Stand: 11.09.2019 11:49 Uhr  | Archiv

Deutsche Jugendliche berichten über Gewalt im rumänischen Jugendheim

Im Fall der Misshandlungsvorwürfe gegen ein von Deutschen betriebenes Heim für Schwererziehbare in Rumänien sind neue Details bekannt geworden. Nach NDR-Informationen haben drei Jugendliche und ein junger Erwachsener rumänischen Ermittlern ausführlich von Gewalterlebnissen, Zwangsarbeit und Isolationsstrafen berichtet. Dies geht aus Vernehmungsprotokollen der rumänischen Ermittlungsbehörden hervor, die der NDR einsehen konnte. Der deutsche Träger der Jugendhilfeeinrichtung in der nordrumänischen Region Maramures, die „Kinder- und Jugendhilfe Wildfang GmbH“ im niedersächsischen Bothel, bestreitet die Vorwürfe.

In den Vernehmungsprotokollen der rumänischen Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von organisierter Kriminalität und Terrorismus (DIICOT) wird an mehreren Stellen von Prügelattacken und körperlicher Gewalt berichtet. So sagte ein 18-Jähriger aus Nordrhein-Westfalen: „Wenn wir irgendeinen Fehler machten, wurden wir mit Prügel bedroht und übel verprügelt.“ Zwei Heimmitarbeiter hätten ihm in so einem Fall einmal die Nase gebrochen, ihn aber erst Stunden später in ein Krankenhaus gefahren. Dem an einem Nervenleiden Erkrankten seien nach eigenen Angaben während seines Aufenthalts in der Einrichtung seine Medikamente vorenthalten worden. Eine 15-Jährige, ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen, berichtete von Schwerstarbeit, zu der sie gezwungen worden sei: „Wenn ich mich weigerte, wurde ich bestraft und geschlagen.“ Ein 17-Jähriger aus Hessen sagte, es gebe in der Nähe der Einrichtung ein „verlassenes Haus, wo wir hingebracht wurden, um bestraft zu werden- mit Zwangsarbeit, Schlägen, wenig Essen und Isolation.“

Vertreter des Trägers „Kinder- und Jugendhilfe Wildfang“ sagten im Interview mit dem NDR Politmagazin „Panorama 3“, sie könnten die schweren Vorwürfe einiger Jugendlicher nicht nachvollziehen. Es gebe in der Jugendhilfeeinrichtung keine Bestrafungen, so Philipp Ghassemieh, Verantwortlicher für die Auslandsprojekte: „Es ist überhaupt nicht unsere Aufgabe zu bestrafen, sondern wir erziehen. Und das ist dann eine Schutzmaßnahme für die Jugendlichen.“ Dass Jugendliche angäben, sie seien in einigen Momenten gegen ihren Willen festgehalten worden, treffe zwar wahrscheinlich zu. In einer Krise sei ein solches gewaltsames Festhalten jedoch notwendig, um eine Selbst- und Fremdgefährdung auszuschließen, so Geschäftsführer Dirk Precht. Auch dem Vorwurf der Zwangsarbeit widersprachen die Vertreter des Trägers. Die Jugendlichen waren nach dem Scheitern von Erziehungsmaßnahmen im Inland nach Rumänien geschickt worden, wo sie zunächst in dem Heim lebten und anschließend in Bauernfamilien aufgenommen wurden. Es gebe in diesen Familien einen „strukturierten Tagesablauf“, zu dem auch Hofarbeiten gehörten. Dabei handle es sich aber keineswegs um Zwangsarbeit.

Ein Sprecher des niedersächsischen Landesamts für Soziales, Jugend und Familie erklärte, im Schnitt seien alle zwei Monate Jugendamtmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in der Einrichtung in Rumänien: „Nach Auskunft der betreffenden Jugendämter gab es zuletzt keine Beanstandungen.“ Angesichts von Vorfällen beobachte auch das Bundesfamilienministerium die Erlebnispädagogik im Ausland „besonders aufmerksam“, so ein Sprecher auf Anfrage des NDR: „Und natürlich gehen wir den Misshandlungsvorwürfen gegen das Projekt Maramures nach. Grundsätzlich halten wir eine weitergehende Schärfung und Qualifizierung der Regelungen zu Auslandsmaßnahmen für notwendig. Insbesondere erscheinen die Kontrollen gegenwärtig nicht hinreichend und müssen verschärft werden.“

Die rumänischen Behörden hatten Ende August eine Razzia in der Einrichtung in Maramures durchgeführt. Dabei waren fünf Mitarbeiter, darunter der deutsche Leiter, festgenommen und Bargeld in Höhe von knapp 150.000 Euro beschlagnahmt worden. Die Vorwürfe lauten unter anderem auf Freiheitsberaubung und Menschenhandel. Die Festgenommenen sind rumänischen Medienberichten zufolge noch immer in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen der rumänischen Behörden sind im Gange.

11. September 2019

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