Lauterberger Stuhlarbeiter der Firma Hillegeist stehen vor Theatergestühl, das nach Holland exportiert werden soll (Aufnahme um 1906) © Privatarchiv Hans-Heinrich Hillegeist

Lang und erbittert: Der Stuhlarbeiter-Streik in Lauterberg

Stand: 03.03.2021 11:08 Uhr

Ausbeutung und Lohndrückerei sind Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts an der Tagesordnung. Am 2. März 1896 treten die Lauterberger Stuhlarbeiter in den Streik. Es beginnt ein brutaler Arbeitskampf - und mit 32 Wochen der damals längste.

von Irene Altenmüller

Lauterberg im Harz, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Bergbau, von dem der kleine Ort über Jahrhunderte lebte, ist im Niedergang. Stattdessen hat sich die Möbelproduktion etabliert. Allein neun Stuhlfabriken sind in der Region ansässig, sie beschäftigen bis zu 1.000 Arbeiter. Hinzu kommen zahlreiche Frauen, Alte und auch Kinder, die in Heimarbeit als Stuhlflechterinnen und -flechter arbeiten.

Arbeiter haben kaum Rechte

Eine historische Postkarte zeigt den Ort Lauterberg im Harz im Jahr 1907, Blick vom Glockenturm. © picture alliance / arkivi
Lauterberg auf einer Postkarte aus dem Jahr 1907. Bis 1915 ist der Ort ein wichtiges Zentrum der Holzproduktion.

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind erdrückend. Geschuftet wird zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Urlaub gibt es nicht. Werkzeug und Petroleum für das Licht am Arbeitsplatz haben die Beschäftigten selbst mitzubringen, einen Teil der Arbeitsmaterialien müssen sie bei den Fabrikbesitzern kaufen - oft zu Preisen über den handelsüblichen. So wandert ein Teil des Lohns gleich wieder zurück zum Unternehmer.

Kurzarbeit und Lohndrückerei bestimmen den Alltag

Um die Materialien bezahlen zu können, müssen sich viele Arbeiter verschulden und geraten in eine Spirale der Abhängigkeit. Schwankt der Absatz der Stühle, kürzen die Unternehmer den Arbeitern die Löhne. "Kurzarbeit und Lohndrückerei bestimmten das Arbeitsklima", schreibt dazu der Autor und Politiker Klaus Wettig, der sich intensiv mit dem Thema befasst hat. Gewerkschaften sind nach dem Ende des Sozialistengesetzes 1890 erst seit Kurzem wieder zugelassen und Gewerkschafter massivem Druck ausgesetzt: "Wurde die Mitgliedschaft bekannt, folgte bald die Kündigung", so Wettig.

Weitere Lohndrückerei lässt die Situation eskalieren

Im März 1896 will der Stuhlfabrikant Haltenhoff erneut die Löhne senken. Doch diesmal wehren sich die Arbeiter. "Die Stuhlbauer wollten oder auch konnten die Stühle für den Preis nicht machen", schreibt dazu Heinrich Hillegeist, der 1896 ebenfalls eine Stuhlfabrik in Lauterberg besitzt, in seinen Erinnerungen. Am 2. März treten die Arbeiter in den Streik. Unterstützung erhalten sie vom Holzarbeiterverband, einer 1893 gegründeten Gewerkschaft.

Fritz Erfurth führt den Streik an

Anführer der Streikenden ist Fritz Erfurth. Er selbst ist kein Holzarbeiter, sondern Tabakhändler und erst seit Kurzem in Lauterberg ansässig. Er war vom Holzarbeiterverband in die Region geschickt worden, um Mitglieder zu werben - eine in der damaligen Zeit übliche Praxis der Gewerkschaften, um ihren Einfluss zu vergrößern. Den Erinnerungen Hillegeists zufolge gelingt es Erfurth, in kurzer Zeit rund 700 Mitglieder für die Gewerkschaft zu gewinnen. "Der Fall Haltenhoff & Zeideler brachte ihm glänzenden Erfolg", schreibt er.

Fabrikanten schließen sich zusammen

Historische Porträtaufnahme des Lauterberger Stuhlfabrikanten Heinrich Hillegeist. © Privatarchiv Hans-Heinrich Hillegeist
Heinrich Hillegeist besitzt 1896 eine der Lauterberger Stuhlfabriken. In seinen Erinnerungen beschreibt er die Ereignisse.

Schon bald gilt Erfurth den Unternehmern als sozialistischer Teufel. Sie schließen sich zu einem Kartell zusammen und vereinbaren vertraglich, dass "falls in einem Betriebe ein Streik ausbrechen sollte, alle anderen Betriebe verpflichtet seien, ihre sämtlichen Leute auszusperren oder 3.000 Mark Strafe an die Uebrigen (Fabrikanten, Anm. d. Red.) zahlen müßten".

