DIE REPORTAGE

Wetter extrem - Weinanbau statt Heringsfang

Freitag, 13. September 2019, 21:15 bis 21:45 Uhr
Samstag, 14. September 2019, 08:30 bis 09:00 Uhr

Weinreben werden von der Abendsonne beleuchtet.

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Wein aus Norddeutschland - das galt vor ein paar Jahren noch als Kuriosität. Doch lange heiße Sommer wie 2018 bieten ideale Bedingungen für den Weinanbau auch bei uns im Norden.

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Heiße Sommer bescheren den norddeutschen Winzern Rekord-Ernten.

Der Temperaturanstieg macht sich allerdings auch im Wasser bemerkbar - und das nicht zum Besten: Die Ostsee hat sich in den letzten 30 Jahren um 1,5 Grad erwärmt, dreimal schneller als das Wasser in anderen Meeren. Die Heringsbestände gehen zurück. Es ist nicht mehr zu übersehen: Der Norden verändert sich mit dem Klima. Wie gehen die Menschen etwa in Mecklenburg-Vorpommern mit der Klimakrise um? Das will Philipp Abresch auf der letzten Etappe seiner Reise für #wetterextrem herausfinden.

Klimawandel: Gibt es bald keine Heringe mehr?

Der Hering gehört zu Usedom wie die Ostsee und der Strand. Ohne Hering kein Rollmops, kein Matjes, kein Bückling. Auf dem Heringsfest in Koserow wird das "Silber des Meeres" Jahr für Jahr gefeiert und Hering, das einstige Arme-Leute-Essen, in den unterschiedlichsten Variationen zubereitet.

Doch die Angst geht um, dass man in naher Zukunft hier gar keine Heringe mehr fangen kann. Die Fangquoten für den Ostseehering wurden in den letzten Jahren drastisch gesenkt. In diesem Jahr wurde die Quote nochmals um 48 Prozent heruntergesetzt. Udo Wachholz ist einer der letzten Heringsfischer von Usedom: "Von meinen 120 Tonnen, die ich mal hatte, durfte ich dieses Jahr noch sechs Tonnen fischen. Das reicht gerade mal, um einen Monat Krankenversicherung zu bezahlen."

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Heringsnachwuchs geht deutlich zurück

Welche Rolle spielt die Erwärmung der Ostsee beim Rückgang des Heringsnachwuchses? Dieser Frage gehen Dr. Patrick Polte und sein Team vom Thünen-Institut Fachbereich für Ostseefischerei nach. Philipp Abresch begleitet sie auf einer Fahrt mit dem Forschungsschiff "Clupea" durch den Greifswalder Bodden, der "Kinderstube des Herings".

Frühes Schlüpfen - keine Nahrung

Die Forschenden haben festgestellt, dass der Heringsnachwuchs seit 2004 kontinuierlich zurückgeht, bis hin zu verschwindend geringen Zahlen in den vergangenen Jahren. Denn das Schlüpfen der Heringslarven ist temperaturgesteuert. Durch die Erwärmung der Ostsee schlüpfen die Larven immer früher im Jahr und finden dann noch keine Nahrung. "Das ist so ähnlich wie in den Obstgärten: Wenn die Pflanzen zu früh blühen, aber noch gar keine Insekten da sind, um sie zu bestäuben, dann verpassen sich diese Phänomene. Und das Gleiche kann auch im Wasser passieren", erklärt Dr. Patrick Polte.

Zu viel Dünger schadet dem Hering

Neben der ansteigenden Wassertemperatur ist auch die Überdüngung der Ostsee für den Rückgang der Heringsbestände verantwortlich. Eine auf maximalen Ertrag ausgerichtete Landwirtschaft verseucht nicht nur das Grundwasser, Meere und Flüsse. Sie heizt auch die Klimakrise weiter an. Viele der größten Tierfabriken Europas stehen in Mecklenburg-Vorpommern. So auch eine Mega-Stallanlage in Alt Tellin, in der 10.000 Sauen und bis zu 35.000 Ferkel gehalten werden. Jeden Montag protestieren hier Anwohnerinnen und Anwohner gegen die Ferkelzuchtanlage und den Verkehr der Gülle- und Futterlaster.

Biolandwirtschaft: Antwort auf den Klimawandel?

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Der Fleischkonsum müsse in Zukunft deutlich reduziert werden, sagt Biobauer Jens Rasim.

Wie es auch anders geht, erfährt Philipp Abresch auf dem Biohof Gut Gallin. Mit Fruchtfolgen auf dem Acker und mechanischer Unkrautvernichtung wirtschaftet Jens Rasim umweltfreundlich. Seine 100 Schweine und 300 Rinder versorgt er ausschließlich mit selbst angebautem Futter. Zum Gut gehören eine Fleischerei mit hofeigenem Schlachthaus, ein Hofladen und eine Gaststätte. Für Jens Rasim ist Biolandwirtschaft die Antwort auf den Klimawandel: "Wenn Erdgas und Erdöl verbraucht sind, ist ja praktisch die Grundlage für die konventionelle Landwirtschaft gar nicht mehr gegeben, weil kein Stickstoff mehr produziert werden kann. Wir können mit Bio die Menschheit ernähren, und in Zukunft werden wir es müssen. Wir dürfen dann nur nicht jeden Tag Fleisch essen, sondern nur ein-, zweimal die Woche."

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Profiteure des Klimawandels: Weinbauern im Norden

Es gibt auch Profiteure des Klimawandels, wie zum Beispiel der Verein der Privatwinzer zu Rattey. Die Hitze-Rekorde von 2018 führten auf dem Gut Schloss Rattey zu Rekord-Ernten. Die Polargrenze für Weinanbau hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts von Kassel um 400 Kilometer nach Norden verschoben. Önologe Stefan Schmidt, Leiter des Weinguts Schloss Rattey, träumt bereits von einer Weinstraße durch Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam mit Philipp Abresch fährt der Weinbau-Fachmann die ersten Stationen mit dem Fahrrad ab.

Zum Abschluss seiner Reise besucht Philipp Abresch eine "Fridays for Future"-Demo in Rostock. Die Jugendlichen wollen so lange auf die Straße gehen, bis die deutsche Bundesregierung ihre Forderungen nach aktiver Klimaschutzpolitik erfüllt. Sie befürchten, dass sie sonst keine Zukunft in Norddeutschland haben - und auch nicht anderswo. Der Fünftklässler Thilo sieht es so: "Was nützen uns Arbeitsplätze, wenn wir keine bewohnbare Erde mehr haben? Die Politiker können es einfach nicht ertragen, dass Schüler wie wir recht haben!"

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Babette Hnup
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Sonja Kättner-Neumann
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Redaktion
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Reporter/in
Philipp Abresch