45 Min

Ehrenamt unter Druck

Montag, 21. März 2016, 22:00 bis 22:45 Uhr

Der Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland hat es ins allgemeine Bewusstsein der Bevölkerung gebracht: ohne ehrenamtliche Arbeit geht nichts mehr. Man mag sich nicht ausdenken, was ohne das Engagement Zehntausender ehrenamtlicher Helfer, die sich um Flüchtlinge kümmern, geschehen würde. Aber nicht nur bei der Flüchtlingshilfe sind Ehrenamtliche im Einsatz. Sie engagieren sich für Obdachlose, sind in Altenheimen aktiv, arbeiten in Bahnhofsmissionen und Tafeln, im Umweltschutz, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Sportvereinen und vielen anderen Bereichen. Beeindruckend allein die Zahlen. In ganz Deutschland engagieren sich 23 Millionen Menschen ehrenamtlich: In Schleswig-Holstein sind 40 Prozent der über 14-Jährigen ehrenamtlich tätig, in Niedersachsen 41 Prozent und in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern immerhin noch 29 Prozent.

Bedürftige sind auf Tafeln und Kleiderkammern angewiesen

Auch in kleinen Gemeinden ist die in Deutschland wachsende Armut spürbar. In Sörup bei Flensburg beispielsweise bekommen 400 der gut 4.000 Einwohner Lebensmittel von der Tafel und Kleidung aus der Kleiderkammer. Beide Einrichtungen würden ohne engagierte Ehrenamtliche nicht funktionieren. Doch das ist nicht alles. Petra Jürgensen schneidet Mitbürgern mit wenig Geld jeden Montag kostenlos die Haare. Und Martin Andersen und seine Frau Birgit stehen oft auch nach Feierabend noch in ihrem Imbiss und arbeiten weiter: Sie kochen ehrenamtlich frische Suppe für die Tafel in Sörup.

Sportraining für Kinder und Jugendliche - ermöglichen Ehrenamtliche

Bild vergrößern
Tore aufbauen, Türen aufschließen, Laufgruppe leiten - der ehrenamtliche Platzwart Kurt Stephan engagiert sich im Verein Grün-Weiß Eimsbüttel.

Die meisten Ehrenamtlichen in Deutschland engagieren sich in Sportvereinen. Der Hamburger Rentner Kurt Stephan etwa ist als Platzwart für Grün-Weiss-Eimsbüttel tätig und leitet zudem eine Nordic-Walking-Gruppe für Senioren. Auch Annika Mollenhauer spendet einen Großteil ihrer Freizeit dem Verein. Die hauptberufliche Erzieherin trainiert mehrere Fußballmannschaften - zehnjährige Mädchen genauso wie 18-jährige Jungs.

Macht der Staat es sich zu leicht?

Tatsächlich drängt sich die Frage auf, ob es denn wirklich die Aufgabe von ehrenamtlichen Helfern ist, die Betreuung von Flüchtlingen zu koordinieren oder dafür zu sorgen, dass Menschen in Deutschland genug zu essen haben. In einigen gesellschaftlichen Bereichen verlässt sich der Staat auf das ehrenamtliche Engagement der Bürger und zieht sich sehr weit zurück. Macht er es sich dadurch nicht zu leicht? Und wie ist das für die Betroffenen, wenn eine staatliche Aufgabe in private Hände gelegt wird, wenn zum Beispiel aus einem Rechtsanspruch ein Almosen wird?

Redaktionsleiter/in
Jochen Graebert
Redaktion
Jochen Graebert
Regie
Knut Weinrich
Autor/in
Knut Weinrich
Produktionsleiter/in
Michael Schinschke

Mehr zum Thema

Wie und wo können Sie Flüchtlingen helfen?

Sie wollen sich für Flüchtlinge engagieren, wissen aber nicht wie und wo? NDR.de hat eine Auswahl an Initiativen und Koordinierungsstellen für ehrenamtliches Engagement zusammengestellt. mehr

Jetzt anmelden!

45 Min Newsletter abonnieren

Der Newsletter von 45 Min bietet Ihnen Informationen zur aktuellen Sendung sowie eine Vorschau auf die Themen der folgenden Wochen. Melden Sie sich hier an! mehr