Stand: 16.12.2016 15:26 Uhr

So sieht ein Profiler den Fall Mundo

Stephan Harbort. © NDR
Um den Fall Mundo zu rekonstruieren, ist Profiler Stephan Harbort nach Frankreich gefahren.

Komplexe Situationen entschlüsseln und Fälle mit Blick auf die Täterpsyche lösen: Das ist das Tagesgeschäft von Profiler Stephan Harbort. Seit mehr als dreißig Jahren ist der Düsseldorfer Kriminalist - und Autor. Er gilt als Experte für Serienmorde und Täterprofile und schreibt gerne über seine Fälle. Der Fall Mundo hat ihn gereizt: Markus Mundo sitzt seit fünf Jahren wegen Mordes an seinem Vater und seinem Bruder in Haft, beteuert aber seine Unschuld. Dass der verurteilte Straftäter die Tat auch nach dem Urteil immer wieder abstreitet, ist keine Besonderheit. Das erlebt Stephan Harbort immer wieder. Doch etwas anderes erscheint dem Profiler bei der Tat sehr ungewöhnlich. Er entschließt sich, den Fall neu aufzurollen.

Was hat Sie als Profiler daran gereizt, den Fall zu untersuchen?

Stephan Harbort: Wir haben es hier mit einem Fall zu tun, der außergewöhnlich ist. Atypische Tatverläufe kenne ich zur Genüge. Ich möchte meine Erfahrung mit Fällen erweitern, die vom Standardverlauf abweichen. Bei diesem Fall sehen wir unvollständige Handlungen an unterschiedlichen Orten. Für mich ist es eine Herausforderung, bestimmte Strukturen herauszuarbeiten und zu schauen: Welche Art Täter kann in Betracht kommen? Welche Persönlichkeitsmerkmale gibt es? Um dann am Ende zu schauen, ob das zu derjenigen Person passt, die wegen der Tat verurteilt wurde. In diesem Fall Markus Mundo.

Was ist aus Ihrer Sicht an diesem Fall besonders?

Harbort: Zunächst ist der Ausgangspunkt in Deutschland, der Täter muss bis Frankreich eine große Entfernung zurückgelegt haben. Außerdem wurden die Leichen an zwei unterschiedlichen Orten abgelegt. Das provoziert Fragen: Warum ist das so gelaufen? Warum nicht anders? Das sind Merkmale, die man sonst bei Tötungsdelikten sehr selten beobachtet.

Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit als Profiler vor?

Harbort: Ich stelle meine Arbeit unter einen bestimmten Qualitätsstandard, ich orientiere mich in erster Linie an objektiven Daten. Zeugenaussagen beispielsweise sind für mich zunächst zweitrangig. Ich orientiere mich an Obduktionsbefunden, Befundberichten, Daten wie das Wetter, alles, was Beweis darüber bringen kann, was passiert ist und wie es passiert ist. Wenn diese erste Phase abgeschlossen ist, dann versucht man die Handlung als solche zu rekonstruieren. Das ist sozusagen das Herzstück einer Analyse. Dafür muss man sich auf möglichst objektive Kriterien beschränken. Denn die Schlussfolgerungen, die da kommen, sind ja auch schon Hypothesen. Und wenn das Ganze nur auf Hypothesen fußen würde, die wiederum Hypothesen generieren, dann wären wir in einem Bereich, der fast schon in die Spekulation geht. Genau das soll nicht sein.

Wir als Menschen sind es gewohnt, die Fakten, die uns das Leben hinwirft, schnell zu interpretieren. Was ist daran gefährlich?

Harbort: Gefährlich ist daran, dass die meisten Menschen, die eben kein kriminalistisches Denken kennen, zunächst einmal sich selbst als Maßstab nehmen oder ihre persönliche Lebenserfahrung. Die muss aber nicht deckungsgleich sein mit dem, was der Kriminalist als Erfahrungswert zur Verfügung hat. Das Denken von Einzelpersonen ist immer subjektiv eingefärbt. Man muss sich aber in erster Linie auf objektive Daten stützen.

Sie haben sich in Ihrer Laufbahn in die Brutalität, die Taten und Gedankenwelten Hunderter Mörder hineinversetzt, sie verhört und analysiert. Hat Sie das als Mensch verändert?

Harbort: Ich versetze mich nicht in die Gedankenwelt eines Mörders, denn das kann ich nicht. Ich kann Verhalten beurteilen, daraus kann ich Schlussfolgerungen ziehen, aber ich kann nicht in die Seele oder in die psychischen Befindlichkeiten hineinschauen, das geht nicht.

Als Mensch hat mir meine Arbeit neue Erkenntnisse vermittelt, dass ich eben auch im privaten Bereich die Dinge methodisch übernehme, weil ich gemerkt habe, es macht keinen Unterschied, ob ich jetzt verbrecherisches Handeln analysiere oder sozial akzeptiertes. Zum Beispiel bei uns in der Familie: Jemand verschüttet etwas auf dem Frühstückstisch. Da kann man schon mit fallanalytischen Mitteln rangehen und versuchen herauszuarbeiten, was das für eine Fall- und Persönlichkeitsstruktur ist. Ich nehme auch viel von dem Fallwissen mit in mein Privatleben, zum Beispiel bei der Lügenerkennung. Die meisten denken ja, sie seien die größten Lügenexperten auf dem Planeten, weil sie ja mitunter viele positive Erfahrungen gemacht haben.

Woran erkennen Sie denn, ob jemand lügt? Sie werden ja häufig angelogen.

Harbort: Wenn ich den Eindruck gewinne, jemand belügt mich, versuche ich auf inhaltliche Aspekte zu schauen. Wer authentisch berichtet, der wird Emotionen einbauen, wird Handlungsbrüche erkennen lassen, der wird sich an bestimmte Dinge nicht erinnern können. Das heißt, das Ganze wirkt ein wenig unvollständig, nicht perfekt. Der Lügner aber wird sich schon vorher eine Lügengeschichte ausgedacht haben und sie auch entsprechend vortragen. Man kann zum Beispiel auch bestimmte Fragen stellen. Wenn mir jetzt jemand weismachen will, dass er "gestern im Restaurant X mit Person Y war" dann kann man, sollte man die Örtlichkeit kennen, nachhaken: "Waren die Toiletten da nicht links rum? Die hatten letztens so gelbe Servietten, haben die die immer noch?" Man kann also Fragen stellen, die meine Intention nicht erkennen lassen, mir aber widerspiegeln: War der wirklich da?

Man muss aber auch deutlich sagen: Wenn man mit einer sehr kurzen Lüge bedient wird, dann habe ich im Grunde genommen keine Möglichkeiten anzugreifen. Wissenschaftlich ist es auch bereits nachgewiesen, dass selbst die sogenannten Profilügenexperten wie Polizisten und Kriminalisten in entsprechenden Untersuchungen ein Ergebnis erzielen, das im Grunde genommen bei der Lügenerkennung nichts anderes darstellt, als dass man auch eine Münze hätte werfen können.

Das Interview führte Alisha Elling.

Weitere Informationen
Rückenansicht eines Mannes, der durch einen Gefängnisflur geht. © NDR

MUNDO. Die Spur des Mörders

Seit fünf Jahren sitzt Markus Mundo wegen Doppelmordes im Gefängnis. Er beteuert seine Unschuld. Profiler Harbort rollt den Fall neu auf - eine wahre Geschichte voller Widersprüche. mehr

Dieses Thema im Programm:

Film im NDR | 24.11.2019 | 00:45 Uhr

JETZT IM NDR FERNSEHEN

DAS! 05:15 bis 06:00 Uhr