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Venedig - Ausverkauf eines Juwels?

Montag, 11. Juni 2018, 22:00 bis 22:45 Uhr

Es gibt wohl wenige Städte weltweit, die schöner sind, aber auch wenige, die durch den Tourismus so sehr bedroht werden. Ungefähr 30 Millionen Touristen kommen jährlich nach Venedig. Bis zu 130.000 fremde Menschen täglich tummeln sich zu Spitzenzeiten in der Lagunenstadt, fast dreimal so viele wie Einwohner. Die Infrastruktur passt sich immer mehr den Bedürfnissen der Touristen an und ermöglicht kaum mehr die Grundversorgung.

Für Venezianer wird ihre Stadt zum Albtraum

Der Autor Thomas Niemietz begibt sich auf Spurensuche in Venedig, um herauszufinden, wie sich diese prekäre Situation für die Venezianer zeigt, für die ihre eigene Stadt immer mehr zum Albtraum wird.

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"Die Einwohner zahlen mit ihrer Gesundheit und mit ihrem Geld für die Schäden, die die Schiffe verursachen", sagt der Aktivist Tommaso Cacciari.

Stündlich bringen turmhohe Kreuzfahrtschiffe tausende Menschen direkt auf die Insel. Touristen scheinen Venedig zu überlaufen. Die ureigenen Einwohner verlassen hingegen das Zentrum - in Scharen. Innerhalb einer Generation ist die Bevölkerung fast um ein Drittel geschrumpft.

Hinter dem Bilderbuchpanorama von Rialto-Brücke und Markusplatz ist Venedig zum Geschäftsmodell geworden und kein Ort mehr, in dem die Einheimischen noch in gewohnter Lebensqualität leben können. Das Leben ist zu teuer, Arbeitsplätze gibt es, abgesehen vom Berufsfeld Tourismus, fast nur auf dem Festland.

Die Venezianer finden keine erschwinglichen Wohnungen zur Miete mehr, denn die Eigentümer vermieten diese viel lukrativer, meist über Airbnb, an Touristen. Historische Gebäude werden indes als Hotels und Einkaufszentren verramscht. Läden, Restaurants und Cafés sind nur noch auf Urlauber zugeschnitten, die Grundversorgung für Anwohner ist gefährdet. Der Tourismus entpuppt sich als die größte Bedrohung für die lokale Gemeinschaft - gleichzeitig ist er aber auch die Haupteinnahmequelle.

Die Not der Einheimischen

Die Doku begleitet Menschen, für die ihre Stadt immer mehr zum Albtraum wird: Eine Venezianerin, die in einen Vorort auf dem Festland zieht, weil sie dort eine bessere Lebensqualität findet, eine venezianische Familie, die auf Wohnungssuche ist und auf dem Mietmarkt mit Touristen konkurrieren muss. Venezianer aus der Mittelschicht, die sich im teuer gewordenen Wohnungsmarkt keine Wohnung zur Miete leisten können und leerstehende Häuser der Stadt "offiziell" besetzen.

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"Die Welt im Selfie" - Wie der Tourismus Städte zerstört

Der Tourismus ist die größte Industrie der Welt, so der italienische Autor Marco d’Eramo. Und er hat fatale Folgen: Er verdrängt Einheimische, zerstört Landschaften. Genau darüber hat er nun ein Buch geschrieben: "Die Welt im Selfie". (ttt, 10.06.2018) extern

Die Einwohner Venedigs wehren sich zunehmend. Allein 36 Bürgerinitiativen kämpfen gegen den Massentourismus. Sie fordern ein Verbot der Kreuzfahrtschiffe: Diese gehören weder in die Lagune, noch in die Stadt. Ihre hohen Feinstoffemissionen verschmutzen Luft und Wasser und gefährden die Gesundheit der Einwohner. Der deutsche Naturschutzbund NABU bestätigt mit aktuellen Messungen vor Ort die extreme Feinstaubbelastung.

Redaktionsleiter/in
Hans-Michael Kassel
Redaktion
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Regie
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Autor/in
Thomas Niemietz
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Thomas Niemietz
Schnitt
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Sprecher/in
Armin Hauser
Redaktion
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