die nordstory - Schlaflos in Hamburg

Menschen der Nacht

Freitag, 01. Dezember 2017, 20:15 bis 21:15 Uhr

Hafenarbeiter bei Nacht.

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Ihr Tag ist die Nacht. Ihre Arbeit beginnt, wenn viele Büroangestellte Feierabend haben: Jeder achte Hamburger arbeitet, wenn die anderen schlafen: als Blumenhändler auf dem Großmarkt oder als Pflegerin auf der Kinderintensivstation, als Barkeeper im Szenelokal auf St. Pauli oder als Hafenarbeiter in der Nachtschicht. Damit morgens die Frühstücksbrötchen im Regal liegen und auf dem Markt frisches Obst und Fisch angeboten wird, müssen viele nachts ihren Job machen. Ohne die Nachtarbeiter in Hamburg würde das Leben in der Stadt nicht funktionieren.

Buntes Treiben auf dem Blumengroßmarkt

In Vierlanden verlassen Vater und Sohn meist gegen Mitternacht den Hof. Alfred und Harald Wulff bauen Blumen an und bringen sie sechs Mal in der Woche auf den Hamburger Blumengroßmarkt. Er ist der größte in Deutschland, Floristen und Händler aus dem ganzen Norden kaufen dort die heimische Blumenpracht, niederländische oder afrikanische Importware ein. "Das ist ein knallhartes Cent-Geschäft. Wir Hamburger Blumenzüchter können preislich mit der Importware aus Afrika gar nicht mithalten. Wir können unsere Kunden nur mit guter Qualität überzeugen", sagt Harald Wulff. Dafür arbeiten die Wulffs als Familienbetrieb quasi Tag und Nacht. Wenn Wulff junior von der Nachtschicht auf dem Blumenmarkt zurückkommt, bringt er erst einmal seine Tochter in die Kita und geht danach sofort in die Gewächshäuser, um sich um die Blumen kümmern.

Sie arbeiten, wenn andere schlafen

Gesund kann es nicht sein, dann zu arbeiten, wenn die innere Uhr des Körpers eigentlich nach Schlaf verlangt, und schlafen, wenn tagsüber in der Stadt das Leben tobt. Den regelmäßigen Nachtarbeitern brechen oft die sozialen Kontakte weg. Und auch ein Familienleben mit Lebenspartner und Kindern muss im täglichen Schichtwechsel erst einmal organisiert werden. Doch viele Nachtarbeiter fühlen sich wohl mit ihrem Job oder haben sich damit arrangiert.

Nachtschicht im Hafen

Nachtschicht am Burchardkai. Am größten Containerterminal im Hamburger Hafen werden momentan gestandene Hafenarbeiter "für die Zukunft fit gemacht". Einer ihrer Ausbilder ist "Schinderhannes", so der Spitzname von Hans-Henning Fischer. Er ist ein Hafenoriginal mit Reibeisenstimme und dem Herz auf dem rechten Fleck: Seit mehr als 30 Jahren bildet er Spezialisten für das fordernde und teilweise gefährliche Hafengeschäft aus. "Im Hafen wird nur der überleben oder seinen Arbeitsplatz behalten können, der flexibel ist und offen für den Fortschritt", sagt Hans-Henning Fischer. "Gleichzeitig müssen wir aber auch immer im Blick haben, dass wir es hier mit Menschen zu tun haben, die in ihrem Job nur so gut sein können, wie ihre Führungsleute es ihnen vorleben." Ausbilder Fischer schläft manchmal auch in seinem selbst umgebauten Wohnmobil mitten im Hamburger Hafen: "Da kann ich mich wenigstens mal ein paar Stunden aufs Ohr hauen, wenn ich auch tagsüber wieder ran muss."

Frühaufsteher in der Backstube

Der Wecker von Bäckermeister Michael Sump klingelt meist um 22 Uhr. Ein schneller Kaffee und eine Zigarette auf dem Balkon, dann muss er schon los. Bei Wind und Wetter fährt er sechs Nächte in der Woche mit dem Fahrrad zur Arbeit in die Backstube der Bäckerei Hönig. Seine Lebensgefährtin Silke Rieckmann nimmt das Auto. Sie muss erst eine Stunde später an den Rührschüsseln stehen. "Man verliert viele soziale Kontakte durch die Nachtarbeit", sagt die 50-jährige Konditormeisterin. "Am schlimmsten ist es aber im Urlaub, weil man den Nachtrhythmus der Backstube überhaupt nicht aus sich rausbekommt."

Rund um die Uhr auf der Intensivstation

Die Nachtschicht im Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift fordert Ärzte, Schwestern und Pfleger. Sie sind rund um die Uhr verantwortlich für die Patienten, vom Frühchen bis zum Pubertierenden mit Essstörungen. Und häufig kommen mitten in der Nacht auch noch dramatische Notfälle herein. Schichtarbeit zwischen Leben und Tod.

Nächtliche Stadt zwischen Partylaune und Melancholie

Die Nacht birgt eine ganz spezielle Atmosphäre in der Großstadt, verstärkt durch Lichtstimmungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: in düsteren Hinterhöfen und Gewerbegebieten, verführerisch beleuchteten Amüsiermeilen und grell erleuchteten Arbeitsplätzen im Hamburger Hafen. Das Nachtleben verstärkt Stimmungen, Sehnsüchte und Gefühle wie Einsamkeit, Partylaune, Melancholie und Romantik. "Es ist ein Unterschied", erzählt "Crazy Horst", Szenewirt seit über 40 Jahren auf St. Pauli. "In der Nacht sind die Menschen viel zugänglicher und freundlicher als tagsüber im Supermarkt oder auf der Straße. Der 73-jährige Horst Schleich ist selbst eine "Nachteule" und lebt und liebt die Geschichten der Nacht.

"Die nordstory" zeigt sehr persönliche Geschichten, faszinierende Orte und gibt unerwartete Einblicke in die meist unbekannte nächtliche Arbeits- und Lebenswelt der Hamburger.

Redaktion
Birgit Schanzen
Produktionsleiter/in
Edgar Rygol
Autor/in
Wolfgang Klauser