Stand: 29.05.2017 07:01 Uhr

"Wir haben verlernt, einfach mal nichts zu tun"

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Der Wissenschaftler Marc Wittmann hat mehrere Bücher zum Thema Zeitwahrnehmung veröffentlicht.

Wie nehmen Menschen Zeit wahr? Warum vergeht sie mal schneller und mal langsamer? Wie kommt es, dass der gefühlte Zeitdruck immer stärker zunimmt? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg (Baden-Württemberg) arbeitet. NDR.de hat mit dem 50-jährigen Zeitforscher über seine Erkenntnisse gesprochen - und über mögliche Wege zu mehr Zeit.

Herr Wittmann, wie haben Sie es geschafft, sich so kurzfristig für dieses Interview Zeit freizuschaufeln?

Marc Wittmann: Das hat geklappt, weil ich sehr selbstbestimmt arbeiten kann. Dadurch kann ich mir einteilen, wann ich was mache. Das führt tatsächlich zu einem gelasseneren Umgang mit der Zeit.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie nie genug Zeit haben und der Alltag immer stressiger wird. Woran liegt das?

Wittmann: Dieses Gefühl entsteht vor allem dann, wenn zu viele Anforderungen von außen an einen herangetragen werden und man seine Zeit nicht mehr selbstbestimmt organisieren kann. Nicht umsonst spricht man im Englischen von einer Deadline, einer Todeslinie. Das deutet an, wie viel Stress dadurch verursacht wird.

Wie ist es denn zu erklären, dass der gefühlte Zeitstress offenbar immer mehr zunimmt?

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Wittmann: Das hängt sicherlich mit der Informationstechnologie und der zunehmenden Medialisierung mit immer mehr Kanälen zusammen. Durch das Internet ist die Kommunikation viel schneller geworden. Wenn ich zum Beispiel früher einen Arbeitsauftrag bekommen habe, dann kam der häufig noch mit der Post. Ich konnte dann tagelang darüber nachdenken, ehe ich einen Brief zurückgeschrieben habe. Heute bekomme ich eine E-Mail und soll möglichst sofort darauf reagieren. Wenn ich das nicht tue, kommt am selben Tag oft schon die zweite, mit der Frage, ob ich die erste nicht bekommen habe. Das zeigt, dass sich auch die Erwartungen der Menschen immer mehr beschleunigen. Das ist ein allgemeiner Trend, der zu mehr Zeitstress führt.

Andererseits lässt sich durch moderne Technologien wie Waschmaschinen, E-Mails und schnellere Verkehrsmittel ja auch viel Zeit einsparen. Warum wirkt sich das denn nicht positiv aus?

Wittmann: Das liegt daran, dass wir nicht gelernt haben, die frei werdende Zeit wirklich mit Nichtstun zu verbringen. Stattdessen füllen wir die leere Zeit mit neuen Dingen und haben dann wieder keine. Die meisten Leute stecken in einem Modus der Schnelllebigkeit oder des Schaffens, der sich nicht so leicht zurückdrehen lässt.

Warum fällt es den Menschen so schwer, einfach mal nichts zu tun?

Wittmann: Das ist tatsächlich eine Art Teufelskreis. Wir haben es zum Beispiel verlernt, Wartezeit auszuhalten. Durch die Smartphones hat sich das noch verstärkt. Wir und auch die Welt sind durch diese Technik rund um die Uhr erreichbar. Manche Leute geraten heutzutage schon fast in Panik, wenn der Akku mal alle ist. Das kann man durchaus als Suchtverhalten bezeichnen. Die ganzen E-Mails, Nachrichten und Netzwerke sind soziale Reize, die uns belohnen und für Bestätigung sorgen. Wenn die fehlen, haben wir plötzlich Zeit und sind mit uns selbst konfrontiert - was schnell zu Leere und Langeweile führen kann.

Welche negativen Folgen hat denn die extrem enge Taktung des Alltags?

