spricht offen über seine Essstörung.

Sein Pulli ist weinrot, wie farblich abgestimmt mit der Umgebung; Ein Therapiezimmer. Sein Therapiezimmer. Die langen Ärmel lassen beide Hände verschwinden, ab und zu, dann, wenn es zu persönlich wird. Der rechte Winterschuh mit dicker Sohle baumelt in der Luft. Das rechte Bein ist eng übers linke, die Hände um die schlichte Jeans geschlungen. Eine Ganzkörperumarmung. Er habe sich angewöhnt Frauenklamotten zu tragen. In die passe er einfach besser hinein.

Schritt Nummer 1: Sich die eigene Krankheit eingestehen

Maximilian Schöler schafft mittlerweile das, wovor sich so viele Betroffene fürchten. Er redet offen über seine Essstörung. "Restriktive Anorexie, zu deutsch also Magersucht ohne Erbrechen". Spricht der 25-Jährige über sich, spricht er wie über einen Patienten. Er will schließlich auch einer werden, der ihnen hilft: Humanmediziner. Mit dem Wunsch danach schien alles begonnen zu haben. Doch mittlerweile weiß Maximilian, dass seine Krankheit weiter zurückreicht, bereits in der Kindheit beginnt.

"Wir haben uns in der Therapie Bilder von früher angesehen. Da bin ich mit elf, zwölf Jahren schon auffällig untergewichtig", sagt er.

 

Seitliches Portrait von Maximilian Schöler.

Tabuthema: Männer mit Essstörungen

Hamburg Journal -

Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie werden hauptsächlich Frauen zugeschrieben. Doch auch viele Männer sind betroffen. Einer von ihnen ist Maximilian Schöler.

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Schritt Nummer 2: Sich professionelle Hilfe suchen

Doch die Diagnose kommt viel später, erst vor eineinhalb Jahren. Dann, als Maximilian sein Zahnmedizin-Studium in Berlin abbricht, mit 48 Kilogramm zurück in den Norden kehrt. Der Druck im Studium sei zu hoch gewesen. Und: "Zuhause sprechen wir kaum über Probleme". Dann kommt der Punkt, an dem nichts mehr geht. Mit 45 Kilogramm Körpergewicht geht es für zwölf Wochen in die Schön Klinik in Hamburg Eilbek. Danach folgen Therapiestunden mit Gewichtsauflagen. Deren Ziele sind für Außenstehende kaum messbar. Für Maximilian bedeuten sie die Welt:

Schritt Nummer 3: Mehr Kilos auf die Waage bringen

"Das nächste Ziel sind 54 Kilogramm. Die habe ich fast geschafft. Dann sollen es sicherlich irgendwann 60 Kilo sein. Wenn ich jetzt daran denke, möchte ich die Therapie eigentlich sofort abbrechen."

Doch Maximilian macht weiter, sucht sich professionelle Hilfe. Er hat Glück. Die Ärzte und Psychologen, zu denen er geht, erkennen seine Essstörung; Eine Ausnahme, betont Silka Hagena, therapeutische Leiterin im Bereich Essstörungen der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll.

"Bei Ärzten fehlt die nötige Sensibilisierung. Das liegt unter anderem daran, dass sich die bundesweiten Leitlinien für Essstörungen auf Frauen fokussieren."

Essstörung gilt als Frauenkrankheit

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Silka Hagena, Therapeutin für Essstörungen, spricht über die Defizite in Forschung und Praxis.

Essstörung gelte gesellschaftlich als Frauenkrankheit. Das entsprechende Forschungsfeld sei "völlig untererforscht und unterdiagnostiziert". Noch ein Problem: Der sogenannte Body Mass Index (BMI). Denn der BMI ist für Frauen wie Männer gleich. Entwickeln Männer eine Sportsucht, wiegen ihre Muskeln mehr als das nicht vorhandene Fett, fallen sie durchs Raster. "Und sportsüchtig ist heute immerhin mindestens jeder zehnte Mann, der obsessiv ins Fitnessstudio geht", betont Silka Hagena.

"Deshalb ist es erforderlich, auf das Thema Essstörungen bei Männern aufmerksam zu machen. Sowohl von Ärzten, Lehrern und Präventionseinrichtungen".

Fehlende Beratungsstellen

Allerdings: Wer in Hamburg nach Anlaufstellen für betroffene Männer sucht, findet lediglich eine Beratungsstelle, die explizit erwachsene essgestörte Männer anspricht: "sMUTje" mit ihrem Projekt "Mann* an Bord". Gemeint ist die "Starthilfe für MUTige Jugendliche mit Essstörungen", eine Beratungsstelle des Vereins Therapiehilfe e.V., die von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz gefördert wird. Doch die Gelder hinter dem Projekt "Mann* an Bord" laufen Mitte des Jahres aus. Ob es zu einer Anschlussfinanzierung durch Drittmittel kommen wird, ist völlig offen.

"Gäbe es "Mann* an Bord" Mitte des Jahres nicht mehr in Hamburg, wäre das ein Skandal. Dann müssten wir den Männern, die den Mut hatten, sich Hilfe zu holen, sagen: Schön, dass Sie sich gemeldet haben, aber dafür fehlt uns leider die finanzielle Ausstattung."

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Ina Janßen von "sMUTje" bangt um das Projekt "Mann* an Bord".

Ina Janßen, klinische Sozialarbeiterin bei sMUTje, schüttelt den Kopf. Das dürfe einfach nicht passieren. Dennoch: Findet sich keine Lösung, haben Betroffene wie Maximilian Schöler in Hamburg keine Beratungsstelle mehr. Doch der 25-Jährige hat ein Ziel. An dem hält er - egal, wie viel er wiegt - fest: "Irgendwie möchte ich es schaffen, in die Medizin zu kommen, anderen Leuten beizustehen und dann irgendwie das beste geben", sagt er.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 08.02.2019 | 19:30 Uhr