Mit dem Frachtschiff durch die Karibik

Samstag, 20. Juni 2020, 13:15 bis 14:00 Uhr

Der Alltag der Besatzung auf einem Containerschiff ist auf Dauer sehr eintönig. Sechs Monate lang ist die Crew im Schnitt auf See. Sechs Monate ohne Freunde und Familie. Kontakt hat die Besatzung nur über das Internet und das auch nur, wenn das Schiff im Hafen liegt. Essen, Schlafen, Wache schieben, Rost beseitigen. Die Freizeit wird gefüllt Filme schauen, Basketball im Seewasserpool und einmal im Monat ein Fest. Da ist ein Passagier immer eine willkommene Abwechslung.

Lichtspiele auf dem Frachtschiff. © NDR/SR/Claas Vorhoff
Lichtspiele auf dem Frachtschiff.

Wer als Passagier auf ein Frachtschiff geht, ist meist der einzige Gast und oftmals ein Freund von Individualreisen. Viele freie Kabinen gibt es an Bord von Frachtschiffen nicht. Meist steht nur die Eignerkabine zur Verfügung mit Platz für höchstens zwei Personen. Für die Berliner Fotografin Franziska Taffelt ist diese Reise die perfekte Mischung zwischen Arbeitsalltag auf einem Schiff mit direktem und engem Kontakt zur Mannschaft und dem individuellen touristischen Programm, das sie von den Zielhäfen aus verfolgen kann.

Herausforderung einer jungen Kadettin

Die Seefahrt ist immer noch eine Männerdomäne, und das ist auch auf der "Conti Elektra" nicht anders. Aber die Zeiten ändern sich. Mit Kadettin Zaira Rubia gibt es immerhin schon ein weibliches Crewmitglied. Voraussetzung dafür, sich in dieser Männerwelt durchzusetzen, ist ein gesundes Selbstbewusstsein und die Überzeugung, dass Frauen alles können, was Männer auch können. Zu allem Überfluss hat sich Zaira auch noch einen der härtesten und anstrengendsten Arbeitsplätze auf dem Schiff ausgesucht: den Maschinenraum! Den ganzen Tag ohrenbetäubender Lärm, Hitze und kein Tageslicht. Aber das ist genau die Art Herausforderung, die sich die junge Frau gewünscht hat.

Eie lange Trennung von der Familie

Kapitän Elmar Diamante hat drei Kinder. Sein Einkommen macht ihn zu Hause zu einem wohlhabenden Mann. Dafür nimmt er die lange Trennung von der Familie schweren Herzens in Kauf. Stolz zeigt er Fotos seines Hauses und seiner Farm, erzählt aber auch von der Traurigkeit seiner Kinder bei jeder Abreise. Seinem Sohn rät er dringend von einer Karriere bei der Handelsmarine ab. Nichtsdestotrotz merkt man, dass er seinen Job liebt und wirklich viel von Führung und Motivation versteht. Er pflegt ein freundliches und großzügiges Verhältnis zur Mannschaft, ohne dass dadurch die Disziplin leidet oder Respekt verloren geht, im Gegenteil. So spendiert er der Mannschaft einmal im Monat auf eigene Kosten ein Fest mit großem Spanferkelessen.

Das Essen ist ausschlaggebend für die Moral

Wie auf allen Schiffen ist das Essen ausschlaggebend für die Moral der Mannschaft. Zuständig auf der "Conti Elektra" ist Koch Santiago Morales. Seine Küche begeistert Mannschaft wie Gäste. Das Kochen hat er seiner Mutter zu verdanken. Gewöhnungsbedürftig, vor allem für Passagierin Franziska, sind nur die Essenszeiten, die an die Arbeitszeiten angepasst sind: Um 8.00 Uhr Frühstück, um 12.00 Uhr Mittag und um 17.00 Uhr gibt es schon Abendessen.

Auch Landgänge gehören dazu

Die Landgänge sind, ebenso wie bei einer Kreuzfahrt, die Höhepunkte. Ihre ersten Touren macht Franziska Taffelt noch in der Dominikanischen Republik. Die Halbinsel Samana im Norden zählt zu den schönsten Landesteilen. Hier sind auch die meisten Touristen, allerdings merkt man davon wenig. Ein Effekt der vorherrschenden All-inclusive-Angebote, verlassen doch die wenigsten Gäste ihre Clubs. Für den Individualreisenden ein Segen, man trifft kaum andere Besucher*innen. Eines der Highlights ist die Bootstour durch den marinen Nationalpark Los Haitises. Die beindruckenden Mangroven sind ein Paradies für Vögel aller Art, die vorgelagerten Inseln bieten Karibikidylle pur.

Ein kurzer Rundgang in San Juan

Puerto Rico ist als Überseegebiet durch und durch amerikanisch, auch wenn die historische Altstadt noch einen wenig spanisch-kolonialen Charme versprüht. Für Franziska bleibt allerdings nur wenig Zeit, denn der Fahrplan hat sich mal wieder geändert und die "Conti Elektra" kommt Stunden später als geplant im Hafen von San Juan an. Etwas, mit dem man sich als Passagier auf einem Frachtschiff abfinden muss. Denn im Gegensatz zur Kreuzfahrt, bei der der Passagier im Mittelpunkt steht, steht beim Frachtschiff die Ladung und der Charterer an erster Stelle. Zeitpläne können sich ändern und gewartet wird nicht. Deshalb muss der Passagier auch immer erreichbar sein.

Auch das Aus- und Einchecken auf dem Schiff ist immer ein Staatsakt im wahrsten Sinne des Wortes. Anders als bei Kreuzfahrten, wo alles vorbereitet wird, muss sich der Passagier hier um vieles selbst kümmern, sich mit den örtlichen Behörden auseinandersetzen.

Der Panamakanal ist ein absolutes Highlight

In Costa Rica passiert es dann schon wieder. Die "Conti Elektra" legt erst abends an und in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages schon wieder ab. Da fällt der Besuch im Nationalpark ins Wasser. Dafür ist die nächste Station, Panama, umso beeindruckender. Franziska besucht die Gatún-Schleusen. Erste Station für Schiffe auf ihrem Weg vom Atlantik zum Pazifik durch den Panamakanal. Absolutes Highlight ist allerdings der Besuch bei den Emberá Quera. Das Dorf des indigenen Volkes ist nur per Boot zu erreichen. Auf einem Einbaum geht es tief in den Dschungel. Auch wenn die Emberá auf den Besuch von Touristen eingestellt sind, hat sich das kleine Volk viel von seiner Kultur bewahrt und führt eine friedliche und naturverbundene Existenz abgeschieden vom modernen Leben in den Städten.

Viele Dinge muss man bei einer Reise mit dem Frachtschiff selbst in die Hand nehmen. Dafür bekommt man aber einen exklusiven Einblick in eine besondere (Arbeits-)Welt und auch einen individuellen und einzigartigen Zugang zu den Ländern, die man bereist.

Autor/in
Claas Vorhoff
Redaktion
Kerstin Woldt
Redaktionsleiter/in
Ralf Quibeldey