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Die Macht der Krankenhäuser

Montag, 26. Februar 2018, 22:15 bis 23:00 Uhr

Dunkle Grafik zeigt zwei Hochhäuser mit rotem Kreuz dran - zwei Krankenhäuser. Beim rechten sind alle Stockwerke erleuchtet und davor zeigt eine Fieberkurve nach oben. Beim linken ist nur die Hälfte der Stockwerke  erleuchtet und die Fieberkurve zeigt nach unten. © NDR

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In deutschen Krankenhäusern zeigt sich eine erschreckende Fehlentwicklung: Manche Patientenbehandlungen zielen offenbar auch darauf ab, möglichst viel Geld einzubringen. Grund hierfür ist, dass die Krankenhäuser von der Politik in einen harten Wettbewerb geschickt wurden, als 2004 die Fallpauschalen eingeführt wurden. Das System zwingt die Krankenhäuser dazu, möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit zu behandeln und belohnt sie, wenn sie ihren Ertrag steigern.

Immer mehr Operationen

Je nach Diagnose bekommen Patientinnen und Patienten heute im Krankenhaus einen Code zugewiesen. Danach richtet sich, wie viel Geld die Klinik für den jeweiligen Fall bekommen wird - erst mal unabhängig vom individuellen Krankheitsverlauf. Das hat den Alltag in Kliniken radikal verändert: Aus dem Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist eine Geschäftsbeziehung geworden. Denn manche Patienten lohnen sich finanziell - andere weniger.

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Warum stehen Kliniken unter solchem Druck?

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Seit der Einführung der Fallpauschalen stehen Krankenhäuser in einem harten Wettbewerb. Was bedeutet das für die Kliniken als Unternehmen, aber auch für Ärzte und Patienten? Video (01:52 min)

Besonders einträglich für Krankenhäuser sind Operationen. Mittlerweile gibt es in Deutschland beispielsweise mehr Herzoperationen als in den meisten anderen europäischen Ländern. Zwischen 2005 und 2016 ist die jährliche Gesamtzahl der Operationen um 4,6 Millionen auf 16,8 Millionen gestiegen. Ist das ein Zufall?

Medizin zu Lasten der Patienten

Wie erschreckend es im Klinikalltag mitunter tatsächlich zugeht, haben Ärzte und Klinik-Geschäftsführer in einer kürzlich veröffentlichten, aufsehenerregenden Untersuchung berichtet. Die dafür deutschlandweit persönlich geführten Interviews offenbaren einen beunruhigenden Trend in deutschen Krankenhäusern: Ärzte stehen dort unter enormem Druck, Umsatz generieren zu müssen.

In den Interviews gaben fast alle Ärzte an, dass ihre medizinischen Entscheidungen von finanziellen Erwägungen beeinflusst werden. Die Qualität der Krankenhäuser wird zwar ständig überprüft. Doch dabei muss auf Daten zurückgegriffen werden, die die Kliniken selbst liefern.

Anonyme Statements von Ärzten aus der Studie "Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung":

  • "Chefs unterschreiben Verträge mit Vorgaben über Leistungen. Wenn sie die nicht erfüllen, fliegen sie raus. Deshalb übertragen die den Druck auf ihre Mitarbeiter. Als Orthopäde hast du eine bestimmte Anzahl an künstlichen Hüft- und Kniegelenken, die du einsetzen sollst."

  • "Das ist ein grundsätzliches Problem: Dass es Krankheiten gibt, die von Kliniken behandelt werden, weil sie Geld bringen, ohne zu hinterfragen, ob das Ganze sinnvoll ist."

  • "So ein Manager an der Spitze, der sieht auf seine Bilanzen. Was sollte ein Kaufmann auch anders im Sinn haben. Der hat doch nie verspürt, was ein Patient für Bedürfnisse hat, was gute Medizin ist. Führung und Leitung wurden Menschen in die Hand gegeben, die nichts von Medizin verstehen."

  • "Ja, es wird halt mehr runtergerechnet - was lohnt sich und was nicht und dann haben manche Patienten eben Pech gehabt. Kliniken, die wirtschaftlich arbeiten wollen, stoßen alles ab, was wenig Geld bringt. Vor zehn Jahren war das noch nicht so. Dass der Patient als Kunde gesehen wird, ist das Problem, dass Medizin als etwas gesehen wird mit dem man Geld verdienen kann. Der Mensch wird damit zur Ware."

  • "Das Krankenhaus ist eher eine Fabrik als ein Ort der Barmherzigkeit. Beispielsweise Kardiologen sind profitabel. Man macht noch einen sensitiveren Test und schafft es damit noch mehr Herzkatheter einzusetzen und das bringt Cash für die Klinik."

  • "Ich glaube, dass die Entwicklungen geradezu bösartig werden. Das ist so abstrus geworden, dass hat mit Medizin bald nichts mehr zu tun."

  • "Man wird wirtschaftlich bestraft, wenn man sich Zeit für den Patienten nimmt. Wir haben für das Reden mit den Leuten keine Zeit."

  • "Also die Sprache der Leute, insbesondere in der Pflege, die hat sich verändert. Da würde ich von einer zunehmenden Verrohung der Sprache reden. Da liegen die Nerven oft blank. Und dann fragst du dich, wie wird das bloß mal wenn ich alt bin?"

  • "In der Pflege gehen die Leute auch auf dem Zahnfleisch, da wird noch mehr gespart und getaktet. Also die Hilfsbereitschaft sinkt. Und in der Pflege sind sie dauernd krank. Die sind alle am Rande des Burn-out."

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Die qualitative Studie wurde vom Bremer Arzt und Soziologen Karl Wehkamp sowie von dem Betriebswirtschaftler und ehemaligen Klinik-Geschäftsführer Prof. Heinz Naegler durchgeführt und privat finanziert. Was Prof. Wehkamp besonders empört: In staatlichen Kliniken ist ihrer Forschung zufolge der wirtschaftliche Druck nicht geringer als in privaten Häusern. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft spricht der Studie einen wissenschaftlichen Anspruch ab.

Opfer des Systems der Fallpauschalen

Die Doku spricht mit Opfern dieses Systems: Patienten, die nutzlose Operationen hinter sich haben oder in einem hektischen Klinikalltag große Angst und Unsicherheit erlebten. Insider berichten von lebensgefährlichen Situationen für Patienten, die von überlastetem Personal versorgt werden. Wer sich als Arzt Zeit nimmt und auch mal abwartet, wie sich etwas entwickelt, wird dafür finanziell bestraft. Obwohl das manchmal die beste Lösung für den Patienten ist.

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Redaktion
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Autor/in
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