Stand: 25.02.2019 10:20 Uhr

Wie gesundheitsgefährdend sind Schiffsabgase?

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Viele Schiffsabgase gehen immer noch ungefiltert in die Luft.

Immer mehr Schiffe laufen die Häfen in Norddeutschland an - die Kreuzfahrtbranche boomt und ein Ende ist nicht in Sicht. Für 2018 waren allein in Warnemünde 205 Kreuzfahrtschiffe angekündigt. Hamburg werden dieses Jahr 223 Kreuzfahrer anlaufen. Die Tendenz ist, wie in anderen Häfen auch, steigend. Doch die Ozeanriesen bringen nicht nur Glanz in Norddeutschlands Hafenstädte, sondern auch schädliche Abgase.

Die meisten Schiffe fahren mit Schweröl und Schiffsdiesel

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Was ist Schweröl für ein Kraftstoff?

Die Wasserschutzpolizei Kiel hat 2009 sehr anschaulich die Beschaffenheit von Schweröl erklärt. Damals hatte der NDR in einer Dokumentation erstmals über die Abgase von Schiffen berichtet. Video (00:53 min)

Der billigste Kraftstoff in der Schifffahrt ist Schweröl. Damit fahren viele Schiffe auf hoher See. Spätestens im Hafen müssen sie aber, wenn sie dort festmachen, weniger schadstoffbelasteten Treibstoff verbrennen, etwa Schiffsdiesel, so verlangt es die entsprechende EU-Verordnung.

Bei der Verbrennung sowohl von Schweröl als auch Schiffsdiesel entstehen Schwefel- und Stickoxide. Sie entweichen mit dem Rauch in die Luft. Auf Nord- und Ostsee gelten für den Schwefel im Treibstoff Grenzwerte. Doch sie erlauben teils ein Hundertfaches dessen, was in Pkw-Krafstoffen zulässig ist.

Seit Januar 2015 sind zwar nach internationalen Vorgaben nur noch 0,1 Prozent Schwefel erlaubt, aber das ist immer noch hundertfach mehr als im Auto-Sprit von der Autotankstelle enthalten ist. Mit sogenannten Scrubbern, Abgasnachbehandlungsanlagen, lässt sich Schwefel auswaschen. Für das Mittelmeer gibt es Bestrebungen, ebenfalls nur noch 0,1% Schwefel im Treibstoff zu erlauben. Ab 2020 wird weltweit ein Höchstgehalt von Schwefel von 0,5% Schwefel im Schweröl gelten.

Bisher unterschätzt: Gefahr durch Ultrafeinstaub

Neuere medizinische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass bestimmte ultrafeine Partikel tief in die Lunge eindringen, aber auch ins Herz wandern können. Ultrafeinstaub soll so lebensgefährliche Auswirkungen haben wie Lungenentzündungen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle.

Schiffsabgase © NDR/Christiane Schuhbert TV

Wie reagieren menschliche Zellen auf Abgase?

45 Min -

Chemiker, Biologen und Mediziner untersuchen gemeinsam die Wirkung von Schiffsabgasen auf Lungenzellen des Menschen. So realitätsnah wurde das noch nie untersucht.

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Wie der Ultrafeinstaub der Schiffsabgase wirkt, untersucht der Chemiker Prof. Ralf Zimmermann. Am Helmholtz Zentrum München und der Universität Rostock arbeitet er zusammen mit Chemikern, Medizinern und Biologen an einer besonderen Untersuchungsmethode. Damit können sie nachvollziehbar belegen, dass Feinstaub für den Menschen schädlich ist. Die Wissenschaftler leiten Abgase eines Schiffsmotors in ein Labor und setzen geklonte lebende menschliche Lungenzellen diesen Abgasen aus.

Noch nie wurde die Wirkung von Schiffsabgasen auf lebende menschliche Zellen so realitätsnah untersucht. "Wir haben uns in den letzten Jahren viele verschiedene Prozesse angeschaut: also Autoabgase und Holz-Verbrennungs-Abgase", erklärt Ralf Zimmermann. Da sind die Schiffs- Emissionen als am stärksten wirksam aufgefallen. Sowohl die mit Diesel als auch mit Schweröl. Schweröl hat noch diese stärkeren krebserregenden Auswirkungen. Die akuten Effekte sind bei beiden gleich stark."

Wie reagieren die Reedereien?

Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen scheinen Schiffsabgase also gesundheitsschädlicher zu sein, als Forscher gedacht hatten. Damit steht die Kreuzfahrtbranche vor einem großen Problem. Der Ruf nach Filtern für die Schornsteine, nach Umrüstungen wird immer lauter.

Mehrere Reedereien haben inzwischen die Abgasnachbehandlungsanlagen eingebaut. Sie reduzieren Schwefel und Stickoxide im Abgas. Wird auf einem Schiff ein solcher "Scrubber" eingesetzt, darf es auch weiterhin mit Schweröl höheren Schwefelgehaltes fahren. Unklar bleibt aber, wie weit die für den Menschen gefährlichen Ultrafeinstäube reduziert werden. Hierzu gibt es kaum detaillierte Angaben.

Dennoch haben mittlerweile 111 der 253 Kreuzfahrtschiffe Abgasreinigungsanlagen, so der Branchenverband CLIA. Doch welche genau auf welchen Schiffen im Einsatz sind, wird nicht mitgeteilt. Solche Katalysatoren verringern den Schwefel- und Stickoxidgehalt im Abgas erheblich. Dabei ist Schwefel eher für das Leben im Meer, als für den Menschen schädlich. Es bleibt aber unklar, wie weit auch die für den Menschen besonders gefährlichen Ultrafeinstäube reduziert werden.

Durch die Verringerung des Schwefelgehaltes im Treibstoff sei die Luftbelastung schon besser geworden. Über die Schadstoffbelastung in den Häfen habe man jedoch keine Daten. Die einzelnen Kreuzfahrtreeder reagieren unterschiedlich. TUI installiert bereits seit Sommer 2014 in seine Neubauten Schwefelfilter und auch Katalysatoren für Stickoxide.

Links

Der NABU-Kreuzfahrt-Check

Auf der Webseite des NABU finden Sie weitere Informationen zum Kreuzfahrtschiff-Ranking. extern

Hapag Lloyd hat 2013 ein neues Schiff mit einer Schwefelreinigung ausgestattet. Bisher sind acht von zwölf AIDA-Schiffen mit Abgasreinigungsanlagen nachgerüstet worden. Genauere Angaben, was diese bewirken, liegen uns jedoch nicht vor. Reeder sagen, dass sie die Hinweise auf gesundheitliche Gefahren sehr ernst nehmen.

Viele Ankündigungen klingen im Einzelfall gut, aber die meisten Kreuzfahrtschiffe sind mehr als 20 Jahre im Dienst. Eine umfangreiche und aufwendige Nachrüstung wäre erforderlich. Doch bislang gibt es weder einen Zwang, umfassende Abgasfilter einzubauen noch den saubersten Kraftstoff zu verwenden.

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 25.02.2019 | 22:00 Uhr