Flensburgs Kolonialgeschichte: Wohlstand mit Schattenseiten

Stand: 20.10.2021 12:30 Uhr

Das 18. und 19. Jahrhundert: Es ist die Blütezeit Flensburgs. Der Überseehandel bringt Wohlstand und goldene Zeiten! Denn Zucker, Tabak und Rum aus den dänischen Kolonien machen die Stadt sehr reich. Das hatte allerdings auch seine dunklen Seiten.

von Sabine Knor

In der sonnenverwöhnten Karibik wurde seit dem 16. Jahrhundert Zuckerrohr angebaut, Ausgangsstoff für den Rum, der mit anderen Waren nach Europa verschifft wurde. Flensburg war Drehscheibe dieses frühen Welthandels.

Sklaverei: Folter an der Tagesordnung

Die Amerikanischen Jungferninseln sind damals Teil von Dänisch-Westindien. Hier gibt es hunderte Zuckerrohrplantagen: Fester Bestandteil des transatlantischen Dreieckshandels. Der basiert auf dem System der Sklaverei. Menschen und Waren werden zwischen Afrika, der Karibik und Europa gehandelt. Etwa 12,5 Millionen Männer, Frauen und Kinder - als Sklaven verschleppt. Eng an eng liegen sie auf den Schiffen eingepfercht. Viele sterben schon auf der Fahrt. Wer überlebt, muss auf den  Zuckerrohrplantagen schuften. Folter, Amputationen, Todesstrafe - all dies ist an der Tagesordnung.

Gelohnt hat sich das System vor allem für die Flensburger Kaufleute. Auf der Hinfahrt besteht die Fracht der Segler unter anderem  aus Tuch und Porzellan - auf der Rückfahrt bringen die Schiffe den Rohzucker mit und - Rum! Die wochenlangen Fahrten mit den großen Dreimastseglern machten aus Sicht der Kaufleute nur Sinn, wenn sich ein gutes Geschäft machen ließ. In der Karibik waren fertige Produkten aus Europa Mangelware, dänische Ziegel, Stoffe oder Metalle ließen sich dort für gutes Geld verkaufen. Dafür gab es in der Karibik die begehrten Rohstoffe; und die wurden - man glaubt es kaum -  nach Europa geschafft, weil sie billiger verarbeitet werden konnten. Auch Norddeutschland war ein Billiglohnland. Hier waren die Kosten für einen einfachen Arbeiter deutlich geringer als für einen Sklaven auf einer karibischen Zuckerrohrplantage. 1767 kommen die ersten Rumfässer nach Flensburg. Hier wird der Rum verschnitten und zu einer extrem beliebten Spirituose.

Flensburg: Die "Rum-Stadt"

Ende des 19. Jahrhunderts erreicht der Rum-Handel seinen Höhepunkt - fast 1,5 Millionen Liter werden nach Flensburg verschifft. Flensburgs Ruf als "Rum-Stadt" ist geboren. Es ist eine Zeit, in der sich auch die Menschen in Dänisch Westindien beginnen, zu wehren. Ein Aufstand bricht los. Tatsächlich wird der Sklavenhandel offiziell abgeschafft. Doch die Situation der Menschen verbessert sich lange Zeit kaum. "Flensburgs Reichtum mit dem menschenverachtenden Kolonialhandel ist Vergangenheit, aber so ganz sind die Zeiten dann doch nicht vergangen. Ein Blick auf die Produktionsketten unserer Kleidung oder unserer Handys zeigt , dass unfairer Welthandel noch immer unseren Alltag und unser Leben bestimmt. Da hat sich in den vergangenen vier Jahrhunderten wenig verändert", resümiert Historiker Tillmann Bendikowski für DAS! historisch.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 12.10.2021 | 18:45 Uhr

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