Bücherjournal

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 13. Juni 2018, 00:00 bis 00:45 Uhr

Wenn der eigene Vater entführt wird: Das Buch von Reemtsma-Sohn Johann Scheerer

Johann Scheerer ist 13 Jahre alt, als sein Vater Jan Philipp Reemtsma, Sozialwissenschaftler und Millionenerbe eines Zigarettenkonzern, am 25. März 1996 entführt wird. Für den Teenager beginnen die schlimmsten 33 Tage seines Lebens. Gemeinsam mit seiner Mutter bangt er um den Vater. In seinem Buch "Wir sind dann wohl die Angehörigen" beschreibt der heute 35-Jährige seine Angst und die quälende Ungewissheit. Er schildert, wie sich sein Zuhause in eine Festung verwandelt und ihm selbst nichts anderes zu tun bleibt als zu warten und zu hoffen. In der Musik findet er einen Rettungsanker. Sie hilft ihm, das Gefühlschaos zu ertragen. Heute ist Johann Scheerer Musikproduzent in Hamburg. Mit seinem Buch hat er sich dem Trauma gestellt, das ihn seit 22 Jahren nicht loslässt.

Abschied aus dem Leben: Das bewegende Buch einer ALS-Kranken

ALS ist eine der letzten tödlichen Krankheiten, gegen die die Medizin vollkommen machtlos ist - die Diagnose bedeutet den sicheren und schnellen Tod. Nina Zacher war erst 40, als sie durch ALS aus einem erfüllten Alltag als Ehefrau und Mutter von vier Kindern gerissen wurde. Sie starb im Mai 2016. Für die letzten Monate ihres Lebens stellt sich Zacher eine Aufgabe: Zusammen mit ihrem Mann und der Ghostwriterin Dorothea Seitz verfasste sie ein Buch: "Such dir einen schönen Stern am Himmel", das den Untertitel "Geschichte eines Abschieds" trägt. Darin erzählt sie, was es bedeutet zu wissen, dass man dieses Leben verlassen muss. Und zugleich ist Nina Zachers Buch auch ein Versuch, Aufmerksamkeit für eine Krankheit zu wecken, die auf dem Vormarsch ist, die Zahlen von Neuerkrankungen steigen sprunghaft an. Schon kurz nach der Diagnose begann Nina Zacher ihre Krankheit öffentlich zu machen. Zehntausende folgten ihr auf Facebook. Dokumentiert wird ein Kampf, den die Betroffenen nur verlieren können. Dennoch, so die Botschaft des Buchs, kann der Tod auch eine Art Geschenk sein: Erst im Angesichts des Endes verstehen wir das Leben.

Die letzten Kriegsmonate in Schleswig-Holstein: Der neue Roman von Ralf Rothmann

In seinem hochgelobten Roman "Im Frühling sterben" erzählte Ralf Rothmann von zwei jungen Melkern aus Schleswig-Holstein, die noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs eingezogen werden. Sein neues Buch "Der Gott jenes Sommers" ist das Gegenstück dazu: Es spielt an dem Ort, den die beiden Männer noch kurz vor Kriegsende verlassen mussten. Im Mittelpunkt steht ein junges Mädchen, das mit seiner Familie aus dem bombardierten Kiel auf ein Gut geflohen ist. Sie muss die Entbehrungen und die Ängste in Kriegszeiten erleben, wird mit dem Schicksal von Gefangenen konfrontiert, mit dem Verschwinden der eigenen Schwester. Sie erlebt die ersten zarten Gefühle für einen jungen Mann, doch ein anderer wird sich ihr gewaltsam nähern. Ralf Rothmann beschreibt aus der Perspektive des Mädchens, das mit wachen Augen auf die Welt der Erwachsenen schaut und doch nicht alles verstehen kann.

