45 Min

Notaufnahme am Limit

Montag, 13. November 2017, 22:00 bis 22:45 Uhr

Sanitäter warten im Gang einer Notaufnahme © NDR

4,31 bei 45 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Der Rettungsdienst und die Notaufnahmen in Deutschland kämpfen mit dem gleichen Problem: Sie haben zu viele Patienten. Immer mehr Menschen rufen die 112, immer mehr Menschen kommen in die Notaufnahme. Dabei sind die wenigsten dieser Patienten medizinische Notfälle, für die Rettungsdienst und Notaufnahmen zuständig wären, sondern die Ärzte des Bereitschaftsdienstes unter der Nummer 116 117. Die Doku fragt: Welche Folgen hat das für die Einrichtungen, die im Notfall Leben retten sollen?

Notfallsanitäter fühlt sich immer häufiger wie ein Sozialarbeiter

Der Rettungsdienst im Emsland liegt voll im Bundestrend: Er fährt heute dreimal so viele Einsätze wie vor zehn Jahren - bei gleich bleibender Bevölkerung. Immer häufiger rücken die Rettungswagen aus für Patienten, die auch anders hätten versorgt werden können. Die Gründe sind vielfältig: zu wenig Hausärzte, die soziale Vereinsamung der Menschen, ihr Anspruchsdenken. Der Notfallsanitäter Markus Gutreise fühlt sich inzwischen häufig wie ein Sozialarbeiter: "Die Routine mit den Notfällen, für die wir eigentlich ausgebildet werden, die verliert man dabei so ein bisschen."

Gesetzliche Hilfsfristen kaum einzuhalten

Seit Jahren reagieren die Rettungsdienste auf die Entwicklung: Sie haben neue Rettungswachen gebaut, mehr Rettungswagen gekauft, zusätzliche Sanitäter eingestellt. Die Leitstellen fragen die Notrufe genauer ab, um passgenauere Hilfe zu schicken und mit den Rettungsmitteln zu haushalten. Trotzdem gelingt es ihnen kaum, die gesetzlich vorgeschriebenen Hilfsfristen einzuhalten. Klaus-Gerrit Gerdts, der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Cuxhaven, hält ihre Qualität daher für nicht ausreichend: "Die Rettungsdienste kommen zu spät beim Menschen an, wo zu spät definitiv zu spät bedeuten kann."

In der Notaufnahme ist rund ein Drittel der Patienten kein Notfall

Bild vergrößern
Wenn ein echter Notfall per Notarztwagen im Marienkrankenhaus ankommt, muss alles ganz schnell gehen: Ärzte, Sanitäter und Pflegepersonal arbeiten dann Hand in Hand.

Auch die Notaufnahmen in den Krankenhäusern müssen immer mehr Patienten versorgen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Ärzte und Pfleger dabei: die wirklichen medizinischen Notfälle herauszufiltern und schnell zu behandeln. Am Marienkrankenhaus in Hamburg arbeiten sie deshalb seit einigen Jahren mit einem sogenannten Triage-System, das alle Patienten nach Dringlichkeit sortiert. Pflegedienstleiterin Claudia Piper: "Jeder Patient macht uns hier gleich viel Arbeit, denn jeder wird gut versorgt." Dabei ist etwa ein Drittel der Patienten medizinisch gesehen kein Fall für die Notaufnahme.

  • Steigende Patientenzahlen

    Die Fallzahlen in der Notaufnahme des Marienkrankenhauses sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen:

    • 2011 wurden 30.000 Patienten behandelt,
    • 2016 waren es 43.000 Patienten.

  • Rettungsdienst Emsland: Zahlen und Fakten

    • In zehn Jahren haben sich die Einsätze verdreifacht.
    • Jeder Einsatz dauert im Schnitt 75 Minuten.
    • Ein Einsatz kostet 518 Euro.

zurück
1/4
vor

Hausarztpraxis in der Klinik kann nicht die Lösung sein

Am Marienkrankenhaus sind sie sogar noch einen Schritt weiter: Sie haben eine medizinische Versorgungspraxis eingerichtet, eine Art Hausarztpraxis unter dem Klinikdach. Hier werden all die Patienten behandelt, die keine Notfallversorgung brauchen. Nur so können sie den tatsächlichen Notfällen noch gerecht werden. Für den leitenden Arzt Michael Wünning ist das aber nur eine Zwischenlösung: "Für jeden Patienten, den wir hier in der Notaufnahme ambulant versorgen, zahlen wir drauf."

Die Verantwortlichen in der deutschen Notfallmedizin sind sich längst einig: Die Notaufnahmen und Rettungsdienste müssen entlastet werden. Doch wie sollen die Patienten besser gesteuert werden? 45 Min über die deutsche Notfallmedizin am Anschlag.

Mehr zum Thema

Notfall Notaufnahme?

Was meinen die Betroffenen? Die Pfleger, Ärzte und Patienten? Welche Probleme gibt es im Rettungsdienst und in den Notaufnahmen? Acht Menschen, acht Stimmen. mehr

mit Video

"Es ist fünf vor zwölf"

13.11.2017 22:00 Uhr

Wenn Patienten in die Notaufnahme kommen, statt zum Hausarzt zu gehen, wird es eng in der Notfallversorgung. Experten über steigende Zahlen, Belastungsgrenzen und mögliche Auswege. mehr

Weitere Informationen

Unerfahrene Ärzte: Not in der Notaufnahme

Ärzte in der Notaufnahme müssen oft schnell reagieren. Doch eine spezielle Ausbildung gibt es nicht. Häufig müssen ausgerechnet junge, unerfahrene Ärzte kritische Fälle einschätzen. mehr

Redaktionsleiter/in
Jochen Graebert
Redaktion
Christian von Brockhausen
Regie
Nils Casjens
Autor/in
Nils Casjens
Regie
Fabienne Hurst
Autor/in
Fabienne Hurst
Produktionsleiter/in
Michael Schinschke

Mehr zum Thema

mit Video

Notaufnahme - ein Ort für starke Nerven

27.10.2017 21:15 Uhr
DIE REPORTAGE

Für diese Reportage verbringt ein Filmteam eine Woche in der Notaufnahme des Marienkrankenhauses in Hamburg. Es erlebt mit, wie Pfleger und Ärzte an ihre Grenzen gehen. mehr

mit Video

Sorglose Patienten: Notruf bei Bagatellfällen

24.10.2017 21:15 Uhr
Panorama 3

Lappalien statt ärztliche Notfälle: Immer häufiger werden Rettungsdienste wegen Bagatellen angefordert. Panorama 3 begleitete die Sanitäter bei ihrer täglichen Arbeit. mehr

mit Video

Fehlende Ausbildung in der Notfallmedizin

20 Millionen Patienten landen jährlich in der Notaufnahme, mit unterschiedlichsten Symptomen. Doch speziell ausgebildete Notfallärzte gibt es nicht. Das kann schlimme Folgen haben. mehr