Pflegenotstand im Norden - Wege aus der Ungerechtigkeit

Pflegenotstand im Norden

Freitag, 16. November 2018, 21:15 bis 21:45 Uhr
Samstag, 17. November 2018, 08:30 bis 09:00 Uhr

Szene aus "Pflegenotstand im Norden - Wege aus der Ungerechtigkeit": Eine alte Dame sitzt in einem Sessel.

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Mareen B. und ihr Ehemann haben einen schwer kranken zweijährigen Sohn. Ihm steht eine 20-stündige Betreuung, Pflege und Beatmung zu Hause, zu. Die Krankenkasse bezahlt das alles. Aber: eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung klappt nur selten. Mal sind Pflegekräfte krank, mal haben sie beim Pflegedienst gekündigt und der findet keinen Ersatz. Eine Katastrophe für die Familie: "Wenn wir das alles selbst machen müssen, also 24 Stunden am Tag, dann sind wir total kaputt. Aber das ist nicht so schlimm, unser Sohn ist ja unser Kind, unser Augenstern, viel schlimmer ist, dass unser System das nicht hinkriegt, dass es nicht klappt, die Pflege durchgehend zu organisieren. Da fühle ich mich im Stich gelassen."

Fühlen sich im Stich gelassen

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Mehr als 15 Pflegedienste haben sich in Niedersachsen zusammengetan um auf den Personalnotstand hinzuweisen. Almut Christ ist mit dabei.

Und die ambulanten Pflegedienste? Auch die fühlen sich im Stich gelassen. Almut C. Ist die Inhaberin eines ambulanten Pflegedienstes im ländlichen Niedersachsen: "Erstens krieg ich hier kaum Leute her zum Arbeiten. Und zweitens kann ich nicht so gut bezahlen wie die Kollegen in Hamburg. Drittens haben wir schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass es so kommen wird, wir haben das vorausgesehen. Aber die Politik hat nichts getan. Ich bin stinksauer und enttäuscht."

Niedersachsen in der unteren Mitte

Dass die Niedersachsen weniger bezahlen können als die Hamburger ist traurige Realität. Jedes Bundesland hat eine andere Entgeltordnung für Pflegedienstleistungen - und die niedersächsische Bezahlung liegt in der unteren Mitte. Bekommt ein Pflegedienst in Hamburg für das Setzen einer Spritze - inklusive Anfahrt - 19,61 Euro, so sind es in Niedersachsen - ebenfalls inklusive Anfahrt - 8,53 Euro. Mehr als die Hälfte weniger.

Pflege zu Hause ist das Beste

Dabei gilt wie im Krankenhaus auch in der Pflege: ambulant vor stationär. Niemand soll lange in einer Einrichtung leben müssen, es sei denn, es ist absolut notwendig. Bis dahin ist Pflege zu Hause das Beste, da sind sich Fachleute einig. Und bekommt man Pflege zu Hause verordnet, hat man ein Anrecht darauf. Die Krankenkassen müssen sich kümmern. Schaffen sie es nicht, hat man Anrecht auf einen Heimplatz. Aber was nutzt ein Heimplatz, wenn man zu Hause besser aufgehoben wäre?

Warum ist das so?

Die Ursachen für den Pflegenotstand im Norden wie in der ganzen Bundesrepublik sind komplex: Die ersten sogenannten Babyboomer-Jahrgänge werden alt und pflegebedürftig, das neue Pflegestärkungsgesetz hat mehr Anspruchsberechtigte produziert als die vorherigen Reformen. Und: Die Betriebe haben jahrelang zu wenig ausgebildet. Denn die Ausbildung ist zeitaufwendig und kostet Geld. Davor schrecken viele Pflegedienstleister zurück. Zumal sie, wie in Niedersachsen, ohnehin schon wenig verdienen.

Ausbildungsumlagen könnten helfen

In einigen Bundesländern allerdings werden die Betriebe verpflichtet, Ausbildungsumlagen zu zahlen, um dadurch Ausbildungen automatisch mitzufinanzieren. So konnte Bremen seine Azubizahlen im Altenpflegebereich um 60 Prozent erhöhen. Offensichtlich denken sich die ambulanten Dienste, wenn sie schon zahlen müssen, dann bilden sie auch aus. Seit einigen Jahren läuft das im Stadtstaat schon so. In Niedersachsen nicht.

Wo bleibt also die soziale Gerechtigkeit? Im Pflegedienstbereich zumindest scheint es sie auf mehreren Ebenen gar nicht zu geben.

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Redaktion
Florian Müller
Produktionsleiter/in
Julia Salden
Regie
Fabian Sabo
Autor/in
Fabian Sabo
Niels Folta