Stand: 21.03.2018 16:22 Uhr

Wenn Christen die Bibel wörtlich nehmen

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Hans Jakob Rausch (2.v.l.) hat sieben Tage in der Gemeinde The Way of Holiness verbracht.

Sie bezeichnen Homosexuelle als Sünder, leugnen die Evolutionstheorie und glauben an Dämonen: die Mitglieder der Christengemeinde The Way of Holiness. Sie gehört den sogenannten Charismatikern an, einer Bewegung, der weltweit 500 Millionen Menschen folgen. Journalisten gegenüber sind die Mitglieder normalerweise extrem skeptisch. Doch den Filmemachern Hans Jakob Rausch und Martin Rieck ist es gelungen, einen Einblick in ihre Welt zu bekommen. Herausgekommen ist die Reportage "7 Tage... unter radikalen Christen".

Herr Rausch, wie ist es Ihnen gelungen, Eingang in die Gemeinde zu finden?

Hans Jakob Rausch: Die Recherche hat fast zwei Jahre gedauert. Die gesamte evangelikale Szene in Deutschland ist sehr verschlossen. Vor allem Journalisten gegenüber sind ihre Anhänger zurückhaltend. Was meinem Kollegen Martin Rieck und mir am Ende sicherlich geholfen hat, ist mein religiöser Hintergrund. Meine Mutter ist evangelische Pastorin, ich bin im Pfarrhaus aufgewachsen. Deshalb haben mir die Pastoren vertraut.

Warum genau diese Gemeinde?

Rausch: The Way of Holiness gehört zur sogenannten Charismatischen Bewegung. Das ist die am stärksten wachsende religiöse Bewegung weltweit mit derzeit über 500 Millionen Anhängern, davon 300.000 in Deutschland. Es geht in dem Film unter anderem auch darum, zu zeigen, wie breit das Spektrum innerhalb des Christentums ist - von liberal bis fundamentalistisch. Charismatiker bilden das besonders radikal-fundamentalistische Extrem ab. Ich wollte zeigen, dass es radikale Tendenzen nicht nur im Islam gibt.

Video
29:49

7 Tage... unter radikalen Christen

Sie glauben an Wunderheilungen, bezeichnen Homosexuelle als Sünder und beten für die Erweckung des deutschen Volkes: die Mitglieder der Freikirche The Way of Holiness. Video (29:49 min)

Sie kommen aus einem evangelischen Pfarrhaus. Worin unterscheidet sich Ihre Gemeinde von den Charismatikern?

Rausch: Der große Unterschied ist vor allem, dass die Charismatiker die Bibel wörtlich auslegen und ihren Glauben für die alleinige Wahrheit halten. Es gibt dort sehr strenge Regeln, wie man sich verhalten muss, um ein vermeintlich gottgefälliges Leben zu führen. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist nicht im Sinne Gottes, Pornografie ist Sünde, Homosexualität auszuleben ist Sünde. Im Prinzip sehr viele Dinge, die in unserer modernen Gesellschaft als normal gelten. Bei mir zu Hause gab es diese Feindbilder nicht.

Würden Sie die Gemeinde als gefährlich bezeichnen?

Rausch: Natürlich wird niemand gezwungen, sich dieser Gemeinde anzuschließen. Soweit ich das beurteilen kann, sind die Mitglieder alle sehr zufrieden dort. Aber die strengen Regeln können Menschen unter Druck setzen, Schuldgefühle erzeugen. Wenn Sie zum Beispiel homosexuell sind, dann müssen Sie Ihre Sexualität unterdrücken, sonst gelten Sie als Sünder. Oder Sie kommen mit der Erwartung in die Gemeinde, dort von Ihrer Krankheit geheilt zu werden. Falls es dann nicht klappt, kann schnell der Eindruck entstehen, es läge an Ihrem mangelnden Glauben.

Haben die Pastoren versucht, Einfluss auf den Film zu nehmen?

Rausch: Sie haben uns sehr herzlich aufgenommen, gleichzeitig gab es Momente, in denen mehr oder weniger subtil versucht wurde, Druck auf uns auszuüben. Der Pastor hat mir zum Beispiel erklärt, dass es Gottes Wille sei, dass ich seine Gemeinde gefunden habe. Im Gottesdienst hat er dann dafür beten lassen, dass wir einen positiven, gottgefälligen Film machen. Im Verlauf der Woche hat er dann versucht, uns von seiner Sichtweise zu überzeugen. Aber als Bedrohung haben wir das nie wahrgenommen.

Dieses Thema im Programm:

7 Tage | 17.04.2019 | 23:50 Uhr