Aland - Schweden im finnischen Schärengarten

Samstag, 06. Juni 2020, 13:15 bis 14:00 Uhr

Åland heißt Wasserland. Das weitgehend autonome Staatsgebilde, das seinen Status seit 1921 dem Völkerbund verdankt, ist ein besonderes Stück Wasser und Land in Europa. Auf 16 Inseln verteilt, leben knapp 30.000 Menschen im weiten Schärengarten Åland zwischen Finnland und Schweden. Eine autonome Region Finnlands mit Schwedisch als einziger Amtssprache, mit eigener Flagge, eigenen Briefmarken, Autokennzeichen und Internetdomäne. Eine kaum bekannte "ferne Welt" mitten in Europa, noch dazu mit traditionsreichen Verbindungen in alle Welt und die Verbindung einer alten Kultur- mit einer überwältigenden Naturlandschaft.

Wechselvolle Geschichte

Ålands Geschichte ist wechselvoll: Der Archipel war jahrhundertelang Spielball der Interessen von rund einem Dutzend (!) europäischer Mächte. Im 13. Jahrhundert gehört Åland zur schwedischen Krone, denn es liegt auf der wichtigen Seefahrtsroute ins Baltikum. In den nächsten Jahrhunderten kämpften Dänen, Finnen und Russen immer wieder um die Häfen und Festungen der Ålandinseln. Ruinen und Teile der Wehranlagen sind auf mehreren Inseln erhalten, beispielsweise auf Bomarsund, und werden im Film gewürdigt.

Aland unter der Macht des russischen Zaren

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Åland zusammen mit Finnland russisch. Das Zarenreich rekrutierte hier Siedler für seine wenig entwickelte Besitzung: "Russisch Amerika". Bis heute lassen sich Verbindungen zwischen den Schärenbewohnerinnen und -bewohnern und Familien in Ninilchik, Sitka oder Kodiak in Alaska nachweisen. Eine bizarre Minderheitskultur am Rande des American Way of Life. Das Åland Islands Emigrant Institute verfolgt die Spuren der Åländer in aller Welt, in der Hauptstadt Mariehamn hat sogar schon eine internationale Konferenz zum Thema "Die anderen Russen" stattgefunden. Die Historikerin Eva Meyer berichtet darüber und zeigt Fotografien aus ihrem Archiv.

Bootshäuser auf Kökar © NDR/SR/Peter Kruchten
Bootshäuser auf Kökar.

Immer schon waren die Åländer Auswanderer, ob zum Dienst in den Kolonien gepresst oder durch materielle Not gezwungen. Vor der mittelalterlichen Kirche von Jomala auf Fasta Åland ist den Auswanderern, die in der Heimat kein Auskommen mehr fanden, ein Denkmal gewidmet. Ihr Ruf als "tüchtige Seeleute" eilte den Åländern voraus, viele Männer fanden rund um den Globus Arbeit auf Handelsschiffen.

Die Geschichte der Tallships

In Mariehamn verwirklichte Anfang des 20. Jahrhunderts der Reeder Gustaf Erikson eine ungewöhnliche Geschäftsidee. Obwohl die Ära der Dampfschiffe längst angebrochen war, kaufte er mehr als 40 Großsegler, die damals größte Flotte weltweit, und setzte sie noch bis Anfang der 1950er-Jahre zum Transport von Getreide zwischen Australien und England ein. Im Westhafen von Mariehamn liegt das letzte dieser Tallships, die "Pommern". In dem Film wird die Geschichte Eriksons und seiner Flotte erzählt und an diesem und anderen Beispielen gezeigt, wie vielfältig und eng sich die Verbindung der Åländer zum Meer darstellt. Unter anderem gibt es dazu einen Besuch auf dem Reeder-Bauernhof Pellas auf Lemland sowie im modernen Seefahrtsmuseum.

Fährverbindungen nach Schweden und Finnland

Ein weiterer, aktueller Aspekt der Seefahrtsgeschichte manifestiert sich in den riesigen Fähren, die zwischen Turku beziehungsweise Stockholm und Åland verkehren. Fast könnte man in ihnen die modernen Nachfahren der Großsegler sehen. Das Filmteam begleitet ein Schiff der Tallink & Silja Line und spricht mit dem Kapitän. Mit kleinen Passagier- und Autofähren wird innerhalb des Archipels von einer Insel zur nächsten übergesetzt.

Je kleiner und abgelegener die Inseln, desto intensiver spürt man die Besonderheiten des Lebens in und mit der Natur. Keine Industrie, keine militärischen Einrichtungen, kein Massentourismus: Die Vorteile liegen auf der Hand, die damit einhergehenden Herausforderungen, den Mangel, den Verzicht, muss man sich vergegenwärtigen. Menschen schildern, warum sie dieses Leben gewählt haben, zum Beispiel der Apfelbauer Pedar und seine Frau, der Leiter eines Kirchenchors und eine Archäologin.

Autor/in
Peter M. Kruchten
Redaktion
Kerstin Woldt
Redaktionsleiter/in
Ralf Quibeldey