Die Suche nach dem Lebensglück: Die Hamburger Autorin Verena Carl als Gast im Bücherjournal

Was macht man, wenn man merkt, dass das Leben nicht so läuft, wie man es sich erhofft hat? Wenn es sich klein und eng anfühlt? Davon erzählt der Roman "Die Lichter unter uns". Die Hauptfigur, die Hamburgerin Anna, macht mit ihrer Familie Urlaub auf Sizilien. Doch das erwartete Glück will sich nicht einstellen, stattdessen Geldsorgen - ständig muss gespart werden - und Streit wegen der Kinder. Anna beobachtet einen älteren Touristen aus Berlin, der - so glaubt sie - mit seiner jungen Freundin ein großzügigeres, glücklicheres Leben führt. Was sie nicht weiß: Er verdrängt eine lebensbedrohliche Diagnose, und auch sein vermeintlich erfülltes Liebesleben ist nicht so, wie es scheint. Die Hamburger Autorin Verena Carl schreibt mit großem Gespür für die Innenwelten ihrer Figuren, für ihre Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte. Ein starker Roman.

Die Welt ist besser als gedacht: Das Vermächtnis von Star-Statistiker Hans Rosling

Katastrophen, Kriege, Klimawandel. Um unsere Welt steht es so schlecht wie nie zuvor. Denken wir zumindest. Doch die Fakten des schwedischen Wissenschaftlers Hans Rosling zeigen: Es gibt mehr Fortschritt als wir glauben. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt weltweit liegt heute bei über 70 Jahren. Mehr als 80 Prozent aller Kinder sind geimpft. In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung mehr als halbiert. Ob Schulbildung der Mädchen, Zugang zu sauberem Wasser, Staaten mit Demokratie, Frauenrechte - die Kurven zeigen nach oben. Im vergangenen Jahr ist Rosling gestorben, sein Sohn und seine Schwiegertochter haben sein letztes Buch "Factfulness" beendet und jetzt veröffentlicht.

Wie Frauen in Ägypten leben: Der eindrückliche Bildband von Amélie Losier

Groß waren die Erwartungen, die mit der ägyptischen Revolution verbunden waren - nicht nur, aber auch von Frauen. Ging es doch nicht nur darum, gegen das politische System Mubaraks aufzustehen, sondern auch gegen alte Wertvorstellungen und Geschlechterungerechtigkeit. Und jetzt, wo nicht mehr viel von den erhofften und auf dem Tahir-Platz geforderten Freiheiten übrig ist: Wie stellt sich die Situation für die Frauen in Ägypten dar? Die Fotografin Amélie Losier hat sich aufgemacht, ägyptische Frauen in ihrem Umfeld zu porträtieren - und sie zeigt in ihrem Fotoband beeindruckende Bilder von Frauen fernab der westlichen Klischees der arabischen Frau: "Sayeda".

Das NDR Buch des Monats: "Sämtliche Gedichte" von Matthias Politycki

Kunstvoll und zugleich lebensnah, anspruchsvoll und trotzdem verständlich - der Hamburger Schriftsteller Matthias Politycki schreibt wunderbare Gedichte über die großen Themen des Lebens: über die Liebe und die Frauen, über Heimweh, Fernweh und Tod. Jedes Jahr ist Politycki mehrere Monate auf Reisen, er schreibt darüber, und so sind seine Gedichte auch eine lyrische Reise durch die Welt: Ein Gedicht sei der Versuch, das, was zu sagen ist, in Musik zu überführen. Jetzt hat der Schriftsteller den Band "Sämtliche Gedichte 2017-1987" veröffentlicht. Unser NDR Buch des Monats im Juni.

Die verborgene Seite Hollywoods: Alex Pragers Fotos von der Traumfabrik

Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, doch inzwischen ist sie ist der Shootingstar am amerikanischen Fotografenhimmel: die Kalifornierin Alex Prager. Sie wurde bekannt für hyperrealistische Bildwelten, die sie mit Schauspielern, Freunden oder Familienmitgliedern inszeniert. Ihre Aufnahmen sind perfekt gestylt und lassen das Unheimliche hinter der Hochglanzfassade gerade deshalb umso bedrohlicher wirken. In Hollywood-Manier ausgeleuchtete und arrangierte Szenen betören und befremden zugleich. Es sind Scheinwelten, ganz nah an der Realität, in denen Menschen wie Marionetten agieren. Der Bildband "Silver Lake Drive" ist der erste monografische Rückblick auf ihr fotografisches und filmisches Werk.

Moderation
Julia Westlake
Redaktionsleiter/in
Christoph Bungartz
Produktionsleiter/in
Katja Theile
Redaktion
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