45 Min - Politik des Bauernverbandes

Montag, 18. Oktober 2021, 22:00 bis 22:45 Uhr

Eine Reportage über norddeutsche Familienbetriebe, die für die bäuerliche Landwirtschaft und für eine echte Vertretung ihrer Interessen kämpfen.

Auf vielen Bauernhöfen ist die Lage dramatisch. Niedrige Milch- und Schweinefleischpreise, Kredite für Stallbauten und teure Technik drücken den Landwirten finanziell die Luft ab. Etliche trennen sich von ihren Tieren, um laufende Kosten decken zu können. Jahr für Jahr geben Tausende Landwirte auf. Seit 2000 hat sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in etwa halbiert. Woran liegt das? Und wie steht der Deutsche Bauernverband (DBV), seinem Selbstverständnis nach "die Stimme der Bauernfamilien", zu diesem Höfesterben? Vertritt der DBV wirklich die Interessen seiner Mitglieder? Und wenn nicht, wessen dann? Diesen Fragen gehen Ute Jurkovics und Lars Kaufmann in ihrem Film nach.

Laut einer forsa-Umfrage von 2019 fühlen sich 56 Prozent der Landwirte schlecht oder eher schlecht durch die DBV-Politik vertreten. Doch lange gab es keine Alternative. Über Jahrzehnte hat sich der Bauernverband, eine der größten Lobbyorganisationen Deutschlands, seine Machtposition erarbeitet. Funktionäre des Verbands besetzen Schaltstellen des Agribuisness, in Konzernen des Landhandels, in Versicherungen, Molkereien und der verarbeitenden Fleischwirtschaft. Sie sitzen im Bundestag und machen Lobbyarbeit in Brüssel.

Eine Studie des Naturschutzbunds NABU listet 560 Beispiele für solche Verflechtungen auf. "Deshalb kann der Bauernverband die Interessen bäuerlicher Familienbetriebe gar nicht vertreten", sagt Peter Guhl, Milchbauer aus dem mecklenburgischen Teldau. Er war lange Mitglied im Kreisbauernverband, kämpfte für höhere Milchpreise und eine andere Verbandspolitik. Sein Fazit: "Die Strukturen sind festgefahren, man kann sie nicht von innen verändern." Guhl ist ausgetreten und engagiert sich jetzt bei den Freien Bauern, die sich 2020 als Gegenorganisation und Interessenvertretung bäuerlicher Familienbetriebe gründeten.

Doch noch immer sind die meisten Landwirte Mitglied in einem der 18 Regionalverbände des Deutschen Bauernverbands. Aus Tradition, weil sie Serviceleistungen des Verbands in Anspruch nehmen oder Nachteile fürchten. Denn alle wissen, dieser Bauernverband ist gut vernetzt. Sie bleiben einem Verband treu, dessen Credo die Produktion für den Weltmarkt ist. Dabei hat die Devise "wachse oder weiche" viele Bauernfamilien in die Pleite geführt. Der ruinöse Wettbewerb mit Billigprodukten für den Weltmarkt nutzt vor allem Lebensmittelkonzernen, für deutsche Familienbetriebe ist er nicht zu gewinnen.

"Wir müssen unser Geld auf dem deutschen Markt verdienen", sagt etwa Jan-Hendrik Hohls, konventioneller Schweinemäster aus Niedersachsen. Er rüstet seinen Stall um, setzt auf Strohschweine, auf regionale Vermarktung und auf Verbraucher*innen, die bereit sind, für mehr Tierwohl etwas mehr zu bezahlen. Während der Bauernverband noch immer die Massenproduktion von Billigfleisch propagiert, versucht Hohls in Eigeninitiative, dem Dumpingwettbewerb zu entkommen. Das Knowhow hat er sich auf eigene Faust, unter anderem bei Biolandwirten, besorgt. Trotzdem ist Hohls Mitglied beim Niedersächsischen Landvolk, dem Regionalverband des DBV, und will es auch bleiben. Den Verband insgesamt sieht er in einem Dilemma, weil es nicht möglich sei, Großkonzerne und Kleinbauern gleichermaßen zu vertreten.

Redaktionsleiter/in
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