45 Min

Arm und krank - Das unfaire Gesundheitssystem

Montag, 27. November 2017, 22:00 bis 22:45 Uhr

Arzt hält Hände einer Parkinson Patientin © fotolia Fotograf: Ocskay Mark

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Gabriele H. (49) ist arm. Als alleinerziehende Mutter eines 13-jährigen Jungen muss sie mit gerade einmal 300 Euro im Monat auskommen - das sind zehn Euro pro Tag. Da bleibt nichts übrig. Nicht einmal für die Zuzahlungen für Medikamente und Anwendungen, die sie bitter nötig hat. So kann es sein, dass H. zwar von ihrer Hausärztin acht Mal Rückentherapie verschrieben bekommt, sie aber das Rezept nicht einlösen kann, weil sie die 20 Euro Zuzahlung nicht aufbringt.

In manchen Stadtteilen gibt es viel zu wenig Ärzte

Gabriele H. lebt in Hamburg-Horn. Genau wie im Nachbarstadtteil Billstedt liegt das Durchschnittseinkommen mehr als 40 Prozent unter Hamburger Niveau. Und die Lebenserwartung liegt zehn Jahre darunter. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Ein Grund aber sticht besonders hervor: In beiden Stadtteilen finden sich bis zu 94 Prozent weniger Ärzte als im Rest Hamburgs.

"Hier will keiner hin. Hier gibt es keine Privatpatienten und IGeL-Leistungen kann kein Mensch bezahlen", sagt Chirurg Gerd Fass. Er ist Vorsitzender des Ärztenetzwerks Billstedt/Horn, das die ärztliche Versorgung dort nachhaltig verbessern will. Das ist nicht einfach. Denn Ärzte in Billstedt und Horn müssen doppelt so viele Patienten behandeln wie im Rest Hamburgs, verdienen aber im Schnitt 30 Prozent weniger.

Mitten in Hamburg: Armutserkrankungen

Übervolle Sprechstunden kennt auch Füsun A. (36). Sie ist Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrem chronisch kranken Mann zu sechst in einer winzigen Drei-Zimmer-Wohnung. Wie Frau H. leidet auch Füsun A. unter den typischen "Armutserkrankungen": Übergewicht und damit verbundene Rücken- und Gelenkprobleme, Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen. Familie A. muss mit 600 Euro im Monat auskommen. Da ist eine gesunde Ernährung schon rein finanziell eine echte Herausforderung.

Schafft ein einmaliges Modellprojekt Abhilfe?

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Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, wenn jetzt ein "Gesundheitskiosk" seine Arbeit aufgenommen hat. Ein bundesweit einmaliges Modellprojekt: Medizinisch geschultes Fachpersonal soll Ärzte entlasten und gezielte Gesundheitsprogramme für die Bewohner der Stadtteile entwickeln. Schon kurz nach der Eröffnung im September 2017 wurde die Einrichtung von Interessenten förmlich überrannt. Auch Gabriele H. und Füsun A. haben sich angemeldet.

45 Min hat die beiden Patientinnen mehrere Monate lang begleitet. Ärzte geben einen tiefen Einblick in ihren aufreibenden Praxisalltag. Und ein Professor führt uns durch die von ihm ins Leben gerufene "Praxis ohne Grenzen". Dort werden Menschen ohne Krankenversicherung und Papiere kostenlos behandelt.

Praxis ohne Grenzen

Vor sechs Jahren gestartet, bietet der Verein mittlerweile an acht Standorten in Schleswig-Holstein eine Sprechstunde für unversicherte Patienten an. Seit 2014 gibt es auch eine "Praxis ohne Grenzen" in Hamburg. Der Verein finanziert sich aus Spenden. Ärzte und Arzthelferinnen arbeiten ehrenamtlich.

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