Wittmann: Dadurch, dass wir nicht mehr so viel freie Zeit erleben, spüren wir uns selber nicht mehr genug. Wir hören nicht mehr in uns hinein, wie es uns eigentlich geht. Man könnte sogar durchaus sagen, dass Modekrankheiten wie Burnout ein Hilfeschrei des Körpers sind. Er macht sich durch die Symptome wieder bemerkbar und schafft sich die benötige Ruhezeit durch die Krankheit. Die Belastungen werden oft so lange nicht bemerkt, bis man schließlich in eine psychische Erkrankung rutscht.

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Was kann man denn machen, um diesem Hamsterrad zu entkommen? Was empfehlen Sie?

Wittmann Das Wichtigste ist, dass man in einem Moment nur eine Sache macht und nicht mehrere gleichzeitig. Man kann durchaus sagen, jetzt mache ich mal etwas für eine Stunde und dann wechsele ich wieder die Tätigkeit. Hauptsache, man ist ganz konzentriert bei der einen Sache. Dann erreicht man die besten Ergebnisse und kommt nicht in Zeitdruck. Eine gute Möglichkeit sind auch köperorientierte Aktivitäten wie Yoga, Mediation oder auch Wanderungen in der Natur, wo wir nicht abgelenkt sind und eigentlich leere Zeit "sinnvoll" nutzen. Ganz wichtig ist, dass man sich bewusst Zeiten schafft, in denen man nicht verfügbar ist. Ich lasse zum Beispiel am Wochenende das Handy einfach mal zuhause liegen und merke, dass ich mich dann besser fühle.

Wie kann man den lernen, leere Zeit besser auszuhalten?

Wittmann: Eine Möglichkeit ist die sogenannte paradoxe Intervention. Das heißt, man geht bewusst in leere Zeiten rein, gerade weil man sie nicht aushalten kann. Man stellt sich zum Beispiel an der Supermarktkasse gezielt in die längste Schlange und schaut einfach, wie man mit dieser Wartezeit zurechtkommt. Plötzlich hat man drei, vier Minuten Zeit, in denen man ein bisschen zur Besinnung kommen kann. Schließlich klagt man ja sonst immer darüber, zu wenig Zeit zu haben. Auf diese Weise lernt man, mit solchen Situationen viel entspannter umzugehen.

Ein anderes Phänomen ist das Gefühl, dass die Zeit mit zunehmendem Alter immer schneller vergeht. Wie kommt das?

Wittmann Das liegt in erster Linie daran, dass wir mit zunehmendem Alter immer routinierter werden und nicht mehr so viel Neuartigkeit ins Leben bekommen. Dadurch speichern wir weniger Dinge ab, die interessant, emotional und neu sind. Genau das sind aber die Sachen, die im Gedächtnis besonders intensiv und stark vernetzt abgespeichert werden. Wenn viel Routine im Leben herrscht, sind diese Momente selten und dann kommt einem die Zeit rückblickend als schneller vergehend vor. Das merkt man zum Beispiel auch im Urlaub, wo einem die ersten Tage oft länger vorkommen, weil man dann viel Neues erlebt. Nach ein paar Tagen, wenn man vieles kennt, beschleunigt sich die Zeitwahrnehmung dann aber doch wieder.

Wie lässt sich dem entgegenwirken?

Wittmann: Eine mögliche Kur wäre, möglichst viele neue Dinge zu unternehmen. Das wirkt allerdings auch nur bis zu einem bestimmten Grad, denn man kann diese totale Neuartigkeit irgendwann nicht mehr hervorholen. Das erste Mal im Ausland ist einfach etwas anderes als die dreißigste Reise in ein fremdes Land. Ein gewisses Maß an Routine lässt sich nicht vermeiden, aber man kann das durchaus positiv beeinflussen. Ein weiteres Mittel auch in dieser Hinsicht ist es, möglichst achtsam und im Moment zu leben. Dadurch entspannen wir nicht nur, sondern es dehnt sich auch unsere Lebenszeit. In unserer Forschung haben wir tatsächlich nachgewiesen, dass sich für erfahrene Meditierer die Zeit im Rückblick länger anfühlt als für nichtmeditierende Menschen.

Das Interview führte Oliver Gressieker, NDR.de.

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