Stand: 28.04.2016 18:15 Uhr

Toter "Kurti" soll in Berlin untersucht werden

Das Ende kam im Heidekreis: Der Wolf "MT6", der in sozialen Netzwerken den Spitznamen "Kurti" erhielt, ist am Mittwochabend um kurz nach 20 Uhr erschossen worden. Das sagte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Entscheidend sei die Abwägung des mildesten Mittels im Umgang mit dem Tier im Vergleich zur Sicherheit des Menschen gewesen, so Wenzel weiter. Den tödlichen Schuss gab ein Scharfschütze der Polizei ab - "wir haben die Polizei um Amtshilfe gebeten", sagte der Umweltminister wörtlich.

"Viel näher, als wir für vertretbar halten"

Die Entscheidung, den Wolf zu töten, sei gefallen, nachdem es am Wochenende des 24. und 25. Aprils erneut zu Berichten über Begegnungen zwischen "MT6" mit Menschen gekommen war - nach der sogenannten Vergrämung, die zuvor ausprobiert worden war. Zwar seien drei Wochen lang keine neuen Begegnungen mit dem sogenannten Problemwolf gemeldet worden, doch am betreffenden Wochenende änderte sich das. "Der Wolf war viel näher, als wir das für vertretbar halten", sagte Wenzel.

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Kommt die "Schnelle Eingreiftruppe"

Bleibt es nach dem Tod von "Kurti" bei diesem Einzelfall? Oder was passiert, wenn wieder ein Wolf zu zutraulich reagiert? Zunächst müsse alles getan werden, um auffällige Wölfe zu vergrämen, so Wenzel. Wie im aktuellen Fall setzt das Land dabei zunächst weiter auf die Hilfe des Experten aus Schweden. Mittelfristig sei aber auch eine eigene sogenannte "Schnelle Eingreiftruppe" denkbar. "Kurti" soll jetzt im Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung genetisch sowie auf mögliche Krankheiten und Verletzungen untersucht werden.

Erste gezielte Tötung in Deutschland

Es ist das erste Mal seit der Rückkehr der Tiere, dass ein Wolf in Deutschland auf Anordnung der Behörden gezielt getötet wurde. "Über diesen Ausgang kann sich niemand freuen", sagte Wenzel. Er vermutet, dass das Tier eventuell durch Anfütterung oder sonst bei der Nahrungsaufnahme Kontakt zu Menschen gehabt habe - und auf diese Weise seine Scheu verloren habe. Er hoffe, dass die Tötung des Wolfes ein Einzelfall bleibt.

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Erster Wolfsabschuss: "Kurti" kam Menschen zu nahe

Der Wolf MT6, auch "Kurti" genannt, ist im April 2016 getötet worden. Zuletzt sorgte der Problemwolf immer wieder für Diskussionen, weil er den Menschen zu nahe kam. Bildergalerie

Naturschutzverbände äußern Bedauern und Verständnis

In einer gemeinsamen Erklärung äußerten sich die Naturschutzverbände IFAW, NABU und WWF zum Abschuss des Wolfs. Die Verbände drückten darin ihr Bedauern, aber auch ihr Verständnis für die Entscheidung des Umweltministeriums aus. "Die dauerhafte Rückkehr des Wolfs nach Deutschland ist nur mit der breiten Akzeptanz der Bevölkerung möglich. Es muss daher vermieden werden, dass einzelne auffällige Wölfe die Akzeptanz der ganzen Art gefährden. Auch muss verhindert werden, dass ein auffälliger Wolf sein Verhalten an den Nachwuchs weitergibt und somit möglicherweise ein ganzes Rudel auffälliges Verhalten zeigt, so die Verbände.

"Gehege wäre Tierquälerei"

Der Rüde mit der Kennung "MT6" war als sogenannter Problemwolf bekannt geworden, weil er sich immer wieder auffällig verhalten und Menschen genähert hatte. Ursprünglich sollte der Wolf in das Wisentgehege in Springe (Region Hannover) gebracht werden. In Abstimmung mit dem neuen Wolfsberatungszentrum auf Bundesebene fiel die Entscheidung gegen die Unterbringung in einem Gehege, teilte das Ministerium mit. Die potenziellen Auffangstationen, das Wolfscenter in Dörverden und der Naturpark Lüneburger Heide, hatten sich - ebenso wie das Gehege in Springe - gegen eine Unterbringung ausgesprochen. Es sei Tierquälerei, ein wildes Tier in ein Gehege zu sperren, begründeten die Tierparks ihre ablehnende Haltung.

Diskussionen über "Kurti" in sozialen Medien

Unterdessen sorgt die erste "Entnahme" eines Wolfs seit der Wiederansiedlung in den sozialen Medien nicht nur deutschlandweit für Gesprächsstoff. Beim Kurznachrichtendienst Twitter war "Kurti" kurzzeitig sogar bundesweit im Trend und bei Facebook wird die Tötung ebenfalls kommentiert.

Ausgewählte Kommentare zum Abschuss des Wolfs auf Facebook und Twitter

  • AndreaBaer_Bo schreibt bei Twitter:

    "Seine Neugier war sein Todesurteil!"

  • Greenpeace Göttingen sagt zum Tod von Kurti:

    "Rückkehr des Wolfes ist wichtig für deutschen Naturschutz. Der Abschuss von #Kurti deshalb um so tragischer."

  • Lisbeth Boris Hardel findet:

    "Leider richtig - zum Schutz der anderen Wölfe!"

  • Grünkäppchen schreibt via Twitter:

    "r.i.p. Kurti"

  • Henrick Müller schreibt auf Facebook:

    "Alleine bei Tönnies werden jedes Jahr 16 Millionen Schweine geschlachtet. Viele Tiere darunter, die nichts erlebt haben, was sich als Leben bezeichnen ließe. Und jetzt wird wegen eines Wolfes Kurti so eine Welle gemacht? Der moderne Mensch hat ein schizophrenes Verhältnis zur Natur."

  • Michael Pröschild meint:

    "'Letal entnommen' ? Verharmlosender kann man HINGERICHTET nicht formulieren."

  • Tino Hildebrandt vertritt die Auffassung:

    "Wann erkennt der Mensch endlich, das er selbst das Problem-Tier ist und sich in den Lebensraum der seit Jahrtausenden dort lebenden Tiere zwängt?"

  • Franzi Eibig schreibt:

    "Mh, sicher ist das nicht schön und ich freue mich über jeden Wolf, der hinzu kommt, aber grundlos wurde er sicher nicht abgeschossen und wäre eine Unterbringung ohne Probleme möglich gewesen, dann wäre das sicher geschehen. Abgesehen davon, wären dann wieder Leute gekommen und hätten geschimpft, weil ein freilebender Wolf nun in Gefangenschaft leben muss."

  • Brigitte Be versteht die Entscheidung nicht:

    "Ich kann und will diese ganzen Erklärungen nicht nachvollziehen! Es wird ein gesundes Tier getötet, weil man nicht anders kann? oder will!!! Der 'Aufwand', ein passendes großes Wolfsgehege für 'Kurti' zu finden ist ja auch übertrieben, oder?!"

  • Steph Cuckson kommentiert:

    "So traurig das für dieses Individuum 'Kurti' ist, stimme ich Jürgen Schüler zu. Die Alternative wäre ein Leben in Gefangenschaft gewesen, was ich persönlich für ein in freier Natur aufgewachsenes Wildtier (...) wenig erstrebenswert finde."

  • Jürgen Schüler meint:

    "Ich bin ein großer Tierfreund und vehementer Kritiker von nicht sachlich begründeter Jagd. In diesem Fall halte ich die Entscheidung, den Wolf zu töten, aber für richtig. Er verhielt sich ungewöhnlich für einen Wolf in einer Weise, die gefährlich für Menschen werden kann, wahrscheinlich sogar geworden wäre. Bei uns neigt man dazu, erst zu warten, bis etwas geschieht, bevor man handelt, aber das Geschrei ist groß, wenn was passiert. Man stelle sich nur mal vor, dass dieser verhaltensauffällige Wolf jemanden verletzt hätte. (...) Das kann ja wohl kein Wolf-Freund wollen, genau so wenig, dass jemand durch ein verhaltensauffälliges Tier zu Schaden kommt." (...)

  • Jörg Seeland urteilt:

    "Das sieht der Menschheit wieder ähnlich. Kommt man Ihr zu nah wird gleich wild um sich geballert. Natürlich ist der Wolf als solches menschenscheu. Gab es doch vor weit aus mehr als 100 Jahren auch weniger Menschen. Also konnte der Wolf auch immer weit genug ausweichen. In der heutigen Zeit kann er das aber nicht mehr. (...) Man hätte Ihn entnehmen können und zu Artgenossen bringen können. Er hätte nicht mehr jagen gehen müssen. Und er wäre eingesperrt gewesen. Aber er hätte leben können." (...)

  • "Der Alte Poet" schreibt auf Twitter:

    "Wenn die Menschen sagen, sie wollen mehr Natur, meinen sie allzuoft die Landliebe-Klischeenatur, doch die gibt es nur in der Werbung!"

  • "Katischakalaka" twittert:

    "Juhu, der Wolf wird wieder heimisch. --- Oh, er verhält sich wie ein Wolf. Lieber mal abschießen!"

  • "Yolanda" schreibt:

    NO!! WHY!!! :'( :'( They killed a wolf only because he would come to close to people, but he never did anything!!

  • "AniaNightheart" kommentiert:

    "Er hat sich nur genähert ... noch gar nichts böses gemacht. Ich bin auch ein Problemwolf."

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Kurti wieder ohne Scheu

"Kurti" hatte sich in den vergangenen Tagen erneut Menschen bis auf wenige Meter genähert. Im Februar war der Wolf in Breloh im Heidekreis einer Spaziergängerin, die mit einem Kinderwagen unterwegs war, hinterhergelaufen. Auch soll er sich an einem Zaun der Flüchtlingsunterkunft in Bad Fallingbostel zum Schlafen hingelegt haben. Am Wochenende wurde bei Groß Hehlen im Landkreis Celle der angeleinte Hund einer dreiköpfigen Familie von einem Wolf mit Sendehalsband gebissen. Das Ministerium machte auch "Kurti" verantwortlich, weil es nur zwei Wölfe mit Peilsender in Niedersachsen gibt und "Kurti" einer davon war.

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Dossier: Wölfe in Niedersachsen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 28.04.2016 | 10:30 Uhr