Stand: 23.04.2018 11:38 Uhr

Tempolimit oder Rasen bis der Arzt kommt?

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Aus der Richtgeschwindigkeit ein Tempolimit machen? Experten halten das für sinnvoll.

Im vergangenen Jahr starben 3.177 Menschen im Straßenverkehr. Laut Statistischem Bundesamt ist das die niedrigste Zahl an Verkehrstoten seit 1960. Dennoch ist sie immer noch erschreckend hoch. Eine der Hauptursachen für tödliche Unfälle ist überhöhte Geschwindigkeit. Unsere Autos werden zwar ständig sicherer. Es werden aber auch immer mehr. Anfang 2018 waren knapp 64 Millionen Kraftfahrzeuge in Deutschland gemeldet.

Schnelles Fahren ersetzt Selbstwertgefühl

Das Internet ist voll von Filmen, in denen Verkehrsrüpel ihre gefährlichen Aktionen sogar noch stolz präsentieren. Nicht selten mit einer ganzen Kette von Verkehrsverstößen. Warum gehört Rasen und Drängeln inzwischen zum Alltag auf unseren Straßen? "Ich glaube in Deutschland ist es so, dass man eher nicht geneigt ist, dem anderen Raum zu lassen", meint Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versicherer.

Das Auto kann zur Waffe werden

Der Unfallforscher versucht die deutsche Autofahrerseele zu ergründen. Zuletzt gemeinsam mit dem Institut Omnitrend in einer umfangreichen Studie, für die mehr 2.000 Autofahrer darüber Auskunft gaben, wie sie sich im Straßenverkehr benehmen. Es habe sich gezeigt, dass Fahrer, die besonders aggressiv fahren, meist ein schwaches Selbstwertgefühl hätten. Auf der Straße würden sie sich dann selbst überhöhen, so Brockmann. "Auch wenn man selbst nicht besonders stark an Kräften ist, hat man die Möglichkeit, eine sehr starke Waffe einzusetzen."

  • Unfallforscher: Nachhaltigere Strafen für Raser

    Schneller Führerschein entziehen?
    Es muss unterschieden werden zwischen einer Sperre und dem Entzug. Die Sperre bis zu drei Monaten wirkt meist besser als beispielsweise eine reine Geldstrafe. Deshalb dürften die Regeln für Flensburg-Punkte durchaus verschärft werden. Der Entzug der Fahrerlaubnis wird aus meiner Sicht verantwortungsvoll und ausreichend gehandhabt.

  • Höhere Bußgelder:
    Wenn man in Deutschland bei 50 Kilometern pro Stunde Regelgeschwindigkeit mit gut 70 km/h auf dem Tacho geblitzt wird, zahlt man 35 Euro. Das ist im internationalen Vergleich ein Witz und entspricht auch nicht der dadurch ausgeübten Gefährdung anderer. Hier hätte der Staat die Möglichkeit, eine Grundsatzhaltung zu schnellem Fahren zu zeigen.

  • Auto vor Ort stilllegen/beschlagnahmen:
    Das ist in Deutschland juristisch nicht so einfach. Wenn das Mordurteil gegen die Berliner Ku'damm-Raser Bestand hat*, das ja mit der Benutzung einer gemeingefährlichen Waffe begründet wurde, scheint mir das Möglichkeiten zu eröffnen, die Fahrzeuge auch ohne schwerwiegende Unfallfolgen als Tatwaffen sicherzustellen. Darüber hinaus kann man Fahrzeuge auch zum Zwecke einer technischen Untersuchung aus dem Verkehr ziehen. Wenn man Kindern ihr Spielzeug wegnimmt, hat das in der Regel nachhaltigen Erfolg.

    Alle Aussagen: Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer

    * Nachtrag:
    Der Bundesgerichtshof hob das Urteil am 1. März 2018 auf.

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Raser haben eine "Kontrollfiktion"

Dass das Auto zum tödlichen Risiko vor allem für andere, aber auch für einen selbst werden kann, blenden Raser einfach aus. "Viele halten sich für gute Autofahrer, die gerade zeigen wollen, wie gut sie alles im Griff haben", erklärt Brockmann. Doch das sei eine "Kontrollfiktion".

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Werner Johannes, Hauptkommissar bei der Autobahnpolizei Ahlhorn, bestätigt das mit seiner Einschätzung: "Wenn ich glaube, dass ich mit 250 Kilometern pro Stunde sicher unterwegs bin, ist das ein Irrtum. Denn die physikalischen Gesetzmäßigkeiten können auch Assistenzsysteme nicht wieder wettmachen."

Ist ein Tempolimit die Lösung?

Werner Johannes ist davon überzeugt, dass die Unfallzahlen auf der Autobahn wesentlich niedriger wären, wenn es ein Tempolimit gäbe: "Ich bin fest davon überzeugt, aufgrund meiner Zeit auf der Autobahn, dass jeder vierte, fünfte Verkehrstote nicht zu beklagen gewesen wäre, wenn wir nicht freie Fahrt hätten." Um ein Tempolimit durchzusetzen, gibt es aber noch keine verlässliche Mehrheit in der Bevölkerung. Immerhin: Ginge es um Tempo 150 als Maximal-Geschwindigkeit, könnte durchaus eine Mehrheit zustande kommen; jedenfalls nach einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes YouGov.

UMFRAGE
Mögliche Antworten

Mehr als jeder Dritte im Straßenverkehr Getöten starb bei Unfällen, die durch überhöhte Geschwindigkeit ausgelöst wurden. Was tun?

Unfallforscher Brockmann hält ein Tempolimit auf Autobahnen für eine Diskussion wert. Die Autobahn gilt im Vergleich zu Landes- und Bundesstraßen eigentlich als besonders sicher. Doch wenn man die Unfallzahlen auf der Autobahn in Bezug zur vergleichsweise geringen Länge des Streckennetzes und nicht zur Fahrleistung setzt, gebe es durchaus ein Problem mit schweren Unfällen auf Autobahnen, gibt Brockmann zu bedenken. "Die großen Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Fahrspuren in freigegebenen Abschnitten sind eine Ursache dafür", so der Unfallforscher.

Einfach mehr Schilder aufstellen?

Statt eines bundesweiten Tempolimits einfach mehr Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen aufzustellen, ist laut Brockmann allerdings keine Lösung: "Leider sieht die Straßenverkehrsordnung vor, dass - mit einigen Ausnahmen vor bestimmten Einrichtungen - aus Gründen der Verkehrssicherheit nur nach entsprechendem Unfallgeschehen eine niedrigere Geschwindigkeit angeordnet werden darf. Da sagt der Bürger zu Recht: 'Es muss immer erst etwas passieren.'"

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Dieses Thema im Programm:

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