Gewalttätige Auseinandersetzungen mit Streikbrechern

Beide Seiten führen den Streik mit aller Härte. Als die Unternehmer Streikbrecher von auswärts anheuern, kommt es zu Schlägereien, teilweise fallen sogar Schüsse. Bei Messerstechereien werden mehrere Menschen verletzt, ein Streikbrecher-Lokal brennt nieder.

Arbeiter und Arbeiterinnen politisieren sich

Doch die Aussperrungen haben für die Arbeiter auch positive Auswirkungen: Erstmals in ihrem Leben haben sie Freizeit. Viele nutzen dies, um sich zu politisieren: "Die Arbeiter haben Muße zum Nachdenken über sozialpolitische Dinge und eine allwöchentlich stattfindende große Versammlung unterstützt die Bildungsbestrebungen in vorzüglicher Weise", berichtet etwa die Gewerkschaftszeitung "Der Holzarbeiter" am 21. Juni 1896.

An den Versammlungen nehmen viele Frauen teil, oft auch als Rednerinnen. Mitglied einer Partei oder einer Gewerkschaft dürfen sie nicht werden - diese öffnen sich für Frauen erst 1908.

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SPD-Presse ruft im ganzen Reich zu Spenden auf

Der Streik leert die Kassen des Holzarbeiterverbands - die noch junge Gewerkschaft verfügt nur über begrenzte Mittel und hat den Durchhaltewillen der Unternehmer unterschätzt. Die Gewerkschaft muss von allen Mitglieder einen Zusatzbeitrag erheben, um den Streik zu finanzieren. Im ganzen Reich ruft zudem die SPD in ihren Presseorganen dazu auf, den Lauterberger Arbeitskampf finanziell zu unterstützen.

13. Oktober 1896: Streik endet für die Arbeiter desaströs

Lauterberger Stuhlarbeiter der Firma Hillegeist stehen vor Theatergestühl, das nach Holland exportiert werden soll (Aufnahme um 1906) © Privatarchiv Hans-Heinrich Hillegeist
Lauterberger Stuhlarbeiter der Fabrik Hillegeist auf einer Aufnahme von 1906. Die Männer stehen vor einem Theatergestühl, das nach Holland exportiert wird.

Nach Monaten des Arbeitskampfs droht dem Holzarbeiterverband trotzdem der finanzielle Ruin. Im Geheimen schickt er Unterhändler nach Lauterberg, um mit den Fabrikanten zu verhandeln. "Sie baten uns, die Leute wieder einzustellen und zwar zu den Bedingungen, welche wir stellen würden," schreibt Hillegeist in seinen Erinnerungen. Für die Arbeiter endet der Streik desaströs. Die Streikenden werden entlassen und neu eingestellt. Vorher müssen sie sich verpflichten, aus der Gewerkschaft auszutreten, Lohnerhöhungen gibt es nicht. Immerhin sichern die Unternehmer zu, die Arbeit des Holzarbeiterverbands künftig nicht zu behindern.

Streikführer muss Lauterberg verlassen

Der Streikführer Fritz Erfurth muss auf Druck der Unternehmer den Harz mit seiner Familie innerhalb von 14 Tagen verlassen. Nach 32 Wochen, am 13. Oktober 1896, wird der Streik, der als bis dahin längster und dramatischster in die Geschichte eingeht, offiziell beendet.

Ernüchternde Folgen des Streiks

Bei den Gewerkschaften führt die Erfahrung in Lauterberg dazu, ihre Satzungen zu ändern. Künftig dürfen örtliche Streiks nur noch mit Genehmigung der Zentralen geplant und begonnen werden. Die Arbeitsbedingungen der Stuhlarbeiter ändern sich in den Folgejahren kaum, auch die Lohndrückerei der Fabrikanten geht weiter. Erst im neuen Jahrhundert kommt wieder Bewegung in die Sache. Der Holzarbeiterverband - mittlerweile zur drittgrößten Gewerkschaft im Deutschen Reich herangewachsen - handelt im Jahr 1907 erfolgreich Tarifverträge aus, in denen Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen festgeschrieben werden.


03.03.2021 11:08 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir das Streikende fälschlicherweise in das Jahr 1986 datiert und eine Streikdauer von 23 Wochen angegeben. Tatsächlich endete der Stuhlarbeiter-Streik nach rund 32 Wochen am 13. Oktober 1896. Wir bitten, die Zahlendreher zu entschuldigen.

 

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NDR Info | ZeitZeichen | 19.10.2013 | 19:05 Uhr