Landliebe statt Landfrust

Wie norddeutsche Regionen sich neu erfinden

Freitag, 03. August 2018, 21:15 bis 21:45 Uhr
Samstag, 04. August 2018, 08:30 bis 09:00 Uhr

Vor acht Wochen sind Franziska Hartmann und Christian Beckmann Eltern geworden. © NDR/Felix Meschede, honorarfrei

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Entgegen dem Trend wächst die Einwohnerzahl des Ortes Pinnow.

Junge Leute ziehen in die Stadt und die Infrastruktur im ländlichen Raum bricht weg. Das Dörfersterben ist in vielen Regionen Norddeutschlands ein Problem. Doch es gibt Ausnahmen: In den Orten Oberndorf in Niedersachsen und Pinnow in Mecklenburg-Vorpommern lebt es sich so gut, dass sie wachsen. Was machen diese Gemeinden anders? Wie kann der ländliche Raum für junge und alte Menschen attraktiv bleiben und wie kann dem Dörfersterben etwas entgegengesetzt werden? Die NDR Autoren Felix Meschede und Babette Sdun haben zwei Gemeinden besucht, die zeigen, wie es gehen kann.

Eine Schule für Oberndorf

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In Oberndorf trifft sich einmal im Monat das Dorf-Forum.

Noch vor einigen Jahren drohte Oberndorf in Niedersachsen auszusterben. Im März 2014 schloss die Samtgemeinde die einzige Schule des 1.500-Seelen-Ortes. Der Grund: zu wenige Kinder im strukturschwachen Einzugsbereich. Bis zuletzt hatten die Bewohner um den Erhalt gekämpft. Doch auch nach der Entscheidung gaben sie nicht auf. Ohne auf die Unterstützung des Staates zu warten, riefen die Oberndorfer in den vergangenen Jahren etliche Projekte zur nachhaltigen Dorfentwicklung ins Leben.

Das zurzeit größte Vorhaben: Ab August 2018 soll es in Oberndorf wieder eine Schule geben. Franziska Hartmann und Christian Beckmann, frischgebackene Eltern, haben die Initiative einer freien Schule ins Leben gerufen. Das Konzept haben sie selbst erstellt: ein Schulsystem ohne Noten, ohne Fächer und festen Klassen. Mit unermüdlicher Energie sammelt das junge Paar Geld und wirbt für seine Idee. Mit Erfolg: Rund hundert Schüler haben für das neue Schuljahr ab August 2018 Interesse angemeldet, Lehrer und Schulleiter sind gefunden. Das alternative Lernsystem ist beliebt bei Eltern und Schülern, einige Familien ziehen für das neue Schuljahr aus den umliegenden Städten und Dörfern nach Oberndorf. Das junge Paar hat einen großen Kreis von Unterstützern und die Dorfgemeinschaft fiebert mit: Klappt die Finanzierung und kann die Schule im August eröffnet werden?

  • Vom Wachsen und Schrumpfen

    Das Schrumpfen und Wachsen von Gemeinden und Städten ist regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wer die Tendenz für seine Gemeinde erfahren möchte, kann dies in einer interaktiven Anwendung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung anschauen.

  • So sieht es bei den Arbeitsmarktregionen aus

    Ähnlich wie die Gemeinden und Städte entwickeln sich auch die Arbeitsmarktregionen.

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Dorfleben wiederbeleben

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Janine Beckmann lebt und arbeitet in Pinnow.

In Pinnow gibt es zwar auch keine Schule, doch an Nachwuchs fehlt es nicht. Der beschauliche Ort liegt ungefähr 20 Autominuten entfernt von Schwerin. Bis zur Wende lebten hier noch 300 Menschen. Nach der Wende wurde Pinnow aufgrund seiner attraktiven Lage an mehreren Seen und der Nähe zur Landeshauptstadt für viele zu einem attraktiven Wohnort. Vor allem besser verdienende Pendler zog es hier her, heute liegt die Einwohnerzahl bei 2.000. Doch bei dem rasanten Wachstum ist etwas auf der Strecke geblieben: das Dorfleben.

Wie konnte es gelingen, den Schlafort wieder zu beleben und damit Lebensqualität zurückzugewinnen? Die Pinnower holten sich Rat von einem Institut aus Potsdam und entwickelten mithilfe von Umfragen ein gemeinsames Leitbild für den Ort. Die ärztliche Versorgung, Anbindung durch den ÖPNV, Einkaufsmöglichkeiten im Ort und gemeinsame Aktivitäten wurden in den vergangenen Jahren geschaffen. Heute sind 17 Vereine und Gruppen im Ort aktiv und bieten den Einwohnern viele Angebote. Bürgermeister Andreas Zapf, der den Prozess seit Beginn begleitet, bringt es auf die einfache Formel: nicht nur wachsen, sondern auch zusammenwachsen.

Ein neuer Ortsteil für Pinnow

Vor sechs Jahren hat Pinnow den kleinen Nachbarort Godern eingemeindet. Er liegt etwa drei Kilometer entfernt und ist über eine Holzbrücke zu erreichen. Für die Gemeinde und für den verschuldeten Ort ist der Zusammenschluss auf dem Papier ein Gewinn. Doch noch scheint das vor allem die Gemeindevorsteher zu begeistern, die älteren Einwohner sind noch misstrauisch. Gemeinsame Aktivitäten sollen das Klima begünstigen. Und so wird in diesem Sommer das jährliche Dorffest nicht in Pinnow, sondern im neuen Ortsteil Godern stattfinden.

Karte: Wachsende Dörfer
Weitere Informationen

Der Kampf gegen das Dorfsterben

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Landleben gestern und heute

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Autor/in (Drehbuch)
Regie
Felix Meschede
Autor/in
Babette Hnup
Regie
Babette Hnup
Redaktionsleiter/in
Julia Salden
Redaktion
Florian